Montag, 7. Februar 2022

Feuer - freigesetzt!


 

Ich war mal wieder zu Besuch bei meinen Enkelkindern, es war ein harmonischer Tag. Auf der Fahrt nach Hause ging mir etwas durch den Kopf, was Jans und ich einmal vor langer Zeit über unsere eigene Kindheit notiert hatten – aus unserer damaligen Erwachsenenperspektive. Gilt das auch heute noch für meine Enkel? Und ihre Eltern, meine Kinder? Und für mich, den Vater und Großvater? Haben sich meine Kinder, die Eltern von heute, verwandelt? Ich hatte heute ein gutes Gefühl: meine Kinder, meine Enkel und ich, wir sind vorangekommen!

Hier die Gedanken von damals.

*

Als wir selbst Kinder waren, haben wir Tag für Tag gelernt, dass die Erwachsenen im Recht zu sein beanspruchten. Von Anfang an lebten wir in einer Umgebung, die am Oben-Unten ausgerichtet war und in der unsere Selbstverantwortung nicht wahrgenommen wurde. Und als Erwachsene wenden wir diese tief eingeprägte Strategie im Umgang mit den eigenen Kindern an, getreu den "Erfolgen", die wir den damaligen Erwachsenen abgeguckt haben. 

Aber wir können uns neu orientieren. Amication macht bewusst, dass es auch ganz andere Erfahrungen aus unserer Kindheit gibt. Kíndheitsgefühle, die aus uns selbst kommen, die wir niemandem abgesehen haben, die ursprünglich zu uns gehören: Das Gefühl der eigenen Würde, das Gefühl des eigenen Werts, das Gefühl, über sich selbst bestimmen zu können, das Gefühl, für sich selbst Verantwortung tragen zu können, das Gefühl, okay zu sein und sich lieben zu können, und viele andere dieser machtvollen und konstruktiven Gefühle noch. 

Diese Lebenswelt musste zwar stets gegen die Erwachsenen und ihre "Erziehungsnotwendigkeiten" verteidigt werden, doch zum Glück gab es Erwachsene und Erziehung nicht rund um die Uhr. Wir hatten unsere gleichaltrigen Freunde, auch als "Kinder" definierte Menschen. Bei ihnen konnten wir authentisch sein, wirklich leben, voller Ideen und mit uns selbst im reinen. Es war ein Raum ohne die Verwirrung und die Absonderlichkeiten, in die uns die Erwachsenenwelt mit ihren Werten und Gefühlen verstrickte.

Diese Momente des erwachsenen- und erziehungsfreien Erlebens mit den Gleichaltrigen gaben uns die Kraft, lange Zeit Widerstand gegen alle möglichen Erziehungsansprüche zu leisten. Doch schließlich holte uns das demoralisierende Gift „Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist“ nach und nach ein. Und der Glaube an uns und unsere eigene Kraft, Würde und Selbstliebe wurde nachhaltig gestört oder gar zerstört.

Aber wir haben überlebt! Denn der Kern unseres Selbst und unsere Kindheitsgefühle sind unzerstörbar. Und wir können uns mit der amicativen Sichtweise wieder so sehen lernen, wie es unserer eigenen uralten und liebevollen Selbstwahrnehmung entspricht. Jeder Erwachsene, der uns damals seinen Willen aufnötigte – und wohl noch Dankbarkeit dafür erwartete – tat uns weh, trieb uns in immer neue Schlupfwinkel, zerbrach etwas in uns. Wir können heute die Wut und den Schmerz von damals nehmen, um unseren Kindern nicht Gleiches zuzufügen. 

Und wir können auf das Kind in uns zugehen, auf die Hoffnungen, die Sprachlosigkeit, das Leid von damals. Auch heute kennen unsere Kinder das Leid und die Tränen um sich selbst und die Missachtungen genau wie wir – schon von daher sind wir gleich. Damals, als Kinder, hatten wir recht! Damals verteidigten wir unsere Menschenwürde! 

Heute können wir nicht nur mit dem Verstand einsehen, was not tut, sondern wir können dies auch wieder mit dem Herzen erkennen. Wir brauchen das Gefühl – machtvolle, tief anrührende und erlösende Emotionen – um unsere Menschlichkeit von den Fesseln des althergebrachten Denkens zu befreien. Feuer wurde sorgfältig eingeschlossen, als wir jung und hilflos waren. Setzen wir es dennoch frei! 

Kinder sind vollwertige Menschen von Geburt an – sie werden nicht erst durch die Erziehung zu Menschen. Wir selbst, Kinder gewesen, wissen und fühlen dies. Wer kann es wirklich wagen, das zu bestreiten? Heute, als Erwachsene, sind wir stark genug, jeden nachdrücklich und selbstbewusst zurückzuweisen, der einem Kind die Fähigkeit und das Recht abspricht, über sich selbst zu bestimmen und für sich selbstverantwortlich zu sein. Wir haben diese conditio humana* als Grundlage unserer Existenz selbst erfahren. Nehmen wir unsere heutige Kraft und Überlegenheit, um unsere eigenen Kinder zu schützen!


* conditio humana: Bedingung des Menschseins

 


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