Montag, 28. März 2022

Feuerwerk und Wassereimer


 

 

Wissen Kinder, was für sie gut ist? Sie wissen es entsprechend ihrem Erfahrungs- und Bewertungshorizont, wie das bei jedem Menschen der Fall ist. Beispiel Kind: Es will einen Weihnachtsbaum anzünden, um sich an der erhofften Wirkung (Feuerwerk) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Wassereimer).

Beispiel Erwachsener: Er will ein Atomkraftwerk bauen, um sich an der erhofften Wirkung (Energiegewinn) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Katastrophenplan).

Aus ihrer Sicht wissen sie, was für sie gut ist. Ich bin da oft ganz anderer Meinung, aus meiner Erfahrung und Bewertung heraus. Ihr subjektives Wissen ist meinem subjektiven Wissen jedoch stets gleichrangig – denn objektives Wissen existiert überhaupt nicht.

Dem zuzustimmen – dass es keine Objektivität der Erkenntnis gibt – ist natürlich nicht jedermanns Sache. Es ist jedoch meine Überzeugung, sie gründet in dem postmodernen Paradigma der Gleichwertigkeit. Und wenn ich auch allemal meinem Wissen verpflichtet bin und dies notfalls durchsetze – so steht es mithin nicht über dem Wissen eines Kindes und verdrängt nicht meinen Respekt davor, dass jedes Kind wie jeder Mensch sehr wohl weiß, was für es gut ist.

Im übrigen ist das Wissen der Kinder ist nicht von der Art, wie wir Erwachsene etwas wissen. Es ist ein Gespür für das Angemessene, eine emotionale Sicherheit, die auf Selbstvertrauen und Ich-Sicherheit beruht. Dieses Wissen der Kinder ist ein Wissen, wie es ursprünglich aus uns kommt, es ist ein Wissen von innen.


 


Montag, 21. März 2022

Pause

 

 

In dieser Woche komme ich nicht dazu, einen Post zu schreiben. Nächste Woche geht es weiter!

Montag, 14. März 2022

Erinnerung


  

Die Befreiung vom pädagogischen Denken erfasst auch den Erwachsenen selbst. Auch Erwachsene mussten nicht erzogen werden, und auch Erwachsene müssen nicht mehr an sich arbeiten, um bessere Menschen zu werden. Erwachsene sind als Kinder vollwertige Menschen von Anfang an gewesen, und diese Vollwertigkeit gilt auch heute und für den Rest des Lebens. Ein jeder war und ist zu hundert Prozent ein vollwertiger Mensch, verantwortlich für sich selbst von Anfang an und kann sich lieben, so wie er ist.

Alles, was die Amication über Kinder sagt, gilt auch für Erwachsene. Amication ist für Erwachsene unmittelbar von Gewinn, nicht nur in ihren Beziehungen zu Kindern. Sie sind die Kinder, um die es ihr Leben lang in Wahrheit geht: "Ich bin für mich verantwortlich. Wie soll mein Leben aussehen? Meine nächsten drei Minuten? Meine nächsten drei Stunden? Meine nächsten drei Tage? Was will ich - was will dieses Kind, das ich bin - wirklich? Wie könnte ich es erreichen?"

Amication wird oft zunächst im Blick auf die heutigen Kinder erfasst. Aber es geht um alle Kinder, auch um die großgewordenen. Es ist, als ob ein junger Mensch zu den heutigen Erwachsenen tritt und ihnen etwas von ihrem verschütteten Wissen der eigenen Kindheit mitteilt. Dieses Kind erinnert die großgewordenen Kinder an die Wahrheiten ihrer Kindheit - Wahrheiten, die durch Erziehung und pädagogische Tradition verloren gingen:

Die Selbstliebe, die Vollwertigkeit, die Selbstverantwortung, die Souveränität, die Gleichwertigkeit, die Subjektivität, die Fehlerlosigkeit, die Sozialität, die Achtung vor der Inneren Welt, die Selbstbehauptung in der Äußeren Welt, die Empathie, die Erziehungsfreiheit. Der Erwachsene, der von diesen Dingen hört, wird stets direkt angesprochen. Und wenn er sich darin wiederfindet, dann setzt er den amicativen Impuls für das Kind um, das ihm zuallererst anvertraut ist: für sich selbst.

