Dienstag, 22. November 2016

Schoolwatch, II


Fortsetzung vom 20.11.

In ihrem Konzept stellen sich die Eltern als eine Gruppe
von Menschen vor, die das Leid der Schulkinder auffan-
gen wollen, das durch persönliche Herabsetzung ent-
steht. Sie setzen sich außerdem zum Ziel, durch Präsenz,
zunehmendes Gewicht und Öffentlichkeitsarbeit einen
Bewußtseinswandel anzustoßen, so dass Demütigungen
im Schulalltag weniger werden. Sie verstehen sich als eine
parteiergreifende Instanz, die über die Unantastbarkeit
der Würde der Schulkinder wacht. Die Eltern bieten sich
in konkreten Situationen - wenn ein Lehrer ein Kind
herabsetzt - als Anlaufstelle an. Sie wollen dann zum
einen mit dem betreffenden Lehrer ins Gespräch kom-
men und ihm das Geschehene aus der Sicht des Kindes
zeigen. Zum anderen wollen sie dem gedemütigten Kind
durch einen Anruf, Besuch oder Brief - den "Schoolwatch-
Brief" - beistehen, Trost zusprechen und das Ich des
Kindes stützen.

Sie wissen, daß sie nicht im Konsens mit der Schule und
der Lehrerschaft sein werden, sondern dass man sie als
Ärgernis, ja als Bedrohung auffasst. Doch sie sind von der
Wichtigkeit ihres Vorhabens überzeugt und lassen sich
nicht aufhalten. Sie wollen von außen in die Schule wir-
ken, denn nur darin sehen sie die Effektivität ihres Enga-
gements gewährleistet, ihre Unabhängigkeit gewahrt, und
nur so erwarten sie eine Akzeptanz ihrer Tätigkeit durch
die Kinder. Und wenn sie auch von außen kommen, so
fühlen sie sich doch sehr wohl als Betroffene und der
Schulgemeinde zugehörig. Sie sind dabei, eine anders
orientierte Aufgabe für das Wohl der Kinder zu überneh-
men, als dies jede Schultradition bislang vorsah.

Das alles ist für diese wie für jede andere Schule völlig
neu, die Lehrer wehren sich heftig gegen eine Kontrolle
durch Eltern. Immer wieder werden die Eltern aufgefordert,
die schulischen Gremien einzuschalten, wenn sie Wünsche
hätten. Und auch die Drohung der Schulverwaltung, man
werde die Gerichte einschalten, um die Störung des
Schulfriedens zu unterbinden, schreckt sie nicht. Sie wol-
len etwas tun, sind entschlossen, risikobereit, lassen sich
rechlich beraten und wollen es darauf ankomrnen lassen.
Und sie erfahren auch Unterstützung von anderen El-
tern, auch von anderen Schulen und Städten und von
Fachleuten.

Ein halbes Jahr nach dem ersten Treffen steht ihre Initia-
tive. "Schoolwatch Einstein-Gymnasium Neustadt" ist
ein eingetragener Verein, mit Satzung, Mitgliedern und
Vorstand. Sie haben ein kleines Budget, und die Gemein-
nützigkeit ist beantragt. Die Eltern haben sich in einen
Dienstplan eingeteilt, für den Rest des Jahres ist bereits
klar, wer an welchem Tag für die Kinder als Ansprech-
und Anrufpartner da ist. Im neuen Schuljahr nach den
Sommerferien sind sie startbereit.

Und dann kommt eines Nachmittags der erste Anruf:
»Herr Meier hat die Jana aus der 6a ausgelacht, als sie
eine Antwort in Mathe nicht wußte. Jana hat den Rest
der Stunde auf ihrem Platz gesessen und geweint.«

Fortsetzung folgt.

Kommentare:

  1. Na, also ich bin bei solch einer "Schulwatch-Initiative für das Wohl der jetzt lebenden jungen Menschen" auf keinen Fall dabei!!!
    LG HaJo51

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  2. Antworten
    1. Moin, Hubertus!

      Zitat:
      "Wieso nicht?"

      Nun, ...
      1. weil ich es nicht als meine Aufgabe ansehe/empfinde, mich für das Wohl der jetzt lebenden jungen Menschen einzusetzen.
      2. Weil ich vermute, dass kein(e) einzige(r) Lehrer(in) durch eine solche — von Schulkinder-Eltern gestartete und veranstaltete — Initiative zu konstruktiver Selbstbegegnung animiert wird, sondern bestenfalls zu psychischem und physischem Abwehr-Verhalten.
      LG HaJo51

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