Montag, 1. November 2021

Warten am Zwischentor


 

Ich warte.“ Die Kinder sollen bitte sehr aus dem Auto steigen, es geht zum Einkaufen. Aber sie spielen weiter mit einem alten Handy rum. Ich bin ausgestiegen und warte. Ungern. Ungerner. Noch ungerner. Ich öffne unsanft ihre Aussteigetür. Dann kommt endlich Bewegung ins Feld. Einer steigt aus. Der andere noch nicht. Mein Warten wird schwer, explosiv. Dann kommt auch der zweite. Der Weg zum Geschäft ist lastig, wartelastig. Jedenfalls nicht unbeschwert und heiter. Die Sonne scheint zwar, aber nur am Himmel.

Wieso kann ich nicht warten? Einfach da sein und warten? Was bremst mich aus? Ich bin heute Vormittag gern mit den Kindern in der Stadt. Wir haben etwas vor, Einkaufen und mal sehen. Doch ihr Nichtaussteigen vertreibt die Leichtigkeit des Seins.

Warten - welch grandioses Thema. Eine Lebensthema. Auf alles und jedes und jede und jeden wird gewartet. Dass er/sie/es kommen möge. Nicht kommen möge. Dass es vorbei ist. Dass es nicht vorbei ist. Endlos, uferlos. Und immer wieder mit diesem unangenehmen Ton dabei.

Wenn ich gut bei mir bin, mit den Wolken fliege oder die Sonne genieße, dann gelingt das Warten. Dann könnte ich die Kinder in ihrem Spiel sehen, auch jetzt, wo sie nicht aussteigen. Sie sind doch in der Freude, in ihrem Spiel eben. Was muss ich das stören, zerstören durch meine Pläne, meine Eile, meine Ungeduld? Warum muss es jetzt nach mir gehen („raus jetzt, sofort“) und nicht nach ihnen („gleich, wir sind noch nicht fertig“)?

Ich bin da irgendwie auf ein ungutes Gleis geraten. Wirklich eilig ist es nämlich natürlich sowieso und niemals nicht. Ich sinne nach. Und merke, dass ich mich nicht ernst genommen fühle. Dass ich mich von ihrem Spiel herabgesetzt fühle. Ausgebremst fühle. Blöd dastehe. So neben der offenen Autotür, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand. Das ist ganz schön absurd, skurril, grotesk. Was macht sich da in mir breit?

Alte selbst erlittene Kindersachen. Gedrängt zu werden. Dauernd gedrängt zu werden. Von den Wichtigkeiten und Notwendigkeiten und Sowiesoigkeiten der Erwachsenen. Alles hatte aufzuhören, wenn die Großen am Zug waren. Sie warteten nicht. Sie erwarteten. Dass ich nämlich in die Spur komme. So, wie sie sich das wünschten, so ganz selbstverständlich, als Umgangsform von Groß und Klein. Wenn die Großen sagten, was zu passieren hatte, dann war ich am Zug, das auch zu tun. Sofort.

So gingen und gehen Erwachsene mit Kindern eben um, als banale Basis. Erwachsene warten nicht auf Kinder. Es ist der Grundstandard. Ohne Worte. Wenn das Auto anhält, ich aussteige, dann steigen die Kinder auch aus. Handy aus und raus. Jedes Warten ist da unpassend, öffnet die Tür zum Unterordnen der eigenen Wichtigkeiten unter den Kram der Kinder. Kann man nicht durchgehen lassen. Führt ins Chaos. Ist völlig alltagsuntauglich.

Ich bin immerhin heute auf einer Zwischenstation angekommen. Ich kann es aushalten, bis sie kommen. Werde nicht massiv und so. Aber es ist sehr schwer. Immerhin kann ich sehen, was sie tun: sie spielen, sie spielen ja. Sie sind nicht irgendwie aufsässig. Sie spielen ja nur. Und genau dieses Merken erreicht mich dann beim Gehen zum Geschäft, wie der Zauberglanz der Sonne.

Es kommt an. Die Freude des Spielens, die Schmetterlinge aus dem Auto, das Glück des Handyspiels. Die Melodie des Lebens dringt bis zu mir vor, lacht mich an. Ich beruhige mich. Und dann kann ich stehen bleiben, als sie sich einem Bettler zuwenden, der am Boden sitzt. Ich warte. Er spricht sie an, sie sehen zu mir, und ich gebe ihnen etwas für ihn. Sie freuen sich über sein „Danke“ und seinen freundlichen Blick.