 

Montag, 7. März 2022

Wir hier - die Schule dort



Eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn (2. Klasse) im Schwimmunterricht mit einigen Mitschülern auf der Bank neben dem Becken warten muss, bis der Lehrer mit den anderen Kindern im Wasser fertig ist. Und sie dann wieder dran kommen und ins Wasser dürfen. Abwechselnd. Er muss also mit nasser Badehose draußen warten und friert. Das hat dazu geführt, dass er zweimal nicht zum Schwimmen mitgegangen ist. Erst jetzt hat er es seiner Mutter erzählt. Sie überlegt, ob sie den Lehrer zur Rede stellen oder es auf sich beruhen lassen soll. 

Das führt mich mal wieder zur Schule, und zwar grundsätzlich. Ich suche einen Text heraus meinem Buch "Schule mit menschlichem Antlitz", der dazu passt.*

* 

Die Schule ist eine Institution, die ganz und gar unabhängig von uns existiert. Wir sind immer konkrete Menschen, und das heißt für die Eltern und Kinder: dieser Vater, diese Mutter, diese Kinder. Und unabhängig von uns als Familie existiert viel in der Welt: die Kneipe nebenan, das Stadttheater, der Bundestag, und eben auch die Müller-Schule in der Meierstraße und die Meier-Schule in der Müllerstraße. Klar, das hat auch etwas mit uns zu tun, denn wir gehen ja in die Kneipe und ins Theater, wir wählen das Parlament und schicken die Kinder zur Schule. 

Aber es ist eben auch wahr, und das zu übersehen macht die Macht der Schule aus, dass diese Institution, die Schule, jede Schule zunächst einmal mit uns nichts, aber auch ganz und gar nichts zu tun hat. Die Schulgesetze: nicht von uns beschlossen. Die Lehrer: nicht von uns bestellt. Die Schulordnung: nicht von uns in Auftrag gegeben. Die Lehrpläne: nicht unsere Erfindung. Methodik, Didaktik, Motivation, Evaluation und das ganze weitere depersonalisierende Brimborium: weiß Gott nicht unsere Sache. Nichts, aber auch gar nichts ist von der Schule auf unser Konto zu buchen. Wir hier - die Schule dort.

So - und von dieser radikalen, grundsätzlichen und wesentlichen Unterscheidung aus sehe ich mir an, was das dort denn ist, die Schule, wie sie strukturiert ist, was sie will, was sie bewirkt. Und von daher kommt meine Entschlossenheit, für meine Kinder einzustehen und den Anforderungen der Schule immer wieder mit Verwunderung zu begegnen: "Tatsächlich – das hat der Lehrer gesagt? Was hat er sich eigentlich dabei gedacht?" Immer wieder. 

Und von daher kommen dann meine Reaktionen, mein Umgang mit dem Merkwürdigen da draußen – das Schule heißt und durch das ich selbst damals, zu meiner Zeit, durchwanderte, durchmusste. Exotisch schon damals, eine seltsame Erfindung, umgeben von der Aura des Absoluten, wie Sonne, Mond und Sterne. Nur: dass ich heute diese Fiktion sehe, als Erwachsener darum weiß, dass die Schule eben nicht als göttlich Ding vom Himmel auf die Erde gekommen ist, sondern ein ganz und gar menschlich Ding ist, ersonnen und gemacht von Menschen wie Du und ich, und dass man das alles gänzlich anders sehen kann. 

Ich lade also jeden ein, sich von der Schulideologie zu befreien. Big Brother, das Kuckucksnest, Trumans World zu verlassen, diese gläserne Glocke, die Kinder leibhaftig einfängt, niemals wirklich entlässt, sondern sie als großgewordene Kinder lebenslang gefangen hält. 

Schule muss nicht sein! Sollte sie sein? Jeder von uns gibt hier seine eigene Antwort. Ein Tipp für Unentschlossene: Fragen Sie die Kinder, ein halbes Jahr nach der Zuckertüte. Sie kennen noch den Zusammenhang, wissen noch um das, was möglich ist, sie haben es noch im Blick, was Leben ohne Schule heißt. Dies alles zu wissen macht sehr sicher, die eigenen, aus der familiären Situation kommenden Antworten zu finden. 

Keine Hausaufgaben gemacht? "Ran an die Arbeit" oder "Dann lass es eben". Ein Brief, dass mein Kind sich in der Schule nicht benimmt? Wozu sollte es sich benehmen? Und was heißt eigentlich "Benehmen" in der Schule? Schlägt es andere Kinder? Vielleicht war das wichtig und richtig. Redet es zu laut im Unterricht? Vielleicht war das wichtig und richtig. Tut es nicht, was der Lehrer will? Vielleicht war das wichtig und richtig. 

