Donnerstag, 24. November 2016

Schoolwatch, III


Fortsetzung vom 22.11.

Und dann kommt eines Nachmittags der erste Anruf:
»Herr Meier hat die Jana aus der 6a ausgelacht, als sie
eine Antwort in Mathe nicht wußte. Jana hat den Rest
der Stunde auf ihrem Platz gesessen und geweint.«

Herr Meier wird von Frau Burger, der diensthabenden
Mutter, angerufen. Ihr Anruf hat nicht das Ziel, ihm
Vorhaltungen zu machen oder ihn bloßzustellen. Der
Anruf soll möglich machen, dass der Lehrer das Vorgefal-
lene mit den Augen des Kindes gezeigt bekommt, dass er
hört, wie sein Verhalten bei Jana angekommen ist und
gewirkt hat, und dass sein Auslachen aus der Sicht des
Kindes und der Eltern von Schoolwatch eine unakzepta-
ble Grenzüberschreitung war.

Es wird kein Vorwurf erhoben und es erfolgt keine Schuld-
zuweisung. Hierüber wurde bei den konzeptionellen Be-
ratungen lange diskutiert und klar Position bezogen: Auch
die Würde eines Lehrers wird geachtet, was immer er tut
und was immer gegen sein Verhalten vorgebracht werden
kann. Ohne einen Vorwurf zu erheben wird dieser Lehrer
aber damit konfrontiert, der Realität - wie sie das Kind
erlebt hat - ungeschminkt ins Gesicht zu sehen, und die
erlittene Demütigung wird Demütigung und Unrecht ge-
nannt.

Frau Burger bittet nicht darum, dass Herr Meier sich ent-
schuldigt - so etwas zu erwägen ist ganz und gar seine
Sache. Sie überläßt es ihm, ob er am nächsten Tag über-
haupt etwas zu Jana sagen will, und was das sein könnte.
Ihre einzige Aufgabe im Gespräch mit dem Lehrer ist es,
ihn das Vorgefallene mit den Augen des Kindes sehen zu
lassen. Und da Herr Meier sich nicht beschimpft und nicht
unter Druck gesetzt fühlt, kann er sich für die höflichen,
aber sehr wohl eindringlichen Worte der Mutter öffnen
und sein Verhalten mit Janas Augen sehen.

Wenn er erklärt, dass er das morgen in Ordnung bringt,
und am nächsten Tag auf das Kind zugeht, etwas Freund-
liches sagt und hinzufügt, dass es ihm leid tut, dann steht
der Heilung der seelischen Verletzung von Jana nichts
mehr im Wege. Aber wenn Herr Meier das alles weit von
sich weist und das Gespräch in Unfrieden endet?

Fortsetzung folgt.



Kommentare:

  1. Zitat:
    "Aber wenn Herr Meier das alles weit von
    sich weist und das Gespräch in Unfrieden endet?" Zitatende

    Tja, Hubertus, dann werden etliche Leute die nächste "Sich nur auf einen Sachverhalt thematisierende"-Splitterpartei gründen.
    Und was sich aus zu vielen Splitterparteien ergibt, kann man ja in Geschichtsbüchern nachlesen (Stichworte: Weimarer Republik und deren Folgen). Die Geschichte wiederholt sich (wieder mal) ...
    LG HaJo51

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    1. Also besser Einheitspartei ...
      Die "Folgen der Weimarer Republik" hatte nix mit zu vielen "Splitterparteien" zu tun, sondern mit den üblichen Klüngeleien der Politik – auch mit drei oder vier Parteien wäre das genauso gelaufen.

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