Donnerstag, 22. Juni 2017

Die pädagogische Verwirrnis



















Kinder sind auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen und öffnen sich vertrauensvoll für deren Werte und Normen. Diese lehren sie in pädagogischer Tradition, dass sie noch nicht vollwertige Menschen sind, dass sie besser werden müssen, dass sie erzogen werden müssen, und dass diese Sicht vom Menschen die richtige sei.

Da die Kinder aber tief in sich darum wissen, dass sie so, wie sie sind, ganz und gar o.k. sind, dass sie eben nicht besser gemacht und erzogen werden müssen, dass sie bereits jetzt schon vollwertige Menschen sind, und da diese innere Gewissheit in scharfem Gegensatz zur Überzeugung ihrer Eltern steht, verwirrt sie diese Widersprüchlichkeit. Und sie werden voll von innerer Abwehr gegen die Menschen, deren Liebe sie doch brauchen.

Die Kinder gehen hiervon nun nicht zugrunde: Ihre mitgebrachte Selbstverantwortung zeigt ihnen wie immer den Weg zum Überleben. Sie übernehmen nach und nach die Sicht ihrer Eltern vom Kind und lernen zu glauben, dass nicht sie selbst sondern andere für ihr Glück und Leid verantwortlich seien. Sie passen sich an die pädagogische Umgebung an und weisen es – aus Verantwortung für sich selbst – mehr und mehr zurück, für sich selbst verantwortlich zu sein, bis sie schließlich selbst glauben, dass sie nicht für sich selbst die Verantwortung tragen können.

In der Amication finden diese Verstrickungen nicht statt. Die Erwachsenen fühlen sich auf einer psychologisch gleichwertigen Basis wie die Kinder: Jeder ist von Anfang an zu 100 Prozent selbstverantwortlich.







Mittwoch, 21. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen III








                  

             









 Fortsetzung vom 20.6.


*


»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen.



»Hör mit dem Rauchen auf!«
»Hast Du das im Internet gelesen, Papa?«
 »Mach die verdammte Zigarette aus, diese 
und alle anderen!« 
»Hast Du nicht gelesen.« 
»Packung her!« 
»Die Rede! Vor der Uno!« 
»Vor der Uno?« 
»Ja, von dem Außerirdischen.« 
»Von wem?« 
»Er ist gestern Nacht gelandet und hat heute 
zu den Menschen gesprochen. Er kommt vom 
Sirius. Er hat über das Rauchen gesprochen.« 
»Sag mal, rastest Du jetzt völlig aus?« 
»Sie haben uns schon lange beobachtet, Papa. 
Und jetzt eine Delegation geschickt. Sie wollen 
uns den Weg zum Frieden zeigen. Sie sind 
geschockt, dass die Menschen so viele Kriege 
führen.« 
»Sirius? Frieden? Uno?« 
»Er hat uns an die Friedenspfeife der Indianer 
erinnert. Er hat gesagt, wir hätten längst alles, 
was wir zum Frieden brauchen.« 
»Ich versteh gar nichts mehr.« 
»Papa, Raucher sind doch gemütlich.« 
»Ja, und sie sterben eher.« 
»Eben.« 
»Was heißt hier ‚eben‘?« 
»Der Sirianer hat gesagt, dass wir die Wahl haben.« 
»Was für eine Wahl? Hör auf mit dem Quatsch, Du 
nervst, und mach endlich den Glimmstängel aus, 
zur Hölle!« 
»Wenn Du nicht rauchst, fährst Du zur Hölle, Papa. 
Dann bist Du ungemütlich und aggressiv und kriegs-
bereit, latent, und dann braucht es nur noch einen 
Anlass, und schon bringen die Menschen sich um. 
Wenn man raucht, ist das alles ganz anders. Der 
Qualm macht ein bisschen benommen, ein bisschen 
glücklich, friedlich eben. Klar, hat er gesagt, dann gibt 
es Lungenkrebs und die Leute sterben eher, um 20 
Jahre sinkt die Lebenserwartung. Aber dann hat er 
gefragt, was wir denn wollen? Eine friedliche und 
glückliche Welt ohne Kriege? Oder Mord und Tot-
schlag? Die Menschen leben dann nicht so lange, 
aber sie leben in Frieden. Und jeder weiß das, und 
jeder ist einverstanden. Und jeder raucht. Und schon 
im Kindergarten gehen die Kippen rum. Eine andere 
Kultur eben. Friedenspfeife, Friedenskultur. Hat er 
gesagt. Ich finde, dass er recht hat. Ich rauche gern. 
Howgh!«