Jeder Mensch, auch jeder junge Mensch, auch jedes Kind in der Schule tut immer etwas Sinnvolles, mit Grund, aus seiner eigenen, individuellen Schlüssigkeit und Weltdeutung heraus. Das interessiert mich. Also: Warum keine Hausaufgaben? Was führte zur Schlägerei? Zu Gegenreden? Ich liebe mein Kind und ich freue mich, wenn ich es mehr und mehr immer wieder neu verstehen lerne. Soll ich mein Kind korrigieren um der Schule willen? Soll ich einen lebendigen Menschen korrigieren, weil Herr Meier das gern so von mir hätte? Wer bin ich denn?

*

Was also ist im Fall mit dem Schwimmunterricht zu tun? Ich habe gesagt, ein Gespräch mit dem Lehrer kann nicht schaden. Motto: Ich habe keine Lust, dass mein Kind sich erkältet. Aber das weiß er doch selbst. Er kann seinen Unterricht besser handhaben, wenn die einen Kinder im Wasser sind und die anderen auf der Bank. Erkältungsrisiko eingeschlossen. Wie immer hat auch dieser Lehrer sein eigenes System, mit den Kindern und seinem Lehrauftrag zurechtzukommen. Eltern stören da nur. Doch auch wenn das alles so ist: Ich bin nicht für die Schule und den Lehrer da, sondern für mein Kind. Und dann interveniere ich. "Ich möchte nicht, dass mein Kind mit nasser Badehose rumsitzt und sich erkältet."


* Schule mit menschlichem Antlitz, 2001, S. 21 ff.



 

Montag, 28. Februar 2022

Niemals aber Erziehung!



Es gibt viele Konzeptionen für den Umgang mit Kindern. Die Palette reicht von autoritärer Erziehung über Gewähren-Lassen bis zu antiautoritärer Erziehung, und meist wird ein partnerschaftliches Verhältnis als erstrebenswert angesehen. Die Grundlage aller verschiedenen Methoden ist stets diese: „Kinder müssen erzogen werden.“ Es fragt sich nur, wie.

Amication fragt anders: Müssen Kinder wirklich erzogen werden? Vielleicht sind sie ja gar keine „Erziehungs-Menschen“, sondern ganz normale Leute? Vielleicht sind Kinder ja schon von Geburt an Menschen – vollwertige Menschen, und müssen nicht erst dazu gemacht werden, auch nicht auf die progressivste Art und Weise? 

Vielleicht ist die Idee, Erziehung müsse sein, eine falsche und gefährliche Sicht vom Menschen? Wem dient dies wirklich? Steht da nicht einer über dem anderen? Wird da nicht „zu deinem Besten“ geformt? Muss da nicht einer etwas einsehen? Hat da nicht einer immer recht?

Das alles erinnert an die Art, wie Europäer mit Afrikanern und Indianern, Männer mit Frauen, Kommunisten mit Bürgern umgingen. Es wird deutlich, dass das Oben-Unten-Denken im Umgang mit Kindern eine breite, historisch gewachsene und lange Zeit unbefragte Basis hat. 

Wobei die Mächtigen aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht von vornherein böse, sondern gut, liebevoll und verantwortungsbewusst sind, wie Eltern zu ihren Kindern: Europa missioniert den Rest der Welt, Männer enthalten Frauen das Wahlrecht vor, die Partei beschließt, was „objektiv“ gut ist. 

Amication verlässt diese Welt des „einer steht über dem anderen“, und das gilt auch gegenüber jungen Menschen. Die existentiellen Aussagen über Kinder werden auf neue Weise gedacht: 

„Mach mich nicht zu einem Menschen, ich bin es von Anfang an. Sag mir Deine Erfahrungen, aber sag nicht, dass Du besser weißt als ich, was für mich gut ist, denn das spüre ich selbst am besten. Liebe mich, aber sei nicht für mich verantwortlich, denn das bin ich selbst. Ich brauche Deine Loyalität und Solidarität, Deine Unterstützung, und wenn Du nicht anders kannst, Dein ehrliches Nein – niemals aber Erziehung!“


 

Montag, 21. Februar 2022

Abgrenzung

 


Es kommen immer mal wieder irritierte Anfragen an mich. Dann kläre ich die Missverständnisse. Jetzt will ich auf unsere Website einen Abgrenzungstext zu den drei größten Problemen stellen. Hier ist er schon mal vorab.