Habe ich es nicht eilig? Das hat sich erledigt. Ich warte. Und genieße die drei Menschen vor mir, wie sie miteinander zu tun haben, die Kinder und der Bettler. Ich werde beschenkt. Das Warten öffnet Zwischentore für Orte, die nicht vorgesehen aber dennoch da sind, voller Wunder und Geschenke.




Montag, 25. Oktober 2021

Ich bin nicht für Kinder verantwortlich...

 


...weil die Kinder das selbst sind.

Auf dem Vortrag neulich ging es mal wieder um die Verantwortung, die Eltern für ihre Kinder haben. Mein „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ kam nicht so gut. Ich stand als jemand da, der sich nicht um Kinder kümmert. Lieblosigkeit und unrealistisches Hängenlassen standen im Raum. Da habe ich dann klar gemacht, wie ich das meine und was es mit der Verantwortung und der Selbstverantwortung so auf sich hat. 

Ich unterscheide in „Verantwortlich für“ und „Verantwortlich für“. Das sind zwar dieselben Worte, aber sie haben je nach dem, was mitschwingt und was ausgesagt werden soll, unterschiedliche Bedeutungen. Dieselben Worte – doch verschiedene Bedeutungen: das ist das Problem. Die Zuhörer – und nicht nur die auf den Vorträgen – sind bei der Verantwortungsthematik in einem anderen Nachdenken unterwegs als ich, wenn ich vom „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ spreche.

Zwei Räume also. Das kann ich thematisieren, aussprechen, klarmachen, und das sollte ich auch, damit das Gespräch überhaupt richtig funktioniert. Was ich oft aber nicht tue. Wieso? Weil mir mein eigener Raum so präsent ist, dass ich den anderen Raum – den üblichen, in dem die Zuhörer unterwegs sind – ausblende. Und weil ich diesen anderen, diesen üblichen Raum, in dem fast alle unterwegs sind, unwürdig finde. Und weil ich mich bei meinem Vortrag „Unterstützen statt erziehen“, also bei einem Gespräch über meine Welt, damit nicht beschäftigen will. Was aber ziemlich uneffektiv ist, denn die Gesprächspartner bekommen dann meistens nicht mehr mit, was ich vermitteln will. Aber keine Sorge, ich schaffe das im Laufe eines Vortragabends schon.

„Ich erziehe Kinder nicht“ – auch so ein Satz, der in die Irre führt, wenn ich seinen konstruktiven Hintergrund nicht gleich mit vermittele.“Unrealistisch, antiautoritär, der spinnt doch“ ist dann ein schnelles Urteil. Dabei ist es weder unrealistisch noch antiautoritär noch gesponnen, sondern etwas sehr Sinnvolles. Bei der Verantwortungsproblematik ist es genau so.

Also Klarstellung:

„Verantwortlich für“ Nummer 1, die Kümmer-Verantwortung. Die ich selbstverständlich praktiziere.

Die Kümmer-Verantwortung: Ich kümmere mich um alles möglich: die Kinder, das Fahrrad, den Arzttermin, die Katze, endlos. Da passt das "Ich bin verantwortlich für" gut: Ich bin für die Kinder verantwortlich (kümmere mich um sie), damit sie sich wohl fühlen. Ich bin für das Fahrrad verantwortlich (kümmere mich um es), damit es sicher fährt. Ich bin für den Arzttermin verantwortlich (kümmere mich um ihn), damit ich ihn nicht verpasse. Ich bin für die Katze verantwortlich (kümmere mich um sie), damit sie was zu futtern hat. Ich bin für Endlos verantwortlich (kümmere mich darum), damit es gut endet. – Hier gehen alle mit.

„Verantwortlich für“ Nummer 2, die Anmaß-Verantwortung. Die ich selbstverständlich ablehne.

Sie ist nicht leicht zu verstehen und zu erfühlen. Sie taucht nicht auf am Horizont der Wahrnehmung, wenn es um die Kinder (und auch andere) geht. Wegen eines hintergründlichen Machtwillens und eines gouvernantenmäßigen Herrschaftsanspruchs, der so ganz selbstverständlich ist. Vor lauter Unterwegssein in der Kümmer-Verantwortung wird die Anmaß-Verantwortung nicht bemerkt. Es gibt keine Sensibilität dafür, dass im „Ich bin für Kinder verantwortlich“ etwas Übergriffiges, Verletzendes, Herabsetzendes stecken kann. Diese Anmaß-Verantwortung gehört in unserer Kultur ganz automatisch zu uns, wird aber nicht als Anmaßung erlebt – sondern als sinn- und liebevolle Fürsorge – und ist in langer Tradition verwurzelt. Die sich überwinden lässt.

