Sonntag, 11. Juni 2017

Amication leben, Christiane



















Als ich zum ersten Mal etwas von Amication hörte, waren unsere
4 Kinder schon ziemlich groß (10, 16, 19 und 21 Jahre alt). Ich
hatte also schon einige Jahre Zeit gehabt, von ihnen zu lemen,
und so waren mir diese Ideen gar nicht mehr so fremd. Aber
zwischen dem, was ich erfahren und eingesehen hatte, und dem,
was ich in meinem alltäglichen Leben tat, bestand noch immer
ein großer Unterschied. Und das gefiel mir nicht.

Also fing ich - sozusagen von heute auf morgen - damit an, mit allen
Erziehungsmethoden Schluss zu machen, auch wenn sie mir noch so
taktisch klug und nützlich vorkamen. Anfangs tat ich es einfach nur,
weil es mir gut tat, endlich wieder echt und unverstellt sein zu
können und nicht mehr überlegen zu müssen, ob das, was ich
spontan empfand, erzieherisch richtig oder falsch war. Erst später
merkte ich, dass das auch meinen Kindern gut tat.

Sie wurden jetzt zwar nicht mehr erzogen, aber sie hatten dadurch
unvergleichlich viel mehr Möglichkeiten, menschliche, d. h. soziale
Erfahrungen zu machen. Und es war deutlich zu sehen, dass sie
dadurch, dass sie mehr Gelegenheit hatten, ihre Fähigkeiten zu
erproben, diese auch besser einzuschätzen lemten. Sie wurden
einerseits selbstbewusster, überschätzten sich andererseits aber
auch nicht mehr so häufig. Und so kam es, dass sie trotz wesentlich
größerer Freiheit weniger oft in Gefahr gerieten.

Sie waren auch gegenüber Anregung und Rat aufgeschlossener als
früher, vielleicht, weil sie keine Angst mehr zu haben brauchten,
dass sie damit in irgendeine Richtung gedrängt werden sollten. Ich
hatte endlich mein altes Vertrauen wiedergefunden, dass jedes Kind,
wenn es von Menschen umgeben ist, die ihm Wärme und Aufmerk-
samkeit entgegenbringen, sich zu einemvertrauenswürdigen und
sozialen Menschen entwickelt und nicht erst dazu gemacht werden
muss. Mein Leben mit den Kindem wurde von da an von Jahr zu
Jahr entspannter und intensiver.



.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Das lila Wiesel



















Aus meinen Gute-Nacht-Geschichten.

*

Der Ton wurde immer lauter. "Ich habe doch gewusst, dass
Sternschnuppenso laut sind", dachte das kleine Wiesel. Es
huschte zum Brombeergestrüpp. Als der Ton so laut wurde,
dass die ersten Blätter von der Buche fielen, nahm das kleine
Wiesel seine Halskette und hielt sie gegen den Mond. "Mond",
rief es, »es ist zu laut. Du musst den Sternschnuppen sagen,
dass sie aufhören sollen". Es drehte die Halskette viermal,
und der Ton wuırde leiser. Es fielen auch keine Blätter mehr
ab. Das kleine Wiesel wurde lila, ein Vulkan brach aus dem
Maulwurfshügel, und die drei Grillen begannen wieder zu
zirpen.

Wie konnte es nur geschehen, dass der Vulkan ausgerechnet
aus dem Maulwurfshügel ausbrach? Das lila Wiesel sah neu-
gierig in den Krater. Groß war er ja nicht, der Vulkan. Nicht
größer als ein Maulwurfsloch. Das Wiesel schubste etwas Erde
hinein. Sofort gab es ein gewaltiges Dröhnen, und mit einem
großen Knall wurde die Erde wieder hinausgeschleudert. Es
rauchte sehr, und glühende Steine wurden in die Luft gewirbelt.
Wenn der Vulkan auch nicht sehr groß war, so wußte das lila
Wiesel doch jetzt, daß er ein richtiger Vulkan war.

Das lila Wiesel badete in der Pfütze neben der Buche. Dann
sprang es in den Vulkan. Dabei wurde es so klein, dass es tat-
sächlich in den Krater passte. Es fiel hinab, tiefer und tiefer.
Die glühenden Steine konnten dem Wiesel nichts anhaben.
Das Pfützenwasser war ein guter Schutz. Das Wiesel landete
auf einem großen Pilz. "Ich bin der Vulkanwächter", sagte
der Pilz. "Es ist nett von Dir, dass Du mich besuchen kommst."
Das lila Wiesel wurde rot, so rot wie die glühenden Steine.
Es aß ein Stück vom Pilz, und zusammen passten sie auf,
dass der Vulkan rauchte und ab und zu Glut ausstieß.

