Montag, 10. Oktober 2022

Paten

 

 

Meine Vorträge halte ich vor Eltern, aber es gibt Ausnahmen. Jetzt wurde ich von Menschen eingeladen, die als Pate einmal in der Woche für einige Stunden mit einem Grundschulkind Zeit verbringen. Über Monate und Jahre, Beziehungen bauen sich auf, ein großes Engagement. Ich bin gerne zu ihnen gefahren und hielt meinen Vortrag. Aber ich merkte im Lauf des Abends, dass es diesmal irgendwie anders war als sonst.

Zunächst einmal erinnerte mich die Patenschaft an meine Forschung, als ich herausfinden wollte, ob „unterstützen statt erziehen“ funktioniert (was es tat). Dabei traf ich mich wie die Paten auch einmal in der Woche mit Kindern einen Nachmittag lang, und wir unternahmen das, was sich so ergab. Ich war damals also wie die Paten nicht als Eltern/Vater unterwegs und erlebte die Kinder als „Gast im Kinderland“.

Nach dem Abend ging mir durch den Kopf, dass die Paten ja genau so wie ich damals nicht in die Eltern-Kind-Beziehungen verstrickt sind und viel mehr Spielraum für die Kommunikation haben. Unbeschwerter, offener, verletzungsfreier. Mit großer Chance auf ein Vertrauen, das die Kinder nicht unbedingt ihren Eltern entgegenbringen. Aber Paten.

Die Thematik „Würde“ und „Achtsamkeit“ ist für die Paten kein großes Thema. Sie engagieren sich ja gerade deswegen, um die Würde der Kinder zu stützen und um ihnen bedingungslose Achtsamkeit zu schenken. Mit „Würde“ und „Achtsamkeit“ sind sie vertraut, das können sie. Ich zeige an den Abenden einen bestimmten Weg dorthin. Den Weg, den ich herausgefunden habe und den ich „unterstützen statt erziehen“ nenne.

Ich denke, dass ich an einem Punkt nicht aufgepasst habe. Die Paten hörten mich dauernd von etwas sprechen, was ihnen ein selbstverständliches Anliegen ist: Würde und Achtsamkeit. „Was will er denn eigentlich? Das machen wir doch längst!“ war die Stimmung. Die ich zwar mitbekam, aber nicht merkte, wieso da so ein Unverständnis war.

Ich sprach sie eben als Eltern an. Die sie heute Abend aber nicht waren: Als Eltern, die mit Würde und Achtsamkeit ein großes Problem haben und die mir da sehr genau zuhören. Sie aber waren Erwachsene, die die Würde- und Achtsamkeitsproblematik nicht haben – sie realisieren Würde und Achtsamkeit an den Nachmittagen mit den Kindern. Was bei den Eltern in ihrer Alltagsverstrickung und ihrem Alltagsstress mit den immer eben auch anstrengenden bis sehr anstrengenden Kindern schon ein großes Thema ist.

Da habe ich die Paten verfehlt. Ich hätte ihnen verdeutlichen können, dass es bei aller gelebter Würdesicht und Achtsamkeit noch etwas zu entdecken gibt. Dass bei aller Würde und Achtsamkeit die Gleichwertigkeit entweder fehlen oder dabei sein kann: Die Begegnung von Souverän zu Souverän. Man kann ja auch gutmeinend und liebevoll, würdewahrend und achtsam sein und dennoch gleichzeitig von oben nach unten mit den Kindern umgehen. Motto “Bei aller Würde und Achtsamkeit – Du bist ein Kind, wirst erst ein vollwertiger Mensch, und ich bin (auch in diesen wenigen Stunden) für Dich verantwortlich. Das kannst Du noch nicht selbst sein. Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist.“

Oder man ist als Pate eben nicht von oben nach unten mit den Kindern unterwegs, sondern amicativ, postpädagogisch, jenseits der Erziehung. Liebe, Würde, Achtsamkeit ohne subtile pädagogische Herabsetzung mit all den destruktiven Folgen.  „Was soll denn das sein?“ – diese Frage und Fragehaltung und Neugier waren nicht im Raum. Und ich war nicht sensibel genug, das unausgesprochene Unverständnis gut zu handhaben. So habe ich mich zwar mit Nachdruck bemüht, den Paten klarzumachen, was ich eigentlich im Sinn habe – aber meine Bemühungen rauschten an ihnen vorbei. Weil ich den Anknüpfungspunkt verpasste.