Dienstag, 20. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen II







                  

             










 Fortsetzung vom 18.6.


*


»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen.



 »Putz die Zähne!«

 »Papa, weißt Du, wer 2020 den Nobelpreis für 
Medizin bekommt?« 
»Mach den Mund auf!« 
»Den Nobelpreis bekommt 2020 ein Zahnarzt.« 
»Was?« 
»Ja, ein Dr. Schäfer, er ist Zahnarzt.« 
»Was soll der Quatsch!« 
»Er bekommt ihn für sein Lebenswerk, 
er ist 85, und er hat 60 Jahre geforscht.« 
»Was hat er geforscht?« 
»Er hat in einer großen Langzeitstudie 
herausgefunden, dass beim Zähneputzen 
ein sehr seltenes Mineral vom Zahn abgerieben 
wird. Die Wissenschaft hat es nach ihm benannt:
Schaeferidium. Es wird immer nur extrem wenig 
abgerieben, aber immerhin. Im Laufe der Jahre 
kommt da was zusammen.« 
»Was redest Du und redest Du, mach endlich 
den Mund auf!« 
»Es lagert sich ab, in den Körperzellen. Und es 
häuft sich, ganz verschieden bei den Menschen, 
mal mehr in der Leber, in der Lunge, in der Brust, 
im Hoden.« 
»Jetzt reichts!« 
»Papa, er hat den Nobelpreis gekriegt. Weil er 
den Zusammenhang gefunden hat.« 
»Was für einen Zusammenhang?« 
»Na den von Zähneputzen und Krebs.« 
»Von Zähneputzen und Krebs?« 
»Ja. Beides gibt es doch wirklich erst seit ungefähr 
100 Jahren. Er hat nachgewiesen, dass das beim 
Zähneputzen abgeriebene Mineral Schaeferidium  
die wirkliche Ursache für Krebs ist. Zähneputzen 
ist saugefährlich! Kann ich jetzt ins Bett?«

Fortsetzung folgt.

Sonntag, 18. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen I


 




                  

             










»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen. 



»Wasch die Hände!«

»Papa, seit wann gibt es Menschen?« 
»Wir waschen erst die Hände, klar?« 
»Papa, bitte!« 
»Die Ursprünge seit 7 Millionen Jahren,
den Homo sapiens seit rund 200.000 
Jahren. Und jetzt nimm die Seife!«
 »Seit wann gibt es Seife?«
 »Schon im alten China vor dreitausend 
Jahren. Aber so richtig zum Einsatz erst 
seit etwa 100 Jahren.« 
»Seit wann gibt es so viele Erkältungen 
und schwache Immunsysteme?«
 »Seit etwa 100 Jahren.« 
»Und?« 
»Und was? Mach den Hahn auf!«
 »Siehst Du da keinen Zusammenhang,
Papa?« 
»Wieso?« 
»Also: meinst Du, die Menschen hätten
 so lange überlebt und sich entwickelt, 
wenn Seife wichtig gewesen wäre?« 
»Was willst Du damit sagen?« 
»Da gibt es doch einen Zusammenhang
von Immunschwäche und Seife!« 
»Waas?«
»Schau mal Papa: die Menschen haben 
Hunderttausende und Millionen Jahre ihre 
Nahrung mit ungewaschenen Händen 
gegessen, mit Dreck unter den Finger-
nägeln. Sie haben damit auch die Krank-
heitskeime ihrer Umwelt aufgenommen. 
Und das war auch gut so. Denn das hat 
ihr Immunsystem gestärkt, und es gab 
keine Erkältungen. Sondern Überleben. 
Dreckige Hände sind wichtig fürs Gesund-
sein. Dreckige Hände sind ein Symbol für
 Vitalität und zielführende gesunderhal-
tende Hygiene. Willst Du wirklich, dass 
ich mir die Hände wasche? Willst Du mich 
krank machen? Willst Du nicht! Also, ich
geh jetzt spielen.«

Fortsetzung folgt.