Beispiel für eine solche Anmaßung und ihre Überwindung: „Männer sind für Frauen verantwortlich, weil die Frauen das nicht selbst sind. Männer sind in bester Absicht und voll Fürsorge für die Frauen unterwegs. Männer wissen, was für Frauen gut ist.“ Diese patriarchalische Position ist heute von den Männer überwunden. Nicht bei allen, aber immerhin. Männer haben verstanden: Frauen sind selbstverantwortlich.

Wenn das „Ich weiß, was für Dich gut ist“ mit einem Macht- und Herrschaftsimpuls daherkommt, wie richtig ein solches Wissen auch sein mag, dann ist so ein Gutwissen vergiftet. „Ich weiß, was für Dich gut ist, denn ich bin für Dich verantwortlich und kümmere mich um Dich“ – wenn diese Denkwelt mit einem Drüberstehen über dem anderen daherkommt – dann kann man sagen: das geht ja auch nicht anders. Oder man kann sagen, und das sage ich: das geht sehr wohl anders. Und dann beginnt meine Argumentationswelt:

Jedes Lebewesen trägt für sich selbst Verantwortung, von Anfang bis Ende. Wer das nicht so sieht, wird von dem Lebewesen, von dem er das nicht sieht, als Übergriffiger, Herabsetzer und Unterdrücker erlebt. Wenn jedes Lebewesen eine solche Selbstverantwortung denn hat – was aber meine Position ist. Ich sage: Jedes Lebewesen hat diese Selbstverantwortung – mithin auch menschliche Lebewesen, von Beginn (Zeugung) bis Ende (Tod). Mithin auch Embryos, Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, Erwachsene, Senioren, Pflegebedürftige, Sterbende. Und von daher ist ein „Ich bin für Dich verantwortlich“, bei dem das „Du bist es nicht (noch nicht, nicht mehr)“ mitschwingt, ungut und destruktiv. Was ich nicht mitmache. Von daher kommen Respekt vor und Achtung für die Selbstverantwortung des Kindes. Ich bringe das mit dem Statement „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich“ zum Ausdruck. „Weil die Kinder das selbst sind.“

Dabei nicht übersehen: ich kümmere mich um Kinder, bei allem und jedem, was gekümmert sein will. Von der Windel bis zur Hustenmedizin. „Ich bin für Dich verantwortlich - Deine Windelhygiene, Deine Hustengesundheit.“ Klar. „Ich bin nicht für Dich verantwortlich - Deine Windelhygiene, Deine Hustengesundheit“. Auch klar. Passt das zusammen? Solche widersprüchlichen Sätze? Es passt, es kommt auf das an, was im Hintergrund mitgedacht wird.

Somit: „Ich bin nicht für Kinder verantwortlich, weil die Kinder das selbst sind.“ Menschenkinder sind selbstverantwortliche Wesen wie alle lebenden Organismen, von Anfang an.

Wie sie das dann alles so hinbekommen, diese Selbstverantwortlichen? Sie nutzen – in ihrer Verantwortung – ihre Ressourcen: Plazenta, Mama, Papa, Gesellschaft. Und Plazenta, Mama, Papa, Gesellschaft geraten in Resonanz und geben den Kindern, was diese brauchen und einfordern.

Eigentlich doch ganz einfach!



Montag, 26. Juli 2021

Sommerferien




Ich bin in den Sommerferien, der nächste Post kommt Mitte September. Habt alle eine schöne Zeit!

Montag, 19. Juli 2021

Die Abschlussrede

 

 


Überall beginnen die Sommerferien, und viele Kinder werden aus der Schule entlassen. Als ich Lehrer war, wurde ich einmal von einer Klasse zur ihrer Abschlußfete eingeladen. Aus meinem Schultagebuch:

*

Heute ist Abschlußfete der 9. Klasse, zu  der ich eingeladen bin. Ein Picknickplatz im Wald. Es sind außer mir nur noch zwei Kollegen da, die anderen wollten nicht. Viel Reden, viel Kontakt, viel "einfach so".

