
Aus der Zeit
meiner Feldstudie zur Erkundung amicativer Kommunikation mit Kindern.
Es ist Anfang Mai ...
*
Wir
sind am Baggersee. Britta, Elke, Holger, Oliver, Sandra - zwischen sieben
und zehn Jahre alt - und ich. Wir haben ein Feuerchen gemacht und
rösten Kartoffeln. Um das Feuer auszumachen, holen wir Wasser aus
dem See.
Das Wasser
interessiert sie. Erst geht Oliver mit seinen Gummistiefeln am Ufer
lang. "Pass auf, dass Dir kein Wasser reinschwappt." Ich
habe Angst, er könnte sich erkälten - meine Erwachsenenangst. Dann
will auch Elke im Wasser laufen. "Kann ich Deine Gummistiefel
haben?" Sie sind im Auto.
Ich habe
Bedenken: sie lässt Wasser reinlaufen, sie bekommt nasse Füße, die
anderen wollen auch. Aber o.k., ich gebe sie ihr. Was ist mir
wichtiger: meine Gummistiefel, die ich ja zu Hause wieder trocknen
kann, oder Elkes Wunsch?
Elke geht
dorthin, wo es für meine Stiefel zu tief ist. Sie setzt sich über
mein "Kein Wasser in die Stiefel" hinweg. Ich akzeptiere:
Wenn es ihr Spaß macht, sie ist mir wichtiger. Das ist ein Signal.
Auch Oliver lässt seine Stiefel volllaufen. Mein Ärger, dass dies
nun doch passiert, hält sich die Waage mit meiner Freude über den
Spaß, den sie dabei haben.
Jetzt hält es
auch die anderen nicht mehr. Britta und Holger gehen zum Wasser.
"Zieht doch Eure Schuhe aus" - nichts da. Patsch, sind sie
mit ihren Schuhen drin. Ich höre in mir: "Kinder sollten sich
nicht die Schuhe nass machen. Was werden ihre Eltern sagen? Sie
bekommen garantiert eine Erkältung." Und: "Wie sie sich
freuen!"
Sandra bleibt
bei mir. Ich nehme dies auf: Wenn ich jetzt mit Sandra ein Stück in
Richtung Auto gehe, kommen die anderen aus dem Wasser.
Erwachsenenangst, nicht mehr Herr der Situation zu sein. Meine
unwohlen Gefühle wachsen. "Wir müssen nach Hause."
Vorgeschobener Grund. "Ich habe Angst, dass Ihr Euch erkältet."
Schon ehrlicher.
Dass mir am
meisten Sorgen macht, von ihren Eltern Ärger zu bekommen, sage ich
nicht. "Wieso - wir erkälten uns nicht." Ich spüre ihre
Gelassenheit und mein blödes, ach so erfahrenes Erwachsenengehabe.
Dann geht Elke
einfach tiefer ins Wasser. Mit allen Sachen! Schon ist sie bis zum
Bauch eingetaucht. Das darf doch nicht wahr sein! Und: Wie sie sich
freut, das muss ja unheimlich Spaß machen. Oliver folgt, Holger
schreit vor Vergnügen. Britta taucht plötzlich bis zum Hals ein.
Jetzt geht auch Sandra zum See. Dann sind alle dabei, auf- und
abzutauchen.
Es kommen
andere Bedenken: Sie könnten sich verschlucken, sie könnten in zu
tiefe Zonen kommen, ich verliere den Überblick, es wird gefährlich,
ich sollte jetzt auch ins Wasser gehen, um sofort eingreifen zu
können.
Und es kommen
andere Gefühle: Sie sind so souverän, sie reizen die Situation aus,
sie werfen diese behindernden Erwachsenenregeln über Bord: "Man
geht nicht mit Anziehsachen ins Wasser." "Man geht
überhaupt nicht in ein Baggerloch." "Man muss wenigstens
ein Abtrockentuch dabei haben."
Sie leben jetzt
– und wie! Elke schwimmt. "Ich kann nicht mehr stehen."
Holger setzt sich, nur sein Kopf ist noch zu sehen, Britta schmeißt
ihre Schuhe an Land, Sandra marschiert drauflos, Oliver taucht:
„Hallo, ich ertrinke!“
Ich bin jetzt
jenseits aller Erwachsenenregeln und Erwachsenenbedenken. Ich bin
eingespannt in die Situation, wie sie von den Kindern gelebt wird.
Ich bin fasziniert. Und hellwach und aufmerksam, um sofort helfen zu
können, falls das nötig werden sollte.
Ich bin voll
von ihrem Vergnügen und ihrer Sicherheit. Ich bin wieder im
Vertrauen zu ihnen und zu mir, wie vor Beginn der Wasserszene.
Ich sitze am Ufer und genieße - mich, sie und das Leben. Es ist
fantastisch und befreiend. "Komm doch auch." "Nee, ich
habe keine Lust." "Na gut, aber wir.“
Dann kommt
Sandra ans Ufer. "Mir ist kalt." Dann Oliver. "Leute,
ich habe jetzt Angst, dass es zu kalt wird. Kommt raus, ich hole
etwas zum Abtrocknen aus dem Auto." Ich spiele mit, ich plane
mit. Ich manage und weiß, wie man jetzt wieder warm wird. Ich stehe
auf ihrer Seite, ich stehe ihnen zur Seite.
Sie kommen nach
und nach. Die Abtrockensachen - Pullover, die im Auto sind - reichen
gerade. "Wer trocken ist, rein ins Auto. Lasst die nassen Sachen
liegen und wickelt Euch in die Autodecken." In mir ist
Gewissheit, wir bekommen das hin. Wenn sie sich ausziehen und
einwickeln, kann es keine Erkältung geben.
Das Abtrocknen
ist ein Riesenspaß. Ich packe ihre Sachen zu "Familienhaufen"
zusammen, damit es nachher beim Aussteigen schneller geht. Dann ist
es soweit, wir fahren ab. Heizung volle Kraft, die Scheiben
beschlagen, der Wagen voller Leben, Spaß, Vertrautheit, Abenteuer
und Glück.
Als ich sie doch mit
einem gewissen Herzklopfen bei ihren Eltern abliefere, sprudelt es
nur so heraus aus ihnen: Freude, Abenteuer, leuchtende Augen. Die
Eltern schwingen ein und bedanken sich bei mir. Es war schön am
Baggersee.