Samstag, 17. Juni 2017

Frage. Welche Frage? Antwort. Welche Antwort? II



















Fortsetzung vom 16.5.

*

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich,
wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert
durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt
läuft: Man antwortet auf Fragen.

Aber.

Heute gibt es für mich bei dem Antworten auf die Fragen
ein Aber. Ich sehe mich am Regiepult meines Lebens, und
die Fragen von anderen werden schnell und tief geprüft:
Ob sie mir gut tun. Ob sie mir helfen. Ob sie mich achten.
Ob sie mich freuen. Ob sie es wert sind. Ob sie liebevoll
sind. Ob sie mich anlächeln. Ob sie freundlich sind.

Bei Fragen, die diesen Test nicht bestehen, und bei Fragern,
die diesen Test nicht bestehen, stelle ich die Ampel auf rot.
Keine Antwort. Keine Antwort. Die Frage wohl hören, aber
nicht in mir nachschwingen lassen. Die Frage durch mich
hindurch gehen lassen. Die Frage nicht annehmen. Den
Frager dabei nicht verlieren - aber es ist seine Sache, jetzt
enttäuscht, verärgert, genervt zu gehen. Ich bleibe zuge-
wandt - nur eben ohne mich auf die Fragerei und das
dazugehörende Antworten einzulassen.

Es ist schwer, dem Frager klarzumachen, dass ich voller
Respekt bin. Dass ich ihn nicht missachte, wenn ich seine
Frage nicht aufnehme. Auf mein "Ich möchte darauf nicht
antworten" kommt sofort die nächste Frage: Wieso, warum,
ja aber. Es ist schwer, Freundlichkeit bestehen zu lassen,
wenn ich eine Frage nicht aufnehrne. Der Frager fühlt sich
unhöflich behandelt, abgewiesen, herabgesetzt. Was tun?
Deswegen doch in seine - seine - Fragewelt einsteigen, die
Frage annehmen und nach einer Antwort suchen und sie
dann geben? Wer ist da eigentlich der Chef im eigenen Haus?
Ist das mein Leben oder Deins?

Ausflüchte gibt es genug: "Ich finde es nicht sinnvoll, auf
Deine Frage jetzt einzugehen","Das erklär ich Dir nachher",
"Das weiß ich nicht so genau" usw. Klartext ist: "Nein" - Was
heißt das? - "Nein" - Ich habe Dich gefragt - "Nein". Wenn
ich dann noch freundlich bin (und warum sollte ich es nicht
sein), dann noch: "Ich will mich mit Deiner Frage nicht
beschäftigen". Und Punkt.

Und dann geht das Leben weiter - so, wie es mir gut tut. Und
von dieser Basis aus gelingt unsere Beziehung. Und lassen
sich alle Fragen beantworten.





















Freitag, 16. Juni 2017

Frage. Welche Frage? Antwort. Welche Antwort? I



















Fragen und Antworten. Antworten auf Fragen. Da gibt es
eine Norm, eine Moral, ein Soll: Eine Frage (wenn sie nicht
unverschämt, unpassend, überflüssig, daneben, unsinnig, ver-
rückt ist) wird beantwortet, hat sozusagen das Recht auf eine
Antwort. Wir antworten auf Fragen. Eine Frage hat eine
große Macht: Sie nimmt uns in die Pflicht, wir bemühen uns.
Wir verlassen die Denkbahn, auf der wir gerade noch waren,
um der Frage gerecht zu werden.