Durch die Wolke kam der Buntvogel zu ihnen. Er brachte
Lulila mit, das Sternenmädchen. "Ich habe von Euch gehört",
sagte sie. Sie gab dem rotglühenden Wesel und dem Pilz die
Hand. "Dies habe ich Euch nıitgebracht." Sie gab dem Pilz
drei Sternschnuppen. Sie strahlten wunderschön. Das Wiesel
lief durch den Maulwurfsgang nach oben und gab die Stern-
schnuppen den drei Grillen. »Das ist für Euren schönen Ge-
sang", sagte es.

Die drei Grillen lachten. "Endllich!"`freuten sie sich. Sie
nahmen ihre Flügel ab und warfen sie in die Pfütze neben
der Buche. Es rauschte sehr, und das Pfützenwasser stieg
hoch und höher. Es floss schließlich über den Maulwurfs-
hügel in den Vulkankrater. Gewaltiger Dampf stieg auf,
die Sonne wurde von einer lila Wolke verdeckt, und das
Wiesel sprang in das Brombeergestrüpp. Der Pilz wuchs
am Stamm der Buche, und Lulila, das Sternenmädchen,
kraulte dem Maulwurf den Pelz. Sie sangen zusarnmen
das Lied der Grillen, und als der Ton wieder lauter wurde,
schliefen sie ein.


Montag, 5. Juni 2017

Du nicht - Du schon



















Viele kommen in Berührung mit amicativen Aussagen, sind
davon begeistert und wollen so leben. Aber sie erfahren dann
das Auseinanderklaffen von den Vorstellungen und Mög-
lichkeiten einerseits und dem, was sie praktisch tun anderer-
seits. Mit der Zeit schleicht sich eine gewisse Enttäuschung
darüber ein, dass es nicht so gut klappt mit der Amication.
Die Idee ist ja o.k. - aber Umsetzung und Praxis gelingen
nicht. Was steht zwischen der Idee und der Praxis, was
hemmt die Umsetzung?

Meistens wird einfach übersehen, dass das Hinüberwechseln
in die amicative Lebensweise nicht einfach automatisch ab-
läuft. Wobei das Vertrackte darin besteht, diese "Arbeit" nicht
pädagogisch zu betreiben. Also nicht ein Selbst-Umerziehungs-
Programm zu machen. Aber was lässt sich tun? Ein weites Feld!

Ein Aspekt ist unser Umgang, sind die Menschen, mit denen
wir zu tun haben, zu tun haben wollen. Hier lässt sich nach-
denken und einmal bewusst auf den Umgang achten. Wir
können gewichten und entscheiden, dass wir den Kontakt
zu bestimmten Leuten einschränkten oder beenden. Wenn
sie mit ihrer Ausstrahlung das vermitteln, was wir nicht
mehr wollen. Zum Beispiel immer wieder moralisieren.

Das Wegbleiben ist sicher oft ungewöhnlich bis unhöflich.
Aber es hilft: "Also, mit diesen Leuten will ich nichts mehr
zu tun haben. Ich bin froh, dass ich das sagen kann und dazu
stehe. Was hat mich dieser Kontakt für Kraft gekostet."

Wenn man sich so abschottet von störenden Einflüssen,
kann es von den Ausgeschlossenen heftige Vorwürfe geben.
Das auszuhalten ist anstrengend. Aber sonst gibt es bei den
mühsamen Gehversuchen in einer neuen Welt oft einfach
zu viel Irritation. Wenrı man sicherer geworden ist, stören
diese Leute dann weniger, und man kann versuchen, den
Kontakt wiederherzustellen.

Solche Ausgrenzungen werden ergänzt durch den Kontakt
zu Menschen, die auch so unterwegs sind wie wir, denen
die Amication etwas sagt. Mit ihnen kann man von derselben
Basis aus über alles reden, fühlt sich nicht angegriffen und
muss sich nicht verteidigen. Man sieht auch, dass jeder seinen
eigenen Weg zur Amication geht, vergleicht sich, macht sich
gegenseitig Mut und lernt voneinander.