 

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Abgrenzung

Wer sich zum ersten Mal mit der Amication beschäftigt, kann in Assoziationsfelder geraten, die befremdlich, irritierend oder auch abstoßend sind. Drei solcher Missverständnisse sollen hier geklärt werden. Es geht um die Vermutungen, Amication hätte etwas mit Vernachlässigung von Kindern, mit Kinderrevolution und mit Pädophilie zu tun. 

 

Kinder werden nicht vernachlässigt.

In unseren Texten ist immer wieder die Rede davon, dass wir Kinder „nicht erziehen“. Wer einen solchen Satz liest, kann an Vernachlässigung und antiautoritären Umgang denken.

Doch unser „nicht erziehen“ bedeutet nicht, dass die Kinder sich selbst überlassen werden oder dass die Kinder tun können, was sie wollen. Wir haben mit antiautoritären Positionen nichts zu tun. Wie alle Eltern sind wir für unsere Kinder da und kümmern uns um sie, und ein Nein ist ein Nein. 

Bei dem „nicht erziehen“ der Amication geht es um eine spezifische, hoch ausdifferenzierte Beziehungsform für das Zusammenleben mit Kindern, fachlich gesprochen um Postpädagogik und die Rehumanisierung der Pädagogik. Es geht in der Amication um eine nicht-erzieherische Haltung. Diese amicative Haltung begründet eine neuartige Verantwortung, die Erwachsene übernehmen. 

Was das bedeutet, ist in den Texten, Wort- und Videobeiträgen der Website ausführlich in Theorie und Praxis dargestellt. 

 

Kinderrevolution wird nicht propagiert.

Der Gedanke politischer Emanzipation junger Menschen tauchte in den 1970er Jahren in der US-Literatur auf, und es entstand das „Children's Rights Movement“. Die dort geforderten Rechte für junge Mitbürger fußen auf den Gedanken von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung. 

Wir sahen damals die Parallele der von uns propagierten erziehungs-missionsfreien Eltern-Kind-Beziehung zum Children's Rights Movement. Unser Beziehungsaspekt wurde dort in eine politische Perspektive utopisch weitergedacht. 

1980 wurde dann dementsprechend das Deutsche Kindermanifest von uns proklamiert, in dem eine Ausgestaltung der Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und politischen Emanzipation des Kindes im Sinne vollwertiger Bürger- und Menschenrechte vorgenommen wird. 

In einer Präambel und 22 Artikeln werden Rechte aufgeführt, die Kindern zustehen sollten. Diese Rechte sind nicht hier und jetzt zu realisieren, und dies wird auch nicht gefordert. Die Rechte des Deutschen Kindermanifests können erst dann verwirklicht werden, wenn Kinder als gleichberechtigte Mitbürger angesehen werden. 

Im Deutschen Kindermanifest wird die Gleichberechtigung des Kindes als weite Perspektive gesehen. Es wird von einer Position der Zukunft her formuliert, was Kindern dann, wenn sie gleichberechtigt sein sollten, an Rechten zustehen würde. 

Doch einigen Rechten könnte man auch heute schon zustimmen. Zum Beispiel dem Recht des Artikels 14: „Kinder haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Es gibt keine Züchtigung.“ 

Amication propagiert mit dem Deutschen Kindermanifest keine Kinderrevolution, sondern es wird dazu beigetragen, über die rechtliche Position von Kindern nachzudenken. Dabei muss jedes Recht des Deutschen Kindermanifests – wenn es realisiert werden soll – vor Ausnutzung und Missbrauch geschützt werden. 

In diesem Zusammenhang wird an Artikel 9 Anstoß genommen: "Kinder haben das Recht, gegen Entgelt zu arbeiten." Oder an Artikel 18: „Kinder haben das Recht, ihr Sexualleben selbst zu bestimmen und Nachkommen zu zeugen.“ Auch diese Artikel sind aus der Sicht von Kindern als gleichberechtigten Mitbürgern her formuliert. Damit das Recht auf Arbeit und auf Sexualität keine destruktiven Tore für Erwachsene öffnen, sind sie gegen Ausnutzen und Missbrauch wirkungsvoll abzusichern. 

Ausführlich werden Hintergrund und Sinn des Deutschen Kindermanifests in unserer Schrift „Kinder in der Demokratie“ dargestellt (Website: Medien/Literatur). Auch Einwände und Kritik werden aufgegriffen und beantwortet. 

 

Verbindung zu Pädophilie besteht nicht. 

Als Eltern lieben wir unsere Kinder, und dabei gibt es keine Grenzüberschreitung. Alles, was in Sachen Pädophilie und sexuellem Missbrauch daherkommt, wird von uns nicht geduldet. 