 "Wie spät ist es?" Die Fragewörter, die einen Fragesatz
einleiten, machen uns wach: aufpassen, es gibt eine Frage,
es wird eine Antwort erwartet: Was ...? Wer ...? Wo ...?
Wie ...? Womit ...? Warum ...? Wohin ...? Wodurch ...?
Oder diese indirekten Fragen: Kannst Du ...? Würdest
Du ...? Hast Du ...? Bist Du ...? Machst Du ...? Kommst
Du ...? Sagst Du ...?

Was macht uns eigentlich so antwortbereit? Wer sagt uns,
dass Fragen zu beantworten sind? Die Frage als solche hat
uns im Griff. Es ist kaum vorstellbar, eine Frage nicht zu
beantworten. Extra nicht beantwortet, souverän verwei-
gert, nicht angebissen. Und doch wäre dies zu können eine
Tugend: etwas, das uns dient, uns selbst dient. Denn alle
Zeit meines Lebens ist immer meine Zeit, nie die des
anderen, des Fragenden. Das Antworten auf Fragen gehört
mir - ich antworte nur, wenn ich es will, für richtig halte,
wenn es ein ehrliches Geschäft reinen Herzens ist, Dir
Deine - Deine - Frage zu beantworten. Ich muss das nicht
tun, ich soll das nicht tun, ich kann - kann - das tun: Wenn
ich es will.

Fragen ziehen uns in Denkbahnen. In die Bahnen, die die
Frage bewirken, die sie umgeben, in die die Fragen eingewo-
ben sind. Fragen öffnen ein spezifisches Tor: Das Tor zur
jeweiligen Fragewelt. Will ich dahin? Will ich dort sein? Will
ich dort verweilen, suchen (Antworten) - und die andere, die
eigene Welt, in der ich gerade bin (vor der Frage), verlassen?
Wer bestimmt hier? Bin ich noch souverän genug, eine, diese,
jede Frage abzuweisen, ihr Tor zu übersehen, mich nicht
hindurchziehen zu lassen?

Ich gehe gern auf Fragen ein. Ich antworte gern. Fragen sind
ein Teil des Hin und Her in lebenden Beziehungen. Sie
bringen viel, sie zeigen von der Welt des Fragenden, sie regen
mich an, Antworten zu finden. Fragen sind wichtig, und
Antworten sind so etwas wie Respekt davor, dass es Fragen
und Frager gibt. Es ist selbstverständlich (und höflich), auf
eine Frage zu antworten. Auch zu sagen, dass mir keine
Antwort einfällt, ist der Respekt der Frage gegenüber: ein
achtungsvolles Nein.

Und trotzdem: Bei allem Respekt - der Chef meines Lebens
bin ich. Über mir steht niemand. Meine Geburt, mein Leben,
mein Tod. Und: meine Entscheidung, eine Frage aufzunehmen,
in sie einzuschwingen, sie in mir zu wiederholen, sie in mich
einzulassen. Vor jeder Antwort. "Will ich diese Frage?"

Diese Frage vor der (Deiner) Frage gehört mir, ist Teil von
mir, stört (noch) nicht meine gerade gezogen Kreise. Diese
Frage vor der Frage ist die Macht, die alle anderen Fragen
auf den Platz verweist, der ihnen zukommt: Den ich ihnen
zuteilen will. Deine Frage gehört zu Dir - nicht (schon) zu
mir. Deine Frage dort - mein Leben hier.

Will ich eine Verbindung? Diese Verbindung? Jetzt?Will
ich mich Dir und Deiner Frage öffnen und zuwenden? Will
ich wirklich?

Amication ist gebaut auf die Identität, das Selbstbild, das So-
Sein des einzelnen, und auf das So-Will-Ich-Sein des einzel-
nen. Auf die Vielfalt bei aller Gleichwertigkeit - und auf die
Entscheidung: Der - der- will ich sein.