Samstag, 3. Juni 2017

Terrorismus-Terroristen



















Diesen Text zum Terrorismus habe ich anlässlich des Anschlags von
9/11 geschrieben. Ich hole ihn mal hervor, er ist nach wie vor aktuell.

*

Die Gleichwertigkeit der Amication gilt uneingeschränkt, auch für
jeden Terroristen. Ein Terrorist ist wie jeder andere ein Mensch mit
Würde und ein Ebenbild Gottes. Seine Gedankenwelt ist ebenso
wertvoll oder wertlos wie die anderer Menschen. Er ist wie jeder
andere nicht an objektiven Maßstäben zu messen, da es diese in
der Amication nicht gibt. Er steht vor mir als Person, und von Ich
zu Ich sagen wir uns, was es zu sagen gibt.

Aus amicativer Sicht gibt es gegenüber dem Terroristen als Person
Respekt und Achtung. Die Bewertung seiner Position und seiner
Handlung bleibt dann einem jeden überlassen, und wer ihm zustimmt,
stimmt ihm zu, wer ihn ablehnt, lehnt ihn ab, wer ihn bekämpft, be-
kämpft ihn. Das muss jeder selbst entscheiden, Amication macht hier
keine Vorgabe und nimmt niemanden in die Pflicht. Jeder kann der
Terrorist sein, der er sein will - so wie jeder der Friedensmensch
sein kann, der er sein will.

Aber kollidiert Amication nicht mit der Wertewelt derer, die andere
missachten? Zu den Grundlagen von Amication gehört die Achtung
vor dem Anderen, seinem Selbstbild. Also auch die Achtung vor
jemandem, der andere missachtet. Wenn jemand ein Missachter, ein
Hasser, ein Terrorist, ein Killer sein will - was ist daran mit objektiver
Elle zu messen? Nichts. Aus der Vielfalt der Möglichkeiten, aus der
großen Welt der Identitäten wählt ein jeder aus, und keine Wahl ist
besser oder schlechter als eine andere.

Wenn es in der Amication also eine grundlegende Achtung vor jedem
Menschen, auch jedem Terroristen gibt - dann ist dies eine sehr andere
Position als diejenige, die dem Terroristen das Böse-Etikett aufklebt.
Die den Terroristen terrorisiert.

Diese Basisposition der Amication ist für die Lebenswirklichkeit aber
nur der Beginn allen Geschehens. Sie ist eine psychische Größe, die
in der Realität des Handelns, Kommunizierens, Miteinanders unab-
dingbar, auf jeden Fall, ohne Ausnahme, immer und stets ergänzt
wird um die persönliche Position und Bewertung, um das Resümee
der persönlichen Ethik und Moral. "Bei allem Respekt vor Dir - das
aber ist meine Meinung dazu." Die Große Vielfalt entlässt nicht in die
unendliche, im Nebel entschwindende Beliebigkeit, sondern lädt ein
und zwingt letztlich zur persönlichen Wahl und Verantwortung. Zum 
persönlichen Weg in all dieser gleichwertigen Unendlichkeit. "Welchen
Weg will ich gehen, wenn alle Wege möglich sind, in Verantwortung
vor mir?"

Die Welt der Terroristen enthält die Unterdrückung der Freiheit des
Anderen. So wie dies in vielen Gesellschaftsformen der Fall ist: in
den Monarchien, Diktaturen, Theokratien dieser Welt. Der Westen
hat dies durch die Aufklärung und die demokratische Idee schon ein
gutes Stück überwunden. Hier bin ich zu Hause, und dieser Wert der
Freiheit ist auch mein Wert. Die Terroristen wählen aus der Großen
Vielfalt den Wert der Unterdrückung des Anderen und die Missach-
tung seiner Würde - ich wähle aus der Großen Vielfalt den Wert der
Freiheit des Anderen und die Achtung seiner Würde. Wir unterschei-
den uns. Und selbstverständlich verteidige ich meine Werte gegen
jeden, der sie angreift und auslöschen will. Mit welchem Mittel, das
will dann gut überlegt sein.

Ich selbst bin nicht von Terroristen angegriffen worden. Wohl aber
von denen, die diese Menschen missachten und zu Nichtmenschen
stempeln. Diese Terrorismus-Terroristen habe ich um mich, in jeder
Zeitung, jedem Kommentar, jedem Gespräch, in jeder Frage zum
Thema. Dieser ethische Terrorismus schickt keine Flugzeuge in
Türme, sondern Flugzeuge in mein Herz. Und diesem Terrorismus
halte ich stand.