Heute gibt es eine große Sensibilität hinsichtlich Kindesmissbrauch. Diese Sensibilität ist wichtig und richtig. Der Ausdruck „Freundschaft mit Kindern“ kann da irritieren. Was ist damit gemeint und wie kam es dazu? 

Vor über vierzig Jahren, 1978, im Jahr der Vereinsgründung, wollten wir unsere nicht-erzieherische Grundposition mit einem positiven Begriff versehen und suchten einen dazu passenden Namen. Den damals viel diskutierten Begriff „Antipädagogik“ fanden wir zu plakativ, nicht kommunikativ und zu verletzend für pädagogisch eingestellte Menschen. 

Die Werte Achtung, Respekt und Gleichwertigkeit charakterisieren unser Konzept der Eltern-Kind-Beziehung. Achtung, Respekt und Gleichwertigkeit sind auch die Grundlage jeder Freundschaft. Wegen dieser Werteübereinstimmung hielten wir es damals für sinnvoll, den positiven und konstruktiven Begriff „Freundschaft“ in unsere Texte und unseren Vereinsnamen einzubeziehen. 

Da wir an der Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehungen arbeiten wollten, nannten wir den Verein dann „Freundschaft mit Kindern – Förderkreis e.V.“. Unsere frühen Texte bekamen dementsprechend das Kennwort und die Überschrift „Freundschaft mit Kindern“.


 

 

Montag, 14. Februar 2022

PizzeriaKinder

 

  

Frage beim Vortrag: „Ich bin mit meinem Mann in der Pizzeria, am Nachbartisch sind Kinder. Sie sind laut, rennen rum, gucken auf die Teller. Es ist ungemütlich. Was soll ich machen? Ich will ja nicht kinderfeindlich sein.“ 

Können Kinder ungemütlich sein? Sind nicht viel zu wenig Kinder in der Öffentlichkeit? Gibt es da einen kinderfeindlichen Anspruch auf kinderlärmfreie Zonen? Kuschkinder in der Pizzeria ja, Lautkinder nein?

Ich kenne das natürlich auch. Und ich bin not amused, wenn diese Eltern ihre Kinder im Lokal von der Leine lassen. Und wenn sie das mit so einem superavantgardistischerm Blick tun: nervt extra. Diese Eltern ansprechen bringt gar nichts. Macht nur noch mehr ungute Stimmung. Den Wirt um Ruhe bitten, absurd. Nur: ich will mich entspannen und bin auf dem Spielplatz gelandet. Nichts gegen Spielplätze, passt nur grade nicht zusammen. 

Tja. Die Kinder sind am falschen Ort, wenn sie hier spielen wollen. Gibt es falsche Orte für Kinder? Für Menschen? Na ja: Im OP-Saal wird außer dem Arzt auch niemand sonst akzeptiert, im Cockpit nicht. Im Konzert tollen Kinder nicht herum, beim Fußballderby nicht auf dem Rasen, bei einer Beerdigung nicht hopphopp über den Sarg, und aufs Klo geh ich auch alleine. Es gibt sie schon, die kinderfreien Räume.

Aber die Pizzeria? Italien scheint auf, die Kinder dort in ihrer beiläufigen Öffentlichkeit. Hier ist aber nicht Italien. Wie kinderfeindlich ist das denn, die Kinder hier bei uns in der Pizzeria ruhigzustellen? Vitalität her! Aber im Museum? Auf dem Friedhof? Und und und.

Ich überlege, was ich der Mutter sagen soll. Dann blätter ich das ganze Szenario auf. Irgendwie haben die Eltern auch recht, ihre Kinder in der Pizzeria loszulassen, und solange sie nicht die Salami von der Pizza klauen...Und irgendwie ist es einfach nur rücksichtslos. Da sehe ich beides. 

„Wenn Sie einen gemütlichen Pizzaabend mit Ihrem Mann machen wollen, dann sollten sie aufstehen und in einen andere Pizzeria gehen. Ohne Kommentar, so was bringt nur noch mehr Ungemütlichkeit, die Antworten der Eltern können Sie sich sparen.“ „Und wenn ich schon bestellt habe?“ „Einpacken lassen und morgen essen. Erst mal gehen und gemütlich woanders essen. Es geht um Achtsamkeit für sich selbst: Diese Pizzeria tut ihnen nicht gut, also weg hier. Gelassen."