Wenn ich ein Frage-Annehmer sein will, bin ich ein Frage-
Annehmer.
Wenn ich ein Antworter sein will, bin ich ein Antworter.
Wenn ich kein Frage-Annehmer sein will, bin ich kein Frage-
Annehmer.
Wenn ich kein Antworter sein will, bin ich kein Antworter.
Ich entscheide. Niemand sonst.

Ich weiß, dass die Souveränität im Umgang mit der Frage
eines anderen Menschen mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.
Dass unser Leben uns auch in diesem Punkt gehört, ist so
gut wie nicht klar, präsent, verfügbar. Denn Fragen sollten
beantwortet werden

Wir haben als Kinder gelernt, wie die Welt beschaffen ist.
Wir haben auch gelernt, dass eine Frage eine Antwort
zur Folge hat. Und dass wir, wenn die Frage uns galt, zu
antworten hatten. Egal, ob richtig oder falsch, Wahrheit oder
Lüge. Antworten hatten wir auf .jeden Fall. Schweigen als
Reaktion auf Fragen: das war verheerend für die gute Stim-
mung, das war ein heftiger Verstoß gegen alles, was sich gehört.
Frage - Antwort. "Ich habe Dich etwas gefragt!" "Kannst Du
nicht antworten!"  "Ich warte - auf die Antwort!"

Respekt den Kindern gegenüber - auch in der Frage-Angele-
genheit: Wir haben keine Legitimation, uns in ihre Innere
Welt mit der Forderung einzumischen, sie müssten so oder
so reagieren (auf Fragen eben antworten). Doch mit dem
Wunsch, der Bitte, der Angst, der Not, ihre Antwort zu
erhalten - damit können wir durchaus in ihre Welt erst
einmal vorpreschen, bei allem Respekt. Und dann wieder
gehen, wie die großen und kleinen Wellen des Meeres, die
den Strand hinauflaufen. Fragen kann ich stellen - Antwor-
ten bekomme ich geschenkt. Wie Liebe. Wie Leben.

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich,
wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert
durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt
läuft: Man antwortet auf Fragen.

Aber.

Fortsetzung folgt.








Sonntag, 11. Juni 2017

Amication leben, Christiane



















Als ich zum ersten Mal etwas von Amication hörte, waren unsere
4 Kinder schon ziemlich groß (10, 16, 19 und 21 Jahre alt). Ich
hatte also schon einige Jahre Zeit gehabt, von ihnen zu lemen,
und so waren mir diese Ideen gar nicht mehr so fremd. Aber
zwischen dem, was ich erfahren und eingesehen hatte, und dem,
was ich in meinem alltäglichen Leben tat, bestand noch immer
ein großer Unterschied. Und das gefiel mir nicht.

Also fing ich - sozusagen von heute auf morgen - damit an, mit allen
Erziehungsmethoden Schluss zu machen, auch wenn sie mir noch so
taktisch klug und nützlich vorkamen. Anfangs tat ich es einfach nur,
weil es mir gut tat, endlich wieder echt und unverstellt sein zu
können und nicht mehr überlegen zu müssen, ob das, was ich
spontan empfand, erzieherisch richtig oder falsch war. Erst später
merkte ich, dass das auch meinen Kindern gut tat.

Sie wurden jetzt zwar nicht mehr erzogen, aber sie hatten dadurch
unvergleichlich viel mehr Möglichkeiten, menschliche, d. h. soziale
Erfahrungen zu machen. Und es war deutlich zu sehen, dass sie
dadurch, dass sie mehr Gelegenheit hatten, ihre Fähigkeiten zu
erproben, diese auch besser einzuschätzen lemten. Sie wurden
einerseits selbstbewusster, überschätzten sich andererseits aber
auch nicht mehr so häufig. Und so kam es, dass sie trotz wesentlich
größerer Freiheit weniger oft in Gefahr gerieten.

