Freitag, 25. November 2016

Schoolwatch, IV


Fortsetzung vom 24.11.

Aber wenn Herr Meier das alles weit von sich weist
und das Gespräch in Unfrieden endet?

Nun, der Anruf bei Herrn Meier ist nur der eine Teil der
Schoolwatch-Aktion. Es soll ja auch Jana angerufen wer-
den - in jedem Fall und unabhängig davon, wie der
Lehrer reagiert. Wenn die Eltern der Initiative Jana und
ihre Eltern kennen und wissen, dass so ein Anruf nicht
zusätzlich belastend wirkt, wird dieses Gespräch geführt.
Trost und Mitgefühl sollen ausgesprochen werden, und
Janas Belastung kann sich vielleicht in einem erleichterten
Lachen lösen.

Doch meistens werden die Eltern von Schoolwatch das
Kind nicht kennen. Und so ist es auch in diesem Fall.
Niemand weiß, wie ein Telefonat von fremden Eltern
bei Jana (und ihren Eltern) ankommen wird. Dasselbe
würde für einen Besuch gelten, der anstelle eines Anrufs
auch immer in Erwägung gezogen wird. Doch neben
der Möglichkeit, Jana anzurufen oder sie zu besuchen,
gibt es ja den Schoolwatch-Brief. Es wird ein Gruß ver-
schickt, ein paar Zeilen, die deutlich machen, dass Jana
nicht allein steht und dass es Menschen gibt, die zu ihr
halten und die aussprechen, dass das, was passiert ist,
Unrecht war.

Ein Anruf oder ein Besuch kommen nur dann in Be-
tracht, wenn das Kind und seine Eltern der Schoolwatch-
Gruppe bekannt sind. Dies ist schon Einmischung in
persönliche Angelegenheiten genug. Mit einem Brief aber
von den unbekannten Eltern der Initiative stellt sich die
Frage nach der Einmischung eindringlich: Wie wird der
Brief ankommen? Was sind die Risiken und Chancen?
Wußte Jana überhaupt etwas von dem Anruf ihrer Freun-
din bei Schoolwatch? Und wenn sie es wußte, war sie
damit einverstanden? Wird Jana den Brief als Anmaßung
und Bloßstellung zurückweisen und sich obendrein noch
vorgeführt vorkommen? Oder erlebt Jana den Brief als
Überraschung, die ihr hilft? Hat sie ihn erwartet, herbei-
gewünscht, und freut sie sich über dieses Symbol von
Zuwendung und Trost?

Die Eltern der Initiative haben eine entschiedene, spezifi-
sche Grundposition: Sie sehen die Gleichwertigkeit des
Erwachsenen und des Kindes. Sie wissen darum, dass per-
sonale Begegnungen auf einer gleichwertigen Basis stets
die Chance des Gelingens und das Risiko des Scheiterns
enthalten. Sie haben keine pädagogische Absicht bei ihrer
Aktion. Sie bieten ihre Hilfe und ihren Trost an, weil sie
nicht tatenlos zusehen können, wenn vor ihren Augen Leid
geschieht. Und sie wissen darum, dass ihre Intervention
sowohl das Leid verringern als auch vergrößern kann. Sie
haben sich diesem Dilemma gestellt und sich nach reifli-
chem Überlegen dafür entschieden, auf jeden Fall einen
Versuch zu machen: Auf den gedemütigten Menschen zu-
zugehen. Hierzu fühlen sie sich um ihrer selbst willen
verpflichtet, und es entspricht ihrer Vorstellung von Mit-
menschlichkeit. Der Schoolwatch-Brief wird also von Frau
Burger geschrieben und verschickt:

    Liebe Jana,
    wir haben gehört, dass Dich Herr Meier ausgelacht
    hat. Wir finden das nicht richtig. Jeder kann mal eine
    Antwort nicht wissen., auch in Mathe. Es tut uns leid,
    was Dir da passiert ist. Ruf uns an, wenn Du willst.
    Wir stehen auf Deiner Seite.
    Herzliche Grüße!
    Reinhilde Burger von Schoolwatch

Wenn Jana den Schoolwatch-Brief ablehnt, wird ihr Leid
vergrößert. Wenn sie jedoch einschwingt, kann sich ihre
Belastung verringern. Bei diesem ersten Brief im Jahr
2000 waren sich alle Eltern der Initiative dieses Risikos
bewußt. Würde ihr Brief helfen? Nun, Jana hatte sich
gefreut, den Brief ihrer Freundin gezeigt und Frau Burg-
er am nächsten Tag angerufen.

Die erste Intervention von Schoolwatch im September
2000 war ein Erfolg - und zigtausende solcher gelunge-
nen Einmischungen sind seitdem geschehen. Die Brie-
fe, Anrufe und Besuche von Schoolwatch sind eine feste
Komponente im Schulleben geworden, von den Kin-
dern heiß herbeigewünscht und immer voller Trost und
heilender Wirkung. Die Anfangsschwierıgkeiten sind
heute längst überwunden, Schoolwatch ist renommiert
und hat sich zu einer wirksamen Kraft gegen das Schulleıd
entwickelt. Und auch immer mehr Lehrer akzeptieren
Schoolwatch - das Konzept von Schoolwatch, den Leh-
rern die Wahrheit der Kinder ohne Herabsetzung und
Anschuldigung nahezubringen, ist aufgegangen.



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