"Wenn man in Hundescheiße tritt, kann man gelassen bleiben. Und den Schuh sauber machen. Man kann sich auch aufregen über seine Mißgeschicke. Diese lauten Kinder in der Pizzeria sind ein Mißgeschick. Sie müssen sich nicht aufregen. Sie können gehen und fertig.“ 

„Die Alternative ist natürlich, diese Lautkinder ins eigene Pizzerialeben einzubeziehen. Sie ansprechen. Ins Gespräch kommen. Sie zeigen den Kindern, was Sie bestellt haben. Wollt ihr nachher ein Eis? So etwas geht auch. Schauen Sie, wie Sie drauf sind. Aber nicht als Pflicht kindernett sein. Andere Menschen, auch Kinder, können stinken oder duften. Trauen Sie Ihrer Nase und folgen Sie ihr.“



 

 

Montag, 7. Februar 2022

Feuer - freigesetzt!


 

Ich war mal wieder zu Besuch bei meinen Enkelkindern, es war ein harmonischer Tag. Auf der Fahrt nach Hause ging mir etwas durch den Kopf, was Jans und ich einmal vor langer Zeit über unsere eigene Kindheit notiert hatten – aus unserer damaligen Erwachsenenperspektive. Gilt das auch heute noch für meine Enkel? Und ihre Eltern, meine Kinder? Und für mich, den Vater und Großvater? Haben sich meine Kinder, die Eltern von heute, verwandelt? Ich hatte heute ein gutes Gefühl: meine Kinder, meine Enkel und ich, wir sind vorangekommen!

Hier die Gedanken von damals.

*

Als wir selbst Kinder waren, haben wir Tag für Tag gelernt, dass die Erwachsenen im Recht zu sein beanspruchten. Von Anfang an lebten wir in einer Umgebung, die am Oben-Unten ausgerichtet war und in der unsere Selbstverantwortung nicht wahrgenommen wurde. Und als Erwachsene wenden wir diese tief eingeprägte Strategie im Umgang mit den eigenen Kindern an, getreu den "Erfolgen", die wir den damaligen Erwachsenen abgeguckt haben. 

Aber wir können uns neu orientieren. Amication macht bewusst, dass es auch ganz andere Erfahrungen aus unserer Kindheit gibt. Kíndheitsgefühle, die aus uns selbst kommen, die wir niemandem abgesehen haben, die ursprünglich zu uns gehören: Das Gefühl der eigenen Würde, das Gefühl des eigenen Werts, das Gefühl, über sich selbst bestimmen zu können, das Gefühl, für sich selbst Verantwortung tragen zu können, das Gefühl, okay zu sein und sich lieben zu können, und viele andere dieser machtvollen und konstruktiven Gefühle noch. 

Diese Lebenswelt musste zwar stets gegen die Erwachsenen und ihre "Erziehungsnotwendigkeiten" verteidigt werden, doch zum Glück gab es Erwachsene und Erziehung nicht rund um die Uhr. Wir hatten unsere gleichaltrigen Freunde, auch als "Kinder" definierte Menschen. Bei ihnen konnten wir authentisch sein, wirklich leben, voller Ideen und mit uns selbst im reinen. Es war ein Raum ohne die Verwirrung und die Absonderlichkeiten, in die uns die Erwachsenenwelt mit ihren Werten und Gefühlen verstrickte.

Diese Momente des erwachsenen- und erziehungsfreien Erlebens mit den Gleichaltrigen gaben uns die Kraft, lange Zeit Widerstand gegen alle möglichen Erziehungsansprüche zu leisten. Doch schließlich holte uns das demoralisierende Gift „Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist“ nach und nach ein. Und der Glaube an uns und unsere eigene Kraft, Würde und Selbstliebe wurde nachhaltig gestört oder gar zerstört.

Aber wir haben überlebt! Denn der Kern unseres Selbst und unsere Kindheitsgefühle sind unzerstörbar. Und wir können uns mit der amicativen Sichtweise wieder so sehen lernen, wie es unserer eigenen uralten und liebevollen Selbstwahrnehmung entspricht. Jeder Erwachsene, der uns damals seinen Willen aufnötigte – und wohl noch Dankbarkeit dafür erwartete – tat uns weh, trieb uns in immer neue Schlupfwinkel, zerbrach etwas in uns. Wir können heute die Wut und den Schmerz von damals nehmen, um unseren Kindern nicht Gleiches zuzufügen. 

Und wir können auf das Kind in uns zugehen, auf die Hoffnungen, die Sprachlosigkeit, das Leid von damals. Auch heute kennen unsere Kinder das Leid und die Tränen um sich selbst und die Missachtungen genau wie wir – schon von daher sind wir gleich. Damals, als Kinder, hatten wir recht! Damals verteidigten wir unsere Menschenwürde! 