Sie waren auch gegenüber Anregung und Rat aufgeschlossener als
früher, vielleicht, weil sie keine Angst mehr zu haben brauchten,
dass sie damit in irgendeine Richtung gedrängt werden sollten. Ich
hatte endlich mein altes Vertrauen wiedergefunden, dass jedes Kind,
wenn es von Menschen umgeben ist, die ihm Wärme und Aufmerk-
samkeit entgegenbringen, sich zu einemvertrauenswürdigen und
sozialen Menschen entwickelt und nicht erst dazu gemacht werden
muss. Mein Leben mit den Kindem wurde von da an von Jahr zu
Jahr entspannter und intensiver.



.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Das lila Wiesel



















Aus meinen Gute-Nacht-Geschichten.

*

Der Ton wurde immer lauter. "Ich habe doch gewusst, dass
Sternschnuppenso laut sind", dachte das kleine Wiesel. Es
huschte zum Brombeergestrüpp. Als der Ton so laut wurde,
dass die ersten Blätter von der Buche fielen, nahm das kleine
Wiesel seine Halskette und hielt sie gegen den Mond. "Mond",
rief es, »es ist zu laut. Du musst den Sternschnuppen sagen,
dass sie aufhören sollen". Es drehte die Halskette viermal,
und der Ton wuırde leiser. Es fielen auch keine Blätter mehr
ab. Das kleine Wiesel wurde lila, ein Vulkan brach aus dem
Maulwurfshügel, und die drei Grillen begannen wieder zu
zirpen.

Wie konnte es nur geschehen, dass der Vulkan ausgerechnet
aus dem Maulwurfshügel ausbrach? Das lila Wiesel sah neu-
gierig in den Krater. Groß war er ja nicht, der Vulkan. Nicht
größer als ein Maulwurfsloch. Das Wiesel schubste etwas Erde
hinein. Sofort gab es ein gewaltiges Dröhnen, und mit einem
großen Knall wurde die Erde wieder hinausgeschleudert. Es
rauchte sehr, und glühende Steine wurden in die Luft gewirbelt.
Wenn der Vulkan auch nicht sehr groß war, so wußte das lila
Wiesel doch jetzt, daß er ein richtiger Vulkan war.

Das lila Wiesel badete in der Pfütze neben der Buche. Dann
sprang es in den Vulkan. Dabei wurde es so klein, dass es tat-
sächlich in den Krater passte. Es fiel hinab, tiefer und tiefer.
Die glühenden Steine konnten dem Wiesel nichts anhaben.
Das Pfützenwasser war ein guter Schutz. Das Wiesel landete
auf einem großen Pilz. "Ich bin der Vulkanwächter", sagte
der Pilz. "Es ist nett von Dir, dass Du mich besuchen kommst."
Das lila Wiesel wurde rot, so rot wie die glühenden Steine.
Es aß ein Stück vom Pilz, und zusammen passten sie auf,
dass der Vulkan rauchte und ab und zu Glut ausstieß.

Durch die Wolke kam der Buntvogel zu ihnen. Er brachte
Lulila mit, das Sternenmädchen. "Ich habe von Euch gehört",
sagte sie. Sie gab dem rotglühenden Wesel und dem Pilz die
Hand. "Dies habe ich Euch nıitgebracht." Sie gab dem Pilz
drei Sternschnuppen. Sie strahlten wunderschön. Das Wiesel
lief durch den Maulwurfsgang nach oben und gab die Stern-
schnuppen den drei Grillen. »Das ist für Euren schönen Ge-
sang", sagte es.

Die drei Grillen lachten. "Endllich!"`freuten sie sich. Sie
nahmen ihre Flügel ab und warfen sie in die Pfütze neben
der Buche. Es rauschte sehr, und das Pfützenwasser stieg
hoch und höher. Es floss schließlich über den Maulwurfs-
hügel in den Vulkankrater. Gewaltiger Dampf stieg auf,
die Sonne wurde von einer lila Wolke verdeckt, und das
Wiesel sprang in das Brombeergestrüpp. Der Pilz wuchs
am Stamm der Buche, und Lulila, das Sternenmädchen,
kraulte dem Maulwurf den Pelz. Sie sangen zusarnmen
das Lied der Grillen, und als der Ton wieder lauter wurde,
schliefen sie ein.