Nach dem Schreck und dem Schock der Attacke "Die Terroristen sind
keine Menschen" hole ich Luft und komme zur Besinnung. Ich besinne
mich auf meine Werte: Selbstverständlich sind die Terroristen des 11.
September Menschen mit Würde und ihnen kommt Respekt und Acht-
ung zu. Wie auch denen des 12. September, den Terrorismus-Terroristen.
Und ebenso selbstverständlich ist für mich, dass es völlig unakzeptabel
ist, Menschen mit Flugzeugen, Autos oder mit sonstwas umzubringen.
Genauso unakzeptabel, wie diesen Mördern die Menschenwürde ab-
zusprechen.






Montag, 29. Mai 2017

Kinderland: Schuhe, Beulen und der See









 









 Aus meiner Kinderforschung.

"Theo (15), mach Dir doch die Schuhe sauber, ehe Du
reinkommst. Es gibt hier keinen Staubsauger." Wir sind im
Ferienhaus. Ich bin ärgerlich, dass die Kinder nicht aufpas-
sen. Diesmal werden die Schuhe sauber, aber beim nächsten
Mal sind sie wieder dreckig. Da denke ich nach: Würde ich
die Erwachsenen, die nächste Woche mit mir hier sein wer-
den, auch dauernd so anmachen? Ich würde einmal eine
spaßhafte Bemerkung machen, damit sie Bescheid wissen.
Und es dann ihnen überlassen, wie sie es machen. Aber Theo
gegenüber dränge ich dauernd darauf, dass er seine Schuhe
sauber macht. Ich erwische mich beim Herrschen und lasse
ihn dann in Ruhe. Ich bekomme es hin, ihn mehr zu mögen
als saubere Schuhe. Es ist schwer - aber ich mag mich, dass
ich mich da so anstrenge.

*

Arnd (14) und Theo (15) rollen das Auto, als ich gerade nicht
da bin. Dabei ist die rechte Tür offen, sie stößt vor einen
Balken und verzieht sich. "Die Tür geht nicht mehr zu." Ich
kann nicht gelassen reagieren, ich bin sauer. Aber sie sind so
verdattert, dass ich schnell wieder zu dem komme, wie ich
sonst bin. Ich denke an die Beulen auf dem Dach und daran,
dass ich Freunden dazu gesagt habe "Souvenirs von den
Kindern". Genauso ist es doch mit der Tür! Oder mit ihren
Schreibereien und Bildern innen unter dem Autodach. Ich
gehe ins Jugendzentrum und hole ein Brecheisen. Ich biege
die Tür zurecht, sie geht wieder zu, sieht aber etwas mitge-
nommen aus. "Ist es schlimm?" fragen sie. "Die Tür geht
doch zu", sage ich.

*

Arnd (14) und Netty (14) sind beim Rudern auf dem See ins
Wasser gefallen. Es war sehr lustig. Aber "wenn meine Eltern
merken, dass ich ins Wasser gefallen bin, kriege ich Ärger".
Ich manage: "Los, es ist vier Uhr. Wir fahren zu mir, ich
bringe Eure Sachen in die Schnellreinigung. Das könnte bis
sechs fertig werden." War es dann auch. Und das Wasser-
erlebnis blieb schön bis zum Schluss.

Samstag, 27. Mai 2017

Tränen


















Aus meiner Schatzkiste, Nachdenken und Erleben.

*

Wir sind es gewohnt, große emotionale Geschehnisse bei
den anderen nicht mit Ruhe ansehen zu können. Wenn
der andere sehr heftig reagiert, eilen wir herbei, um ihn zu
beruhigen, etwa wenn er weint. Oder wir beginnen ihn zu
trösten oder von den Dingen zu reden, die Tränen eigent-
lich nicht nötig sein lassen.

In Wirklichkeit geschieht dann, dass wir uns selbst be-
schwichtigen und trösten. Dieses Beschwichtigungs- und
Trostverhalten haben wir der Erwachsenenwelt abgese-
hen, als wir Kinder waren. Wenn wir als junge Menschen
weinten, stürzten die anderen herbei und nahmen sich
unseres Schmerzes an. Was aber bedeutet: Sie nahmen
uns die Oberhoheit über unseren Schmerz. Anscheinend
konnten sie nicht ertragen, dass unsere Tränen flossen,
und sie mussten etwas dagegen unternehmen. Unsere
Tränen gehörten nicht uns. Sie waren etwas Beängstigen-
des für die anderen. Und wenn wir verzweifelt waren,
wurde alles mögliche in Szene gesetzt, damit wir wieder
froh wurden. Unsere Verzweiflung wurde nicht als Reali-
tät akzeptiert, sondern sie wurde wie ein Schmutzfleck
weggeputzt.