Heute können wir nicht nur mit dem Verstand einsehen, was not tut, sondern wir können dies auch wieder mit dem Herzen erkennen. Wir brauchen das Gefühl – machtvolle, tief anrührende und erlösende Emotionen – um unsere Menschlichkeit von den Fesseln des althergebrachten Denkens zu befreien. Feuer wurde sorgfältig eingeschlossen, als wir jung und hilflos waren. Setzen wir es dennoch frei! 

Kinder sind vollwertige Menschen von Geburt an – sie werden nicht erst durch die Erziehung zu Menschen. Wir selbst, Kinder gewesen, wissen und fühlen dies. Wer kann es wirklich wagen, das zu bestreiten? Heute, als Erwachsene, sind wir stark genug, jeden nachdrücklich und selbstbewusst zurückzuweisen, der einem Kind die Fähigkeit und das Recht abspricht, über sich selbst zu bestimmen und für sich selbstverantwortlich zu sein. Wir haben diese conditio humana* als Grundlage unserer Existenz selbst erfahren. Nehmen wir unsere heutige Kraft und Überlegenheit, um unsere eigenen Kinder zu schützen!


* conditio humana: Bedingung des Menschseins

 


Montag, 31. Januar 2022

Amication und Postmoderne

 


Amication ist in der Postmoderne verwurzelt. Was bedeutet „verwurzelt“? Nun: aus Kommunikation und existentieller Begegnung entstehen Wahrheiten. Wahrheiten, die anders sind als sogenannte sachliche Wahrheiten. Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit, Subjektivität leuchten als Wahrheiten auf – Wahrheiten, die ohne den Wahrheitsanspruch der Moderne sind, nämlich objektiv, absolut, eindeutig, wirklich wahr zu sein. Ich stelle hierzu Textstellen von zwei postmodernen Autoren vor.

John Holt (1923-1985) ist als Kinderrechtler aus den USA bekannt. Zygmunt Bauman (1925-2017) ist ein britisch-polnischer Soziologe und renommierter Autor zu postmodernen Themen.

 

John Holt in »Zum Teufel mit der Kindheit«, 1978 (USA 1974) S.16: 

Wie viele andere Menschen auch pflegte ich zu glauben, dass der Mensch durch Argumente, durch Diskussionen – durch das, was manche einen »Dialog« nennen – zur Wahrheit gelangen würde. Dabei handelte es sich um eine Art Kampfgericht (trial by combat): jeder setzte sein Argument sozusagen auf ein Pferd und ließ es in vollem Galopp auf das Argument des anderen los. Wer den anderen vom Pferd stoßen konnte, der hatte gewonnen, und er andere musste zugeben: »Du hast gewonnen, also hast du recht.« 

Doch mit der Zeit und mit zunehmender Erfahrung wurde mir klar, dass Menschen nicht dadurch verändert oder besiegt werden, dass man sie dazu bringt, ihre Ideen als dumm, unlogisch oder zusammenhanglos zu erkennen. Heute habe ich eine Vision – von der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte – die ich jedem mitteile, der sie sich anschauen will. Ich vermag diese Vision nicht in sein Gehirn einzupflanzen; jeder macht sich sein eigenes Modell von der Wirklichkeit. Doch das Licht, das ich auf Erfahrung werfe, hilft vielleicht einigen von ihnen, die Dinge etwas anders zu betrachten und sich selber eine neue Vision aufzubauen. 

 

Zygmunt Bauman in »Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit«, 1995 (England 1991) S.127 f.:

Worauf sich die inhärent polyseme* und kontroverse Idee der Postmoderne am häufigsten bezieht (sei es auch nur stillschweigend), ist zuerst und vor allem ein Akzeptieren der unauslöschlichen Pluralität der Welt; eine Pluralität, die nicht eine Zwischenstation auf dem Weg zur noch nicht erreichten Vollkommenheit ist (Unvollkommenheiten gibt es viele und verschiedene; Vollkommenheit ist per definitionem immer nur eine), eine Station, die früher oder später zurückzubleiben hat – sondern eine konstitutive Qualität der Existenz.

Ebenso bedeutet Postmoderne eine entschlossene Emanzipation von dem charakteristisch modernen Drang, die Ambivalenz zu überwinden und monoseme* Klarheit der Selbigkeit zu fördern. Ja, die Postmoderne dreht die Zeichen der Werte, die für die Moderne zentral sind, um, wie Gleichförmigkeit und Universalismus.