Montag, 5. Juni 2017

Du nicht - Du schon



















Viele kommen in Berührung mit amicativen Aussagen, sind
davon begeistert und wollen so leben. Aber sie erfahren dann
das Auseinanderklaffen von den Vorstellungen und Mög-
lichkeiten einerseits und dem, was sie praktisch tun anderer-
seits. Mit der Zeit schleicht sich eine gewisse Enttäuschung
darüber ein, dass es nicht so gut klappt mit der Amication.
Die Idee ist ja o.k. - aber Umsetzung und Praxis gelingen
nicht. Was steht zwischen der Idee und der Praxis, was
hemmt die Umsetzung?

Meistens wird einfach übersehen, dass das Hinüberwechseln
in die amicative Lebensweise nicht einfach automatisch ab-
läuft. Wobei das Vertrackte darin besteht, diese "Arbeit" nicht
pädagogisch zu betreiben. Also nicht ein Selbst-Umerziehungs-
Programm zu machen. Aber was lässt sich tun? Ein weites Feld!

Ein Aspekt ist unser Umgang, sind die Menschen, mit denen
wir zu tun haben, zu tun haben wollen. Hier lässt sich nach-
denken und einmal bewusst auf den Umgang achten. Wir
können gewichten und entscheiden, dass wir den Kontakt
zu bestimmten Leuten einschränkten oder beenden. Wenn
sie mit ihrer Ausstrahlung das vermitteln, was wir nicht
mehr wollen. Zum Beispiel immer wieder moralisieren.

Das Wegbleiben ist sicher oft ungewöhnlich bis unhöflich.
Aber es hilft: "Also, mit diesen Leuten will ich nichts mehr
zu tun haben. Ich bin froh, dass ich das sagen kann und dazu
stehe. Was hat mich dieser Kontakt für Kraft gekostet."

Wenn man sich so abschottet von störenden Einflüssen,
kann es von den Ausgeschlossenen heftige Vorwürfe geben.
Das auszuhalten ist anstrengend. Aber sonst gibt es bei den
mühsamen Gehversuchen in einer neuen Welt oft einfach
zu viel Irritation. Wenrı man sicherer geworden ist, stören
diese Leute dann weniger, und man kann versuchen, den
Kontakt wiederherzustellen.

Solche Ausgrenzungen werden ergänzt durch den Kontakt
zu Menschen, die auch so unterwegs sind wie wir, denen
die Amication etwas sagt. Mit ihnen kann man von derselben
Basis aus über alles reden, fühlt sich nicht angegriffen und
muss sich nicht verteidigen. Man sieht auch, dass jeder seinen
eigenen Weg zur Amication geht, vergleicht sich, macht sich
gegenseitig Mut und lernt voneinander.





Samstag, 3. Juni 2017

Terrorismus-Terroristen



















Diesen Text zum Terrorismus habe ich anlässlich des Anschlags von
9/11 geschrieben. Ich hole ihn mal hervor, er ist nach wie vor aktuell.

*

Die Gleichwertigkeit der Amication gilt uneingeschränkt, auch für
jeden Terroristen. Ein Terrorist ist wie jeder andere ein Mensch mit
Würde und ein Ebenbild Gottes. Seine Gedankenwelt ist ebenso
wertvoll oder wertlos wie die anderer Menschen. Er ist wie jeder
andere nicht an objektiven Maßstäben zu messen, da es diese in
der Amication nicht gibt. Er steht vor mir als Person, und von Ich
zu Ich sagen wir uns, was es zu sagen gibt.

Aus amicativer Sicht gibt es gegenüber dem Terroristen als Person
Respekt und Achtung. Die Bewertung seiner Position und seiner
Handlung bleibt dann einem jeden überlassen, und wer ihm zustimmt,
stimmt ihm zu, wer ihn ablehnt, lehnt ihn ab, wer ihn bekämpft, be-
kämpft ihn. Das muss jeder selbst entscheiden, Amication macht hier
keine Vorgabe und nimmt niemanden in die Pflicht. Jeder kann der
Terrorist sein, der er sein will - so wie jeder der Friedensmensch
sein kann, der er sein will.