Nach drei Stunden, als alle im Kreis sitzen, fängt Mani an und liest seine Abschlußrede vor, mit vielen Kommentaren und Zurufen. Sie ist nicht für Eltern oder Lehrer gemacht, sondern für seine Leute. Was ich höre, geht mir sehr nahe: Er sagt das, was ich über die Situation der Kinder in der Schule herausgefunden habe. Was aber nur verschwindend wenige von den Erwachsenen, die in der Schule arbeiten, als die Realität der Kinder bemerken. Für die anderen ist eine solche Aussage nur "dummes Kindergerede".

Ich spüre, dass das, was so leicht dahergesagt wird, wirklich ihre Erfahrung ist, ihre Wahrheit eben. Sie gehen alle mit der Rede leicht um. Aber es wird deutlich, worum es geht. Um tiefes Verletztsein. Umd um Betrogensein um die Jahre, die sie in der Schule verbringen mussten. Die Rede ist die Wahrheit der Kinder.

Mani verbrennt seine Rede im Lagerfeuer. Ich bitte ihn dann, sie noch einmal für mich aufzuschreiben. Er tut es gern, und die anderen helfen ihm dabei. Als ich von Veröffentlichung rede und ihn frage, ob er einverstanden sei, ist das für ihn in Ordnung. Aber ich merke auch, dass ihn das gar nicht mehr so interessiert. Es ist doch alles so klar. Und: Sie stehen vor Neuem ...


            Die Abschlußrede

            Freunde, es ist geschafft.
            Neun lange Jahre sind vorbei.
            Mein herzlichstes Beileid möchte
            ich allerdings all denen wünschen, die
            noch länger in den sogenannten Schulen
            gefoltert werden.
            Die letzten neun Jahre waren die schlimmsten
            in unserem Leben.
            Und werden es wohl auch bleiben.
            Die Pauker haben uns dermaßen geschafft,
            dass manche einer sie gern vor ein Kriegsgericht
            stellen möchte.
            Ich bin auch dafür, dass die Schulen, die Gebäude
            des Schreckens -
            Schule, das Wort, das bei Kindern wie ein Brechmittel
            wirkt -
            abgeschafft werden.
            Aber nein, die Schulen werden noch von Staat
            unterstützt.
            Doch freut Euch, die Ihr es geschafft habt.
            In Zukunft dürft Ihr mit Euren Bossen über Lohn-
            erhöhungen und seine Tochter streiten.
            Freut Euch, es wird eine herrliche Zeit.
            Vergesst all das Böse, was Euch in der Schule geschah.
            Haltet die Ohren steif.
            Tschüs!
         

Montag, 12. Juli 2021

Die Krocketkugel

 

 

Nach der Beeerdigung der Urgroßmutter sind wir zusammen im ihrem Haus mit großem Garten. Die Erwachsenen in Gesprächen und Erinnerungen bei Kaffee und Kuchen, die Kinder spielen Krocket auf der Wiese unter den Apfelbäumen. Das Krocketspiel ist uralt, schon wir Kinder haben damit gespielt.

Auf einmal kommt Miriam (8) zur Kaffeerunde. "Schaut mal, die Kugel ist kaputt gegangen, genau in der Mitte durch. Ich hab wohl zu fest draufgeschlagen". Fröhlich hält sie die beiden Hälften der gelben Krocketkugel hoch. Nach einer kurzen erstaunten Schweigesekunde gehen die Gespräche weiter. Aber ich höre doch noch den einen Satz aus dem Erwachsenenstrom, der an Miriam gerichtet ist:

"Da wollte die Urgroßmutter wohl nicht, dass Du mit ihrer gelben Lieblingskugel spielst."   

Miriam erstarrt, sagt nichts und läuft zurück zum Spiel auf der Wiese.

Echt jetzt, das geht doch wohl gar nicht! Auch ich bin erstarrt. Was soll denn so ein Satz mit dem Kind machen? Locker dahergesagt, scherzhaft gemeint, aber ohne Scherzton gesagt, ernsthaft, einfach absurd. Was gräbt sich da in die Seele und in das Gedächtnis ein? Ich bin angefasst, sage erst nichts und mache dann Miriams Mutter darauf aufmerksam, dass da etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen ist. Später sehe ich, dass sie mit Miriam darüber spricht.

Ich will aber sofort gegensteuern. Das Spiel ist bald zu Ende, ich hole Miriam: "Komm, wie reparieren die Kugel." Ich habe Holzleim geholt. Miriam streicht auf die eine Hälfte vorsichtig die weiße Heilsalbe, sie drückt die Hälften aufeinander, ich wickle Klebestreifen drumrum. "Morgen ist die Kugel wieder okay", sage ich. Miriam strahlt. "Das hab ich ja nicht extra gemacht", sagt sie. "Klar doch, natürlich nicht", sage ich. 