Wer seine Selbstliebe wiederfindet, der weiß um den Wert
der Tränen und Verzweiflung von damals. Sie waren offe-
ne Tore zu uns, Rufe, uns selbst, so wie wir wirklich
waren, zu erkennen. Sie waren keine Aufforderung, her-
beizustürzen und von unserer Wirklichkeit, die sich
energievoll Bahn brach, wieder abzulenken. Doch im
Ablenken waren die Erwachsenen geübt, denn sie kann-
ten dies ja aus ihrer eigenen Kindheit: lamentieren, ag-
gressiv reagieren, gutgemeintes »armes Kind«, listige
Beruhigungsmanöver, »ist doch nicht so schlimm«.

Es ging darum, ihre Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.
Unsere Tränen waren letzte Versuche, in das Chaos der
Erwachsenenwelt die Wahrheit und Weisheit unserer
Ordnung zu tragen, die von der Einmaligkeit und Würde
der Person kündet.

Wenn jemand - sei es ein junger oder erwachsener Mensch
- in meiner Gegenwart weint, bin ich nicht mehr aufge-
schreckt in hilfloser Dramatik. Ich kann mit Ruhe, Kon-
zentration, Wärme, ohne Worte, still und energievoll ein-
fach da sein. "Ich bin da. Ich stehe auf Deiner Seite. Ich
mag mich - selbst. Ich mag auch Dich. Ich habe Kraft, Dir
zuzuhören. Deine Tränen verletzen und beunruhigen mich
nicht. Ich kann sie Dir lassen. Nichts muss zerstört wer-
den. Ich höre Dich aus der Tiefe in mir. Ich bin Dir nah"

Diese Reaktion auf die großen Emotionen der anderen
sind geöffnete Tore auch bei uns: auch wir können uns
selbst begegnen. Die Nähe des Weinenden zu sich und
die Nähe des Zuhörenden zu sich sind für beide hilfreich:
Sie spüren, dass sie jetzt einander sehr nah sind, dass ihr
jeweiliges Selbst viel intensiver in Erscheinung tritt als
sonst, und von dieser intensiven Basis sehen sie einander
und stellen sie energievollen Kontakt her.

*

Andi (7) weint. Wir sind in einem Zeltlager, ich bin zu
Besuch. Ich kenne sie erst ein paar Stunden. Die anderen
sind gerade nicht da. Ich knie mich vor sie hin, sie steht drei
Schritte weg. Sie hält die Arme vors Gesicht, sieht ab und zu
her und weint. lch bin ganz konzentriert und rnache mich
auf. Ich höre ihr zu und ich habe Raum in mir für ihre Tränen.

Ich sage mit meinen Augen: "Hallo Andi, ich höre Dir zu
und habe Platz für Deine Tränen. Du kannst mir Dein Leid
erzählen." Sie kommt langsam auf mich zu, bleibt stehen,
sieht her und weint weiter. "Du kannst kommen und Dich in
den Arm nehmen lassen. Du kannst aber auch dort bleiben
und mich zuhören lassen", sage ich ihr mit meinen Augen
und mit meinen Gefühlen aus dem Bauch.

Ich beginne, mich weiter zu ihr fallen zu lassen, sie beginnt,
weiter auf mich zuzugehen. Plötzlich kommt ihre Gruppen-
leiterin - Glas zerbricht, eine Kreissäge kreischt, Singvögel
fallen zu Boden."Wer wird denn weinen", sie nimmt Andis
Hand und zieht sie ins Zelt. Ich bleibe voll Schmerz zurück,
bin ohne Vorwurf. Voll Schmerz über diesen Erwachsenen.







Donnerstag, 25. Mai 2017

Psychosoziale Macht


















Die Erkenntnis, dass die Verantwortung für das, was sich
psychisch in einem Menschen ereignet, bei diesem selbst
liegt, bedeutet neben vielem anderen auch, dass niemand
wirklich psychisch gezwungen werden kann, zu nichts. Wie
man die Welt und ihre Erscheinungen deutet, bewertet und
gewichtet, ist einzig die Sache des einzelnen. Ob ein Frei-
heitskämpfer dem Exekutionskommando entgegenruft "Es
lebe die Revolution!" oder ob er apathisch und demoralisiert
auf das Ende wartet - das ist seine Sache, seine Verantwor-
tung für sich.