Aber kollidiert Amication nicht mit der Wertewelt derer, die andere
missachten? Zu den Grundlagen von Amication gehört die Achtung
vor dem Anderen, seinem Selbstbild. Also auch die Achtung vor
jemandem, der andere missachtet. Wenn jemand ein Missachter, ein
Hasser, ein Terrorist, ein Killer sein will - was ist daran mit objektiver
Elle zu messen? Nichts. Aus der Vielfalt der Möglichkeiten, aus der
großen Welt der Identitäten wählt ein jeder aus, und keine Wahl ist
besser oder schlechter als eine andere.

Wenn es in der Amication also eine grundlegende Achtung vor jedem
Menschen, auch jedem Terroristen gibt - dann ist dies eine sehr andere
Position als diejenige, die dem Terroristen das Böse-Etikett aufklebt.
Die den Terroristen terrorisiert.

Diese Basisposition der Amication ist für die Lebenswirklichkeit aber
nur der Beginn allen Geschehens. Sie ist eine psychische Größe, die
in der Realität des Handelns, Kommunizierens, Miteinanders unab-
dingbar, auf jeden Fall, ohne Ausnahme, immer und stets ergänzt
wird um die persönliche Position und Bewertung, um das Resümee
der persönlichen Ethik und Moral. "Bei allem Respekt vor Dir - das
aber ist meine Meinung dazu." Die Große Vielfalt entlässt nicht in die
unendliche, im Nebel entschwindende Beliebigkeit, sondern lädt ein
und zwingt letztlich zur persönlichen Wahl und Verantwortung. Zum 
persönlichen Weg in all dieser gleichwertigen Unendlichkeit. "Welchen
Weg will ich gehen, wenn alle Wege möglich sind, in Verantwortung
vor mir?"

Die Welt der Terroristen enthält die Unterdrückung der Freiheit des
Anderen. So wie dies in vielen Gesellschaftsformen der Fall ist: in
den Monarchien, Diktaturen, Theokratien dieser Welt. Der Westen
hat dies durch die Aufklärung und die demokratische Idee schon ein
gutes Stück überwunden. Hier bin ich zu Hause, und dieser Wert der
Freiheit ist auch mein Wert. Die Terroristen wählen aus der Großen
Vielfalt den Wert der Unterdrückung des Anderen und die Missach-
tung seiner Würde - ich wähle aus der Großen Vielfalt den Wert der
Freiheit des Anderen und die Achtung seiner Würde. Wir unterschei-
den uns. Und selbstverständlich verteidige ich meine Werte gegen
jeden, der sie angreift und auslöschen will. Mit welchem Mittel, das
will dann gut überlegt sein.

Ich selbst bin nicht von Terroristen angegriffen worden. Wohl aber
von denen, die diese Menschen missachten und zu Nichtmenschen
stempeln. Diese Terrorismus-Terroristen habe ich um mich, in jeder
Zeitung, jedem Kommentar, jedem Gespräch, in jeder Frage zum
Thema. Dieser ethische Terrorismus schickt keine Flugzeuge in
Türme, sondern Flugzeuge in mein Herz. Und diesem Terrorismus
halte ich stand.

Nach dem Schreck und dem Schock der Attacke "Die Terroristen sind
keine Menschen" hole ich Luft und komme zur Besinnung. Ich besinne
mich auf meine Werte: Selbstverständlich sind die Terroristen des 11.
September Menschen mit Würde und ihnen kommt Respekt und Acht-
ung zu. Wie auch denen des 12. September, den Terrorismus-Terroristen.
Und ebenso selbstverständlich ist für mich, dass es völlig unakzeptabel
ist, Menschen mit Flugzeugen, Autos oder mit sonstwas umzubringen.
Genauso unakzeptabel, wie diesen Mördern die Menschenwürde ab-
zusprechen.