Freitag, 16. Juni 2017

Frage. Welche Frage? Antwort. Welche Antwort? I



















Fragen und Antworten. Antworten auf Fragen. Da gibt es
eine Norm, eine Moral, ein Soll: Eine Frage (wenn sie nicht
unverschämt, unpassend, überflüssig, daneben, unsinnig, ver-
rückt ist) wird beantwortet, hat sozusagen das Recht auf eine
Antwort. Wir antworten auf Fragen. Eine Frage hat eine
große Macht: Sie nimmt uns in die Pflicht, wir bemühen uns.
Wir verlassen die Denkbahn, auf der wir gerade noch waren,
um der Frage gerecht zu werden.

 "Wie spät ist es?" Die Fragewörter, die einen Fragesatz
einleiten, machen uns wach: aufpassen, es gibt eine Frage,
es wird eine Antwort erwartet: Was ...? Wer ...? Wo ...?
Wie ...? Womit ...? Warum ...? Wohin ...? Wodurch ...?
Oder diese indirekten Fragen: Kannst Du ...? Würdest
Du ...? Hast Du ...? Bist Du ...? Machst Du ...? Kommst
Du ...? Sagst Du ...?

Was macht uns eigentlich so antwortbereit? Wer sagt uns,
dass Fragen zu beantworten sind? Die Frage als solche hat
uns im Griff. Es ist kaum vorstellbar, eine Frage nicht zu
beantworten. Extra nicht beantwortet, souverän verwei-
gert, nicht angebissen. Und doch wäre dies zu können eine
Tugend: etwas, das uns dient, uns selbst dient. Denn alle
Zeit meines Lebens ist immer meine Zeit, nie die des
anderen, des Fragenden. Das Antworten auf Fragen gehört
mir - ich antworte nur, wenn ich es will, für richtig halte,
wenn es ein ehrliches Geschäft reinen Herzens ist, Dir
Deine - Deine - Frage zu beantworten. Ich muss das nicht
tun, ich soll das nicht tun, ich kann - kann - das tun: Wenn
ich es will.

Fragen ziehen uns in Denkbahnen. In die Bahnen, die die
Frage bewirken, die sie umgeben, in die die Fragen eingewo-
ben sind. Fragen öffnen ein spezifisches Tor: Das Tor zur
jeweiligen Fragewelt. Will ich dahin? Will ich dort sein? Will
ich dort verweilen, suchen (Antworten) - und die andere, die
eigene Welt, in der ich gerade bin (vor der Frage), verlassen?
Wer bestimmt hier? Bin ich noch souverän genug, eine, diese,
jede Frage abzuweisen, ihr Tor zu übersehen, mich nicht
hindurchziehen zu lassen?

Ich gehe gern auf Fragen ein. Ich antworte gern. Fragen sind
ein Teil des Hin und Her in lebenden Beziehungen. Sie
bringen viel, sie zeigen von der Welt des Fragenden, sie regen
mich an, Antworten zu finden. Fragen sind wichtig, und
Antworten sind so etwas wie Respekt davor, dass es Fragen
und Frager gibt. Es ist selbstverständlich (und höflich), auf
eine Frage zu antworten. Auch zu sagen, dass mir keine
Antwort einfällt, ist der Respekt der Frage gegenüber: ein
achtungsvolles Nein.

Und trotzdem: Bei allem Respekt - der Chef meines Lebens
bin ich. Über mir steht niemand. Meine Geburt, mein Leben,
mein Tod. Und: meine Entscheidung, eine Frage aufzunehmen,
in sie einzuschwingen, sie in mir zu wiederholen, sie in mich
einzulassen. Vor jeder Antwort. "Will ich diese Frage?"

Diese Frage vor der (Deiner) Frage gehört mir, ist Teil von
mir, stört (noch) nicht meine gerade gezogen Kreise. Diese
Frage vor der Frage ist die Macht, die alle anderen Fragen
auf den Platz verweist, der ihnen zukommt: Den ich ihnen
zuteilen will. Deine Frage gehört zu Dir - nicht (schon) zu
mir. Deine Frage dort - mein Leben hier.

Will ich eine Verbindung? Diese Verbindung? Jetzt?Will
ich mich Dir und Deiner Frage öffnen und zuwenden? Will
ich wirklich?

Amication ist gebaut auf die Identität, das Selbstbild, das So-
Sein des einzelnen, und auf das So-Will-Ich-Sein des einzel-
nen. Auf die Vielfalt bei aller Gleichwertigkeit - und auf die
Entscheidung: Der - der- will ich sein.

Wenn ich ein Frage-Annehmer sein will, bin ich ein Frage-
Annehmer.
Wenn ich ein Antworter sein will, bin ich ein Antworter.
Wenn ich kein Frage-Annehmer sein will, bin ich kein Frage-
Annehmer.
Wenn ich kein Antworter sein will, bin ich kein Antworter.
Ich entscheide. Niemand sonst.

Ich weiß, dass die Souveränität im Umgang mit der Frage
eines anderen Menschen mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.
Dass unser Leben uns auch in diesem Punkt gehört, ist so
gut wie nicht klar, präsent, verfügbar. Denn Fragen sollten
beantwortet werden

Wir haben als Kinder gelernt, wie die Welt beschaffen ist.
Wir haben auch gelernt, dass eine Frage eine Antwort
zur Folge hat. Und dass wir, wenn die Frage uns galt, zu
antworten hatten. Egal, ob richtig oder falsch, Wahrheit oder
Lüge. Antworten hatten wir auf .jeden Fall. Schweigen als
Reaktion auf Fragen: das war verheerend für die gute Stim-
mung, das war ein heftiger Verstoß gegen alles, was sich gehört.
Frage - Antwort. "Ich habe Dich etwas gefragt!" "Kannst Du
nicht antworten!"  "Ich warte - auf die Antwort!"

Respekt den Kindern gegenüber - auch in der Frage-Angele-
genheit: Wir haben keine Legitimation, uns in ihre Innere
Welt mit der Forderung einzumischen, sie müssten so oder
so reagieren (auf Fragen eben antworten). Doch mit dem
Wunsch, der Bitte, der Angst, der Not, ihre Antwort zu
erhalten - damit können wir durchaus in ihre Welt erst
einmal vorpreschen, bei allem Respekt. Und dann wieder
gehen, wie die großen und kleinen Wellen des Meeres, die
den Strand hinauflaufen. Fragen kann ich stellen - Antwor-
ten bekomme ich geschenkt. Wie Liebe. Wie Leben.

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich,
wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert
durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt
läuft: Man antwortet auf Fragen.

Aber.

Fortsetzung folgt.








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