Und ich sage noch etwas: "Weiß Du, die Kugel ist uralt, das hätte mir genauso passieren können. Und der Satz vorhin, dass Urgroßmutter nicht will, dass Du damit spielst, war Banane. Sie freut sich bestimmt, dass Du ihre Kugel hattest und dass wir sie repariert haben." Miriam sieht mich von innen an, blickt erleichtert und trollt sich. Und ich wünsche, dass die weiße Salbe auch die Schramme in ihrer Seele heilt.


Montag, 5. Juli 2021

Das Wiederfinden der psychosozialen Macht

 

 

Die Erkenntnis, dass die Verantwortung für das, was sich psychisch in einem Menschen ereignet, bei diesem selbst liegt, bedeutet neben vielem anderen auch, dass niemandwirklich psychisch gezwungen werden kann, zu nichts. Wie man die Welt und ihre Erscheinungen deutet, bewertet und gewichtet, ist einzig die Sache des einzelnen. Ob ein Freiheitskämpfer dem Exekutionskommando entgegenruft "Es lebe die Revolution!" oder ob er apathisch und demoralisiert auf das Ende wartet - das ist seine Sache, seine Verantwortung für sich.

Eine Kultur, die Herrschaft zur Grundlage hat, muss den Menschen diese gesellschaftlich hochwirksame Potenz nehmen. Denn nur der ist beherrschbar, der dem Beherrschtwerden auch zustimmt, der sich auch unterwerfen will. Es gibt immer gute Gründe, lieber seinen Nacken zu beugen als sich den Kopf abschlagen zu lassen - aber ein jeder hat tatsächlich die Wahl zu leben oder zu sterben, jeden Augenblick. Es ist immer die Frage, wo man für sich den größeren Vorteil erkennt. Hierüber trifft man selbst die Entscheidung, niemand sonst.

Es ist leicht, Menschen zu beherrschen, die das Gefühl für ihre Selbstverantwortung verloren haben, die daran gewöhnt sind, andere für ihr Schicksal verantwortlich zu machen: die Eltern, die Gesellschaft, die Verhältnisse. Das Wiederfınden der Selbstverantwortung bedeutet im gesellschaftlichen Bereich das Wiederfinden der psychosozialen Macht des einzelnen. Es ist dies eine Macht, die durch nichts wirklich ausgehebelt werden kann und die jedem, der herrschen will, seine Grenze zeigt.


Montag, 28. Juni 2021

Umsiedeln in den Großraum Positiv

 


 

Wir sind in Großräumen unterwegs. In großen Resonanzen, die uns durchdringen. Wer weiß, wie viele solcher Hintergrundmelodien es in uns gibt. Aber es lässt sich rasch überlegen, dass es da ein Paar gibt, zwei Seelenräume, die entgegengesetzt sind und doch zusammengehören. Der mit dem Pluszeichen und der mit dem Minuszeichen, der positive und der negative Großraum.

Es mag ja eine Zeit und eine Welt geben, in der diese Gegensätze nicht existieren. Wo Gegensätze zwar existieren, aber nebensächlich sind. Weil alles grundsätzlich konstruktiv gesehen wird, also auch das ganze Theater mit dem Minuszeichen zur Welt der Konstruktivität gehört. So was ist ja bekannt genug, und das bekommen wir ja auch immer wieder mal hin. Oder glauben, dass es so etwas gibt wie ein nicht in Gegensätze aufgeteiltes Universum, monumental, Liebe, wie auch immer.

Aber diese gegensätzlichen Großräume mit Plus und Minus sind auch unsere Wirklichkeit. Wo immer das auch herkommt, aus Kultur oder Genen. Und auf diesen Ozeanen sind wir im Alltag unterwegs. Wer steuert unser Schiff? Haben wir eine Chance, Einfluss zu nehmen? Den Raum zu verlassen, den wir nicht mögen, den negativen Großraum?

Wer entscheidet das? Wir gehören uns selbst. Was ja die Frage ist. Aber wenn man mal davon ausgeht, oder dies für einen gewissen Prozentsatz annimmt, dann liegt es auch an uns, aus dem Minusraum zum Plusraum zu wechseln. Wenn es sich so zusammenreimt. Wenn wir das nicht übersehen. Wenn wir das für möglich halten. Wenn wir umschwingen können. Wenn wir uns vom bösen Blick befreien.