Und sobald erst einmal wahrgenommen worden ist, dass die Vielfalt der Lebensformen unreduzierbar ist und es unwahrscheinlich ist, dass sie konvergieren, werden sie nicht nur widerstrebend akzeptiert, sondern in den Rang eines höchsten positiven Wertes erhoben, der weder in eine Lebensform aufzulösen ist, welche auf Universalität zielt, noch durch eine Form degradiert wird, die nach universaler Herrschaft strebt.

Wo die Absicht zu herrschen fehlt, beleidigt das Vorhandensein wechselseitig einander ausschließender Maßstäbe weder den Wunsch nach logischer Kongruenz noch löst es eine Heilungsaktion aus. Im Idealfall ist in der pluralen und pluralistischen Welt der Postmoderne jede Lebensform prinzipiell erlaubt oder, besser gesagt, es sind keinerlei allgemeine Prinzipien evident (oder unbestritten evident), die irgendeine Lebensform unzulässig machen würden.

Sobald die Differenz aufhört, Druck auszuüben, und nicht als ein Problem konstruiert wird, das nach Handeln und Lösung ruft, wird die friedliche Koexistenz von verschiedenen Lebensformen in einem anderen Sinne als dem eines zeitweiligen Gleichgewichts feindlicher Mächte möglich.

Das Prinzip der Koexistenz könnte (einfach nur: könnte) das Prinzip der Universalisierung ersetzen, während das Toleranzgebot an die Stelle der Konversion und der Subordination treten könnte (nur könnte). Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war der Schlachtruf der Moderne. Freiheit, Verschiedenheit, Toleranz ist die Waffenstillstandsformel der Postmoderne. Und wenn Toleranz in Solidarität umgewandelt wird, kann sich Waffenstillstand sogar in Frieden verwandeln.

 

* polysem: mehrere Bedeutungen habend / monosem: nur eine Bedeutung habend

 


 

 

Montag, 24. Januar 2022

Selbstliebe wächst mit beiläufiger Freundlichkeit

 



"Ich liebe mich so wie ich bin" - das ist eine große Vorgabe. Gelernt hat jeder in der Kindheit anderes. Man soll erst ein vollwertiger Mensch werden, an sich arbeiten und sich verbessern. Die Idee der Selbstliebe stößt das alles um und eröffnet eine andere Sicht auf sich selbst. Selbstliebe zeigt den Weg zu innerer Harmonie und zum Frieden mit sich.

Doch aus der alten Sichtweise kommt ein verborgener Einwand, gekleidet in Selbstakzeptanz und zugleich voll lähmender Anforderung: Wenn man es denn für möglich, für gestattet, für moralisch, für erstrebenswert hält, sich selbst zu lieben, wie immer man gerade ist – wenn man es nicht für überspannt und lebensfremd hält, dann ist man auf einmal sich selbst gegenüber im Wort, sich nun lieben zu dürfen und zu sollen.

Man soll so viel zum eigenen Wohl! Ein gutes Leben führen, sich gesund ernähren, entspannt und fröhlich sein, die Seele baumeln lassen, wild und gefährlich leben, und jetzt auch noch sich selbst lieben!

Doch die Amication errichtet keine neue Norm, nach der man sich richten sollte. Es wird vielmehr eine Einladung ausgesprochen und eine Freude angeboten: Es gibt die Möglichkeit zur Selbstliebe. "Ich liebe mich so wie ich bin" ist eine Perspektive und enthält keinerlei Verpflichtung. Die Idee der Selbstliebe ist Aufatmen, Trost, Lächeln und Einladung. Amication ist ein "Kann man machen. jeder kann sich lieben, nichts spricht wirklich dagegen".

Die alte Weltsicht hat tausend Dinge, die dagegen sprechen. Doch hier wird das anders gesehen. Amication ist die Information und die Gewissheit: "Ein jeder kann sich lieben, so wie er ist" Man kann! Und Amication ist dann noch ein bisschen mehr, ohne jegliche Pflicht, ein "Mach doch - Komm mit - Du bist willkommen".

Selbstliebe wächst ohne Selbsterziehung, mit beiläufiger Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Und auch die pädagogischen Anteile des Ich müssen nicht verändert werden, sondern sind als Teil der eigenen Biographie geachtet. Alles hat seinen Platz in einem jeden Menschen - Vergangenes und Widersprüche ebenso wie Aufbruch und neuer Weg.

Selbstliebe ist ein buntes Mosaik mit vielen Elementen. Selbstliebe beginnt mit dem Vertrauen zu sich, flutet in alle Facetten des Selbst und endet im Unendlichen.