Sonntag, 27. November 2016

Dahergestürmt, mit Verantwortung


"Es könnte doch etwas passieren!" Wir sind besorgt, dass die Kinder
 zu Schaden kommen. Erwachsene sind für Kinder verantwortlich.

Sebastian balanciert auf der Mauer. Lina sammelt alte Flaschen. Manuel
will Eis essen. Alexander fährt Rad. Jana klettert auf den Baum. 

Die Verantwortung, die Erwachsene im Umgang mit Kindern über-
nehmen, beeinflusst das Erleben mit ihnen. "Komm von der Mauer
runter!" - "Lass die Scherben liegen!" - "Nicht noch ein Eis!" - "Fahr
langsamer!" - "Nicht so hoch!" Die Angst davor, als unverantwortlich
zu erscheinen, lässt die Erwachsenen zu Kindern so reden und mit
ihnen umgehen, als seien sie nicht in der Lage, die Risiken ihres Tuns
selbst einzuschätzen. Diese Angst lässt Erwachsene auf Kinder rea-
gieren wie auf  Noch-Nicht-Menschen. So, als seien Kinder unfertige
und zur eigenen Verantwortung unfähige Wesen.

"Stimmt doch auch!" Ich sehe das anders. All das, was Erwachsene
veranlasst, aus Verantwortung einzugreifen, zu erklären, zu mahnen,
zu verbieten - all das regeln die Kinder selbst, ohne Erwachsene, wenn
sie unter sich sind. Sie tun es sinnvoll, in Abschätzung ihrer Möglich-
keiten und der Realität ringsum. Und sie tun es täglich, viele Stunden
lang.

Sie klettern allein auf der Mauer rum. Sie fassen diese Glasscherbe an
und viele andere noch. Sie essen soviel davon und soviel hiervon. Ein
Sturz mit dem Fahrrad hindert sie nicht, die nächste Runde zu drehen.
Sie brechen sich den Arm, ohne dass die Welt untergeht.

Sie regeln ihre Dinge selbst, so wie sie es sich zutrauen und vor sich
selbst verantworten. Und sicher kommt es dabei auch immer wieder zu
Fehleinschätzungen - wie bei den Erwachsenen. Hören wir auf mit dem
Auto zu fahren, wenn wir einen Unfall verursacht haben? Natürlich
nicht, wir sagen: "Beim nächsten Mal passe ich besser auf." Und genau
das können wir auch den Kindern zugestehen. Ohne für sie die Verant-
wortung zu haben, zu übernehmen - ohne ihnen ihre Verantwortung zu
nehmen, wegzunehmen.

Die Kinder tun täglich ihre Dinge. Erwachsene lassen Kinder in  ihren
Vorstellungen aber nicht unter sich sein. Wenn wir an Kinder denken,
dann immer in Bezug zu uns. Aber sie haben auch ihr eigenes Leben,
mit einer eigenen Selbstverantwortlichkeit. Und wenn sie es dann mit
uns zu tun bekommen, soll diese Selbstverantwortlichkeit einfach nicht
mehr existieren?

Selbstverständlich ist sie dann noch da. Es ist merkwürdig, dass Er-
wachsene sie nicht wahrnehmen. Und ist es nicht seltsam,  dass wir
sofort mit unserer Verantwortung dahergestürmt kommen, wenn Kinder
um uns sind? Warum? Wie gebannt bemerken wir nicht die Wirklichkeit
der Kinder, in der ihre eigene Verantwortung einen festen Platz hat.

Was ist los mit den Erwachsenen? Weshalb verzichten wir darauf,  Kin-
der als selbstverantwortliche Menschen zu sehen? Weshalb akzeptieren
wir, dass Erwachsene verantwortlich für Kinder sind? Weshalb lassen
wir uns in der Beziehung zu Kindern von dieser Verantwortung in Be-
schlag nehmen - die ursprünglich bei den Kindern selbst ist, die wir
ihnen wegnehmen und uns aufbürden?

Fortsetzung folgt.


Kommentare:

  1. Das “kein eis mehr, komm runter, nicht so hoch“ passiert doch bei so genannten amicativen menschen genau so... Bei dir...aus den eigenen sinnvollen gründen heraus sagst du im Gespräch mit mir “ das kann das kind doch noch gar nicht überblicken“ ..schränkst auf der Handlungsebene massiv ein wenn du dabei bist... du beschreibst hier nur die Handlungsebene...nicht die Haltung... find ich ungenau u irreführend..

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    1. Und der eingriff bei solchen Situationen erfolgt m.e. schon aus angst, aber nicht aus angst, unverantwortlich zu sein, sondern aus meiner Einschätzung der lage, die aus meinem Lebensweg sinnvoll so erstanden ist.. für diesen inneren sinn steh ich ein, den teil ich mit..übrigens würd ich in solchen Situationen mit erwachsenen genau das tun.. wenn ich es so einschätze..

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    2. Mir geht es hier um das Verant-wortungsgefühl und seine Implikation für das Kind. Angst und andere Eingreifgründe sind unbenommen. Ich, Hubertus, greife ohne Verantwortungsgefühl ein - aus Angst und sonstigen Gründen.

      Die pädagogische Tradition:
      "Ich bin und fühle mich für Dich Kind verantwortlich, deswegen stoppe ich Dich. Sonst würde ich mich Dir gegenüber unverant-wortlich verhalten."

      "Papa, ich bin für mich selbst verantwortlich, sprich mir meine Selbstverantwortungsfähigkeit nicht ab. Stopp mich, wenn Du Angst hast oder warum auch immer, aber bitte ohne diesen Verant-wortungskram. Das finde ich übergriffig. Du bist nicht für mich verantwortlich! Kannst Du nicht sehen, dass ich ein Selbst-verantworter bin wie jedes Lebewesen?"

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    3. Ich weiß, dass es dir darum geht, aber eben weil das alles so dicht beieinander liegt, find ich es sinnvoll, da sehr genau zu schreiben..

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  2. Hmm, schon wieder so viele "Wir" und "Uns".

    Nun denn, ich nutze dann mal meine Fähigkeit zur Selbstbestimmumg und definiere mich einfach mal so als "Nicht zu den beschriebenen 'Wir' und 'Uns' dazugehörend".

    LG HaJo51

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