Wer kann das schon? Alles, was wir als unangenehm erleben, wird ja nicht durch einen Psychoumschwung der besonderen Art jetzt irgendwie ent-unangenehmisiert. Vielleicht sogar zu einer angenehmen Wohligkeit. Unangenehmes - also Ärger, Enttäuschung, Ängstlichkeit, Leid, Verzagtheit, Verstimmtheit, usw. usw. - durch eine psychische Großbewegung verlassen können: das wäre es ja.

Diese Zauberei gelingt aber immer mal wieder. Mit den dazugehörenden Kopfsprüchen wie „ist ja nicht so schlimm“ oder „mach mal halblang“ oder „das kann man ja auch anders sehen“. Und wenn das immer mal wieder gelingt, gibt es dann nicht auch eine Möglichkeit, solche Umschwingerei oft herbeizuleben, auch: immer öfter? Sie als Hintergrundmelodie nicht mehr zu überhören? Oder etwas weniger anspruchsvoll: immer wieder aufsteigen zu lassen, nach einer gewissen Zeit des Versackens im zähen Sumpf?

Sehr utopisch und unrealistisch, das Ganze. Negatives macht ja auch erst die Erfahrung und das Erleben des Positiven möglich. Und gehört dazu. Zum Leben und zu allem. Ja ja, die Sprüche sind bekannt. Aber sollen sie mich endlos begleiten in der Zeit meines langen Lebens? Es wird so viel auf dem Basar der Deutungsmöglichkeiten angeboten. Wem wollen wir glauben, wem folgen, wo uns festmachen?

Es gibt die Einladung, sich im positiven Großraum aufzuhalten. Mehr noch: es gibt die Botschaft, sich dort ansiedeln zu dürfen. Und wenn man das will, dort auch zu bleiben. Dort zu wohnen. Wir haben etliche Symbole dafür gefunden: „Jeder tut jederzeit sein Bestes“, „Ich liebe mich so wie ich bin“, „Ich bin Ebenbild Gottes“, „Ich bin Konstruktivität und Liebe“.

Wo will ich wohnen? Als Kinder haben wir von der Möglichkeit, im Plusraum zu Hause zu sein, kaum etwas gehört. „Was hast Du wieder angestellt!“ Schimpfkultur, Fehlerhaftigkeit, Mängelwesen: nicht schön, aber wahr. Wahr? Alles ist Interpretation. Wer aber interpretiert? Wer hat die Welt im Griff? Wer hat uns im Griff? Welche Schriften und welche Schriftgelehrten? Schon gut - natürlich können wir das erkennen und uns emanzipieren, uns als Deuter unseres Lebens und unserer Welt einsetzen. Zumindest können wir uns das vorsagen und dann auch glauben, dass das geht.

Das ist alles ja nicht so einfach, und die Widersprüche, die sich aus so einer Umsiedlung in den positiven Großraum ergeben, wollen ja auch wieder positivgroßräumig, also liebevoll gesehen werden. Wenn jemand mich als Leidzufüger erlebt, und ich das Leid des anderen, das durch mich bei ihm entsteht, wie er sagt, auch sehe („Wegen Dir geht es mir schlecht“) - wie lässt sich das als „Ausdruck meiner Liebe“ schönreden? Man kann das ja machen und sich die Wirklichkeit so verdrehen, wie und bis es passt. Aber ist das erstrebenswert? Und auch noch voll Mitgefühl und Anteilnahme?

Klar ist es das! Wir können uns alles schönreden, wer will uns hindern? Warum Misstrauen in diese Kunst? Wir bleiben bei uns und unserem Glauben an uns und unsere konstruktive und mitmenschliche Kraft. „Ich lass mir das nicht schlechtreden - ich lass mich nicht mehr schlechtreden“. Man muss ja nicht gleich abheben mit so einem Höhenflug. Man kann ja einfach ganz erdverbunden und realistisch in dieser Höhe leben, im Großraum Positiv. Jedenfalls ist das nicht verboten ... Es ist eine Option, die mein Nachdenken über mich und die Welt gefunden hat. Eine Option, die mich gefunden hat. Von der ich mich habe finden lassen.