Eine Kultur, die Herrschaft zur Grundlage hat, muss den
Menschen diese gesellschaftlich hochwirksame Potenz neh-
men. Denn nur der ist beherrschbar, der dem Beherrscht-
werden auch zustimmt, der sich auch unterwerfen will. Es
gibt immer gute Gründe, lieber seinen Nacken zu beugen als
sich den Kopf abschlagen zu lassen - aber ein jeder hat
tatsächlich die Wahl zu leben oder zu sterben, jeden Augen-
blick. Es ist immer die Frage, wo man für sich den größeren
Vorteil erkennt. Hierüber trifft man selbst die Entscheidung,
niemand sonst.

Es ist leicht, Menschen zu beherrschen, die das Gefühl für
ihre Selbstverantwortung verloren haben, die daran gewöhnt
sind, andere für ihr Schicksal verantwortlich zu machen: die
Eltern, die Gesellschaft, die Verhältnisse. Das Wiederfınden
der Selbstverantwortung bedeutet im gesellschaftlichen Bereich
das Wiederfinden der psychosozialen Macht des einzelnen. Es
ist dies eine Macht, die durch nichts wirklich ausgehebelt werden
kann und die jedem, der herrschen will, seine Grenze zeigt.

Dienstag, 23. Mai 2017

Zuviel


















Aus meiner Schatzkiste.
Alltag mit Kindern: Wenn es mir zuviel wird.

*

"Was soll ich machen, wenn es mir zuviel wird, freundlich zu
den Kindern zu sein?" Je mehr man sich vornimmt, desto
höher wird oft der Anspruch an sich selbst, nun tatsächlich
freundlich und achtungsvoll zu sein. Und dann kommt der
Punkt, an dem man sich überfordert fühlt. "Eigentlich müsste
ich mehr Zeit und Ruhe haben. Ich will mein Kind doch
nicht vernachlässigen." Aber das Kind geht einem jetzt gera-
de so sehr auf die Nerven, dass man einfach nicht die Kraft
hat, sich seiner Wünsche anzunehmen. "]etzt nicht!"- "Lass
mich in Ruhe!" Und dann geht man fort und nimmt ein
schlechtes Gewissen rnit.

In der Amication kommt man ohne schlechtes Gewissen
zurecht. Ja - ich gehe weg von diesem nach mir rufenden
Kind und kümmere mich jetzt nicht um seine Wünsche. Es
geht nicht darum, über die eigenen Kräfte hinaus für andere
da zu sein - auch nicht für Kinder. Wenn Erwachsene die
Kinder in ihren Bedürfnissen und Wünschen ernst nehmen
und achten wollen, dann geht das wirklich nur, wenn sie sich
selbst in ihren Bedürfnissen und Wünschen auch ernst neh-
men. Und das heißt hier: Was ich tue - den Wünschen der
Kinder jetzt nicht nachzugeben -, ist vor mir verantwortet und
ich brauche deswegen kein schlechtes Gewissen zu bekom-
men.

Einmal ganz abgesehen davon, dass Kinder ein ehrliches
jetzt nicht oft viel leichter vertragen können als die aufrei-
bende "Nimm doch Rücksicht"-Forderung von Erwachsenen,
die ihre Wünsche denen der Kinder nicht offen gegenüber-
stellen.

Wenn es einer Mutter oder einem Vater zuviel wird, sich um
ihr Kind zu kümmern, dann haben sie das Recht, sich um
sich selbst zu kümmern. Eigentlich könnte man sogar sagen,
dass dann die Pflicht besteht, sich um sich selbst zu küm-
mern. Zu entspannen, eigene Dinge zu verfolgen - denn
dann können Energie, Kraft und Gelassenheit auch wieder
zurückkommen. Wenn Kinder anstrengend sind, ist es wich-
tig, irgendwo aufzutanken. Und dies wird oft nur so gehen,
dass die Kinder nicht mit dabei sind. Es wird vielleicht schwer
zu machen sein - aber es kann dabei überhaupt kein schlech-
tes Gewissen geben.