Es ist immer die Frage, welcher Wahrheit oder welchem Schnickschnack man folgen will. Kräuter-Medizin, Hybridauto, Ökostrom, Mülltrennung, Smartphone, Antivirenprogramm, Bergtour, Flussfahrt - endlose Verlockungen. Oder wie bodenständig man sein will. Unterstützen statt erziehen. Statt erziehen? Geht’s noch? Gruselig oder seeligmachend. Wer will ich sein in dieser unendlichen Vielfalt postmoderner Gleichwertigkeit?

Wir entscheiden über unsere Wege. Was soll mich also davon abhalten, meinen Wohnsitz im positiven Großraum anzumelden? Bei der zuständigen Behörde des Universums? Man kann zum Amt gehen und sich dort anmelden. Wohnt man dann dort auch? Als zweiter Wohnsitz gelingt mir das jedenfalls, ab und zu, immer öfter. Obwohl es ja mein erster Wohnsitz sein soll. Ich lege keinen Wert mehr auf dieses andere Land.

Es gelingt mir zu meiner Überraschung einfach immer wieder, Unangenehmes umzudeuten (in den positiven Großraum). Es bleibt dann zwar unangenehm, aber es fühlt sich anders an. Es hat nicht mehr diese Wucht. Es verliert seine Dramatik. Es verliert seinen nachhaltigen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich kann Unangenehmes ruhiger sehen, mich entspannen und auch mit meiner Unangenehm-Reaktion nachsichtiger umgehen. Ich rufe mich dabei nicht zur Ordnung, es ist mir einfach möglich.

Darunter ist die Gewissheit, dass alles von einer grandiosen Konstruktivität ist. Dass alles seinen offenen liebevollen Weg geht. Grundidee: diese Konstruktivität. Die jeder so ausfüllt, wie er das kann und leben will. Das kann auch das Umsiedeln in den positiven Großraum sein, manchmal, öfter oder auf Dauer.


Montag, 21. Juni 2021

Entwicklungskonferenz

 



Was ist gut für die kindliche Entwicklung? Die Frage ist – mit Vorsicht zu genießen! 

Zunächst das Jahr 1900. Es gibt eine Konferenz zur weiblichen Entwicklung. Die (männlichen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Männer sind in ihrem Element. 

Plötzlich Unruhe, Lärm, Getöse. Die Frauen haben mitbekommen, was da passiert. Sie sind empört. „Ihr wisst, was für unsere Entwicklung gut ist?“ Die Anmaßung der Männer macht sie wütend. Sie treten die Türen ein, vertreiben die Männer. „Wir wissen selbst, was für uns und unsere Entwicklung gut ist.“ 

Hundert Jahre später gibt es eine Konferenz zur kindlichen Entwicklung. Die (erwachsenen) Experten tragen vor, diskutieren, machen Vorschläge, erarbeiten eine Resolution. Die Erwachsenen sind in ihrem Element. 

Unruhe, Lärm und Getöse kommen diesmal von innen. Ich nehme an der Konferenz teil und bin an der Reihe, meine Sicht darzustellen. Ich sage zur Verblüffung der versammelten Fachleute: „Ich bin nicht befugt, mir über die Entwicklung junger Menschen derartige Gedanken zu machen, wie sie hier gepflegt werden und Standard sind.“ 

Gedanken, die Kinder zu Objekten unseres Nachdenkens machen und die uns über sie stellen. So etwas verletzt und depersonalisiert, auch wenn es in bester Absicht geschieht. Es ist unwürdig und herabsetzend. Es entkernt ihre Menschenwürde.“ 

Außerdem: Wenn wir objektiv expertenhaft und nicht subjektiv und persönlich über Kinder nachdenken, ist das unwissenschaftlich! Denn jede Wissenschaft muss dem entsprechen, was sie untersucht. Und unsere Gegenüber sind Personen, keine Gegenstände und rein physikalische Dinge. Also müssen unsere Maßstäbe und Parameter nicht sachlich und objektiv sein, sondern personal und subjektiv!“ 

Ich stelle die „objektiven“ Grundlagen von Pädagogik und Psychologie in Frage und werde deutlich: „Es ist unangemessen und unwissenschaftlich, die kindliche Entwicklung mit objektiver Perspektive zu betrachten. Kinder sind nun einmal keine Sachen. Genau so wie es unangemessen und unwissenschaftlich ist, die Gefühle des Autos beim Bremsen zu untersuchen: Denn Autos sind Sachen und keine Personen.“ 

Nach diesem Vergleich wird es laut im Auditorium. Ich lasse mich nicht beeindrucken. „Wären wir klassische Mediziner, wäre das anders. Dann ginge es um den Körper und seine physikalischen Vorgänge. Die wissenschaftlichen Maßstäbe sind dort sachlich und unpersönlich. Hier geht es aber um die Personalität und Würde junger Menschen.“ 

Und überhaupt ist diese Konferenz genauso chauvinistisch wie damals, als die Männer über die weibliche Entwicklung nachdachten: Oben-Unten-Struktur. So etwas ist adultistisch. Die Konferenz sollte aufgelöst werden!“ 

In dem folgenden Tumult verlasse ich die Konferenz und höre, wie die Kinder die Türen eintreten...



 

Montag, 14. Juni 2021

schule - 10:03 Uhr

 


 

deutscharbeit in der klasse 8c. es ist 10:03 uhr. angespannte ruhe liegt über den jungen leuten. ein stuhl wird gerückt. der lehrer blickt auf. ein schüler ist aufgestanden. "was ist los, kilian?"

alle sehen jetzt auf. der schüler sieht zufrieden aus. er schaut zur tafel, durch sie hindurch. "kilian, was ist?" leicht irritiert steht der lehrer auf. "ich schreibe nicht weiter. ich schreibe keine aufsätze mehr."

nach einer sekunde absoluter stille wird es sehr unruhig.

der lehrer wird energisch. "lass den quatsch und setz dich. schreib weiter." kilian richtet sich ganz auf. er sieht den lehrer an.

"sie haben kein recht dazu. meine gedanken gehören mir. niemand hat das recht, meine gedanken auf sein papier zu befehlen. ich werde keine aufsätze mehr schreiben. nie mehr."

seine entschlossenheit bewirkt noch einmal absolute stille im klassenraum.

dem lehrer gelingt keine antwort. zwei, drei andere junge leute stehen ebenfalls auf. sie sagen nichts, sie schließen ihre hefte.

der lehrer ist fassungslos, sprachlos. alle stehen jetzt, alle hefte sind geschlossen. "wollen sie einen kaffee?" fragt freya, "ich hole einen".

tagesschau:

"überall im land haben sich heute vormittag zahlreiche schüler geweigert, ihre klassenarbeiten zu schreiben. lehrer berichten, dass die schüler mitten im unterricht aufstanden und die fortsetzung ihrer arbeiten ablehnten. lehrer, pädagogen, psychologen und eltern können sich diesen vorgang nicht erklären, zumal es an sehr vielen orten gleichzeitig gegen 10:00 uhr vormittags geschah. die entschiedenheit der ablehnung, klassenarbeiten zu schreiben, kam umso unvermuteter, als es keine vorherigen anzeichen für ein solches phänomen gab."


 

Montag, 7. Juni 2021

"Fährst Du mich zum Arzt?"

 

 

Aus dem Forschungsprojekt für meine Dissertation: 

 

Es ist 23.00 Uhr. Ich bin mit drei Kindern und Brigitte (24) im Ferienhaus. Claudia (12) hat etwas vor die Nase bekommen, sie ist riesig dick. „Kriegst du Luft?“ Es sieht nach Bagatelle aus, morgen wird es weg sein, denke ich. Sie sagt, dass sie zum Arzt will. Wir fahren ins Krankenhaus, klingeln die Nachtbereitschaft raus, und die Nase wird untersucht. Es dauert insgesamt drei Stunden, bis wir zurück sind. „Morgen soll sie zum Nachsehen und Röntgen kommen“, sagt der Arzt. 

Am nächsten Morgen hat Claudia keine Lust dazu. Okay, ich akzeptiere. „Aber die Kinder können das doch gar nicht überblicken“, höre ich in mir. Wenn Claudia Brigitte wäre, würde ich ein „Ich hab keine Lust“ auch akzeptieren. „Du wusstest doch, dass es nicht so schlimm war, wieso fährst Du dann überhaupt los?“ höre ich in mir. Ich respektiere Claudias Wunsch, so wie ich Brigittes Wunsch respektiert hätte. „Und deswegen erst um zwei im Bett?“ 

Ich habe ganz andere Perspektiven. Ich habe mit Claudia erlebt, wie das von elf bis zwei war: Die Angst, ihr Vertrauen „Fährst Du mich zum Arzt?“, die Fahrt, die Ankunft vor dem Krankenhaus, im Fahrstuhl, die Untersuchung, die Rückfahrt und die Erleichterung. Wir waren unter uns, ich fühlte mit ihr und sie vertraute mir ihre Sorge an.