Wer den Kindern zuliebe auf sich verzichtet - obwohl er
eigentlich gar nicht verzichten will -, der tut weder den
Kindern noch sich selbst einen Gefallen. Er tut eigentlich
etwas, das sowohl den Kindern als auch dem Erwachsenen
selbst Schaden zufügt. Es ist in der Amication gerade umge-
kehrt, wie es so oft zu hören ist: Dass man sich für die Kinder
aufopfern sollte. Wer dies aus echter Überzeugung tut, für
den entsteht kein Problem, und der mag dies auch tun. Wer
sich aber nach dieser "Grundregel" richtet, obwohl es in ihm
rumort und er sich eigentlich gar nicht aufopfern will, der ist
schlimm dran. Es käme darauf an, ihm zu helfen, von so
einer wirklichkeitsfremden Position herunterzukommen.

"Kaufst Du mir noch ein Eis?" -"Liest Du mir noch eine
Geschichte vor?"- "Spielst Du mit mir?" - "Wann gehen wir
denn endlich zum Einkaufen?"

Wenn es Eltern zuviel wird und sie an sich selbst denken,
bedeutet das, dass man das Kind (jetzt) zurückweist und sich
seiner (jetzt) erwehrt. Man wird den Kindern dann oft nicht
vermitteln können, dass man sie nicht ablehnt. Denn man tut
ja nicht, was sie von einem wollen, und das kann sie schon
sehr wütend machen. "Du bist richtig gemein." Doch wenn
sie ärgerlich werden, hat das denselben Stellenwert wie die
Rückzugsgefühle der Erwachsenen. Aber niemand sollte sich
wegen des - berechtigten - Ärgers der Kinder davon abbrin-
gen lassen, sich um sich selbst zu kümmern, wenn dies
ansteht.



Montag, 22. Mai 2017

(Un)Ordnung


















Aus meiner Schatzkiste.
Alltag mit Kindern: Die Ordnungsfrage.

*

Es ist klar, dass jeder die Ordnung macht oder eben nicht
macht, bei der er sich wohl fühlt. Und es ist auch klar, dass es
hierbei die verschiedensten Vorstellungen gibt, besonders
zwischen Erwachsenen und Kindern.

Was soll man machen, wenn die Kinder nicht eigene Zimmer
haben? Wo sie die (Un) Ordnung machen können, die sie
wollen? Wenn also zwei Lebensarten kollidieren? Wenn die
Kinder sich in den Räumen der Erwachsenen aufhalten und
wie einen Kometenschweif ihre (Un)Ordnung hinter sich
herziehen? Oder wenn die Kinder in ihren eigenen Zimmern
ein unerträgliches Chaos anrichten?

Wenn man dann den Kindern sagt, wie man es gern hätte -
na gut. Wenn es nur eine Information ist. Aber was solls? Die
Vorstellungen der Eltern von Ordnung - von der Erwachse-
nen-Ordnung - kennen die Kinder längst. Das nochmal
auszusprechen ist doch meist nur der Beginn, Druck auszu-
üben, damit die Kinder tun, was man will. Wenn es nicht das
notwendige Signal ist, eine Vereinbarung zum Aufräumen
anzumahnen, der die Kinder dann auch zustimmend nach-
kommen.

Auch amicative Eltern können in der (Un)Ordnung ihrer
Kinder eine Grenzüberschreitung erleben, die sie nicht hin-
nehmen wollen. Die Macht, die sie dann zur Durchsetzung
ihrer Ordnung ausüben, erfolgt ohne Demütigung und
Herabsetzung der Kinder. Denn die Kinder müssen nicht
einsehen, dass der Erwachsene recht hat. Er besteht auf
seiner Ordnung nicht deswegen, weil er wertvoller als das
Kind ist, über ihm steht und recht hat, sondern weil er in
Not ist und seine Grenze verteidigt.

*

Aber es gibt für für die Eltern auch noch eine andere
Möglichkeit: Man kann selbst die Ordnung herstellen, die
einem wichtig ist - ohne sich dann herabgesetzt und ausge-
nutzt zu fühlen. Weil man weiß, dass die Kinder ihre (Un)Ord-
nung nicht aus irgendwelcher bösen Absicht, Nachlässigkeit
oder sonst einer Unart machen, sondern weil sie als souverä-
ne und selbstverantwortliche Menschen ihren eigenen Weg
gehen - auch in der Ordnungsfrage. Und dem begegnet man
mit Respekt und ohne Ärger. Man sorgt dann dafür, dass die
eigene Ordnung entweder nicht gestört wird (indem man die
Kinder an bestimmte Sachen nicht mehr heranlässt) oder
man lässt die Kinder spielen und räumt dann selbst in seinem
Sinne auf.

Die Gedanken solcher Eltern sind etwa diese:
"Was hat es für einen Sinn, andere meine Ordnung herstellen
zu lassen, außer dem, dass ich diesen Ordnungskrieg gewin-
ne? Die Unordnung der Kinder in meinem Bereich provo-
ziert mich nicht. Ich freue mich doch, dass die Kinder da sind
und dass sie bei mir leben. Und klar - das hat auch Auswir-
kungen, eben Kometenschweife. Einem Hund sehen wir
nach, wenn er Dreck in die Wohnung bringt - aber die
Kinder sollen unsere Ordnung halten? Ich liebe die Kinder
und auch ihre Unordnung, ihre Botschaften, ihre Symbole,
dass sie bei mir leben. Ich habe dadurch am Tag ein paar
Minuten Mehrarbeit, stimmt, ja und? Wieviel Energie und
Zeitverschwendung würde es kosten, einen Ordnungskrieg
zu führen?"

Und konkret: "Ich habe diese ganze Ordnungsproblematik
hinter mir, ausdiskutiert. Ich finde mich zurecht in unseren
verschiedenen Welten. Und ich finde immer wieder etwas,
das mir wirklich hilft: Bei mir gibt es eine Kiste, in die alle
Kindersachen reinkommen, die herumliegen. Mein Aufräu-
men geht mir von der Hand."

Die Eltern räumen dann auf, so wie sie Windeln wechseln,
Brei kochen, Wäsche waschen, Hausaufgaben nachsehen,
die Kinder zum Reit- und Klavierunterricht fahren. In
beiläufiger Freundlichkeit, ohne Anstoß zu nehmen und
ohne sich dabei zu überfordern. Und die Erfahrung solcher
Famılien hat gezeigt, dass die Kinder nach und nach ihre
Zimmer selbst aufräumen wollen - wenn sie nicht bedrängt
werden. Und zwar so, dass auch ihre Eltern mit der dann
erreichten Ordnung zufrieden sind.





Sonntag, 21. Mai 2017

Ich muss gar nichts!


















"Ich muss gar nichts!". Ich bin grad aufgestanden, berappel mich im Badezimmer,
das Fenster ist offen. Mit halbem Ohr höre ich die Nachbarskinder draußen, drei
sinds, 4 bis 6 Jahre. Dann bin ich auf einmal hellwach: "Ich muss gar nichts!" -
klare Botschaft der Fünfjährigen.

Ihre Stimme verlässt ihr Spiel und kommt zu mir. Ja glaub ichs? Wie sehr bei
sich ist denn dieses Kind? Welch abenteuerliches Statement, welch bom-
bastische Würde, welche überzeugte Gewichtigkeit. Ich bin fasziniert und
angerührt. Ich wasche mein Gesicht mit Kaltwasser, bin erfrischt und staune
über die Welt. Diese Kinderwelt. Diesen jungen Menschen.

Und lege etwas nach. Ich muss ja wirklich gar nichts. Wenn man den Sinn
dieses Würdestatements nicht konterkariert. Gleich zum Extrem: Muss ich
sterben? Das passt nicht. Dem Tod kann ich nicht ausweichen, er ist eine
Selbstverständlichkeit, die ohne Müssen daherkommt. "Ich bin", sagt er,
nicht "Du musst". "Ja", werde ich dann sagen und ihm folgen. Nicht weil
ich müsste: Ich muss gar nichts.

Natürlich tue ich immer wieder Dinge, die ich eigentlich nicht tun will.
"Eigentlich". Ich tue sie aber, schon klar: nicht weil ich müsste, sondern
weil ich will, letztlich. Nichts geht ohne mich.

Und wenn mich jemand zwingt? 1001 Beispiele sind sofort da. Trotzdem:
Ich muss nichts, müssen passt hier nicht. Wenn es gegen meinen Willen
geht, dann werde ich halt gezwungen. Aber ich muss das nicht tun, was
da gefordert wird. Es ist beim Gezwungenwerden keine Ich-Aktion,
sondern eine Du-Aktion, Zwing-Aktion. Wie auch immer.

Wenn ich also nicht sterben MUSS, nicht rechts ranfahren MUSS, nicht
Ballwerfen MUSS. Dann fühlt sich das nach herrlichem Frühlingsmorgen
an, Kaltwasserlächeln, Würdekrone. Welch Geschenk heute morgen!