Die Liebe, Würde, Achtsamkeit ist in meinen Vorträgen nicht das wirkliche Thema. Sondern die Gleichwertigkeit und Souveränität. Auch Herr Taliban liebt seine Frau, sieht ihre Würde und ist achtsam – aber gleichwertig und souverän? „Das ist sie nicht.“ Sehen die Paten die Kinder gleichwertig und souverän?

Na ja, hätte hätte Fahrradkettte... Es gab am Schluss jedenfalls Beifall – aber ich hatte diesmal nicht so ein gutes Gefühl wie sonst und kam auf der Rückfahrt ins Grübeln. Außerdem: man weiß ja nie, was letztlich passiert. Im Leben und bei so einem Vortrag. Eine Patin freut sich doch auf mein neues Buch*, das ich ihr schenken will – um alles noch einmal nachlesen zu können...




* Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“. Ab November 2022

Montag, 3. Oktober 2022

Petra, zehn, selbstbewusst - vor 80 Jahren


 

Neulich fand ich im Regal ein altes Kinderbuch von der norwegischen Schriftstellerin Barbara Ring (1870-1955): "Petras Reise"*. Es geht um zwei Mädchen, Petra und Ulla, zehn und neun, die mit Petras Großvater von Norwegen nach Kopenhagen fahren. Eines Tages fährt Petra mit ihrer Cousine Ullla allein zum Theater, sie wollen einen Schauspieler besuchen, den sie am Abend vorher im "Sommernachtstraum" bewundert haben.

Als sie endlich zurückkommen, kriegen sie was zu hören. Der Großvater ist echt sauer. Genau so wie der Vater von Ulla, bei dem sie in Kopenhagen wohnen. Ullas Mutter ist dort gerade im Krankenhaus.

Ich hatte mir das Buch vorgeholt und war wirklich erstaunt, wie Barbara Ring vor 80 Jahren das Mädchen in der Szene darstellt. Ich bin beeindruckt, und will das Gespräch vom erzürnten Großvater und dem nicht minder angefassten Vater von Ulla mit Petra gern wiedergeben.

*

Da rief Großvater plötzlich glückstrahlend: „Sie kommen! Da, seht, da!“

Da kamen sie im Eilmarsch über den Platz. Petra voran, und Ulla, sich krampfhaft an ihrem Kleide festhaltend, hinterher.

Wie der Sturmwind ging's – an Straßenbahnwagen vorbei, zwischen Autos, Wagenrädern und Pferdehufen hindurch, so dass Großvater vor Angst beinahe das Herz stillstand.

Ullas Vater kam ihnen entgegen und nahm eine an jede Hand.

Wie konntet ihr nur so etwas tun und uns so furchtbar erschrecken?“ zankte er. „Nun ist es zu einem Besuch bei Mama fast zu spät.“

Ulla begann sofort laut zu heulen.

Natürlich bist einzig und allein du auf diesen unmöglichen Gedanken gekommen“, sagte er böse, zu Petra gewandt.

Jawoll“, erwiderte Petra seelenruhig.

Du bist ein schreckliches Kind!“ fuhr Ullas Papa streng fort. „Schäme dich, den alten, guten Großvater so in Angst zu versetzen!“

Bist du wirklich bange gewesen, Großvater? Du wusstest ja, dass ich mit war und auf sie aufpasste“, sagte Petra.

Und sie blicke mit großen, zuversichtlichen Augen zu Großvater empor. Es fiel ihr keinen Augenblick ein, dass man sich auch um eine andere als um Ulla geängstigt haben könnte.

Es war aber nicht Pe- Petras Schuld, sie sagte, ich sollte zu Hause bleiben“, schluchzte Ulla.

Doch, ich hatte Schuld“, sagte Petra. „Aber das ist ja nun ganz einerlei, wir sind ja nun glücklich wieder hier.“

Nein, das ist nicht einerlei, meine liebe Petra“, erklärte Großvater. „Ich verbiete euch auf das Strengste, je wieder allein einen Fuß auf die Straße zu setzen.“

Du hattest es aber nicht verboten“, sagte Petra.

Nein, denn ich glaubte, ihr wäret groß und vernünftig genug, um das selbst einzusehen.“

Ja, du weißt ja, dass ich zu Haue immer so allein losgehe“, sagte Petra mit unverwüstlicher Ruhe.

Mag sein. Hier ist dir das aber nicht erlaubt, hast du verstanden? Wo seid ihr übrigens gewesen?“

Wir waren bei Puck. Es war aber nur Beschummelei, denn er war eine Dame. Und seine Haut hing in einem Schrank. Deshalb gingen wir gleich wieder weg; aber wir kriegen sein Bild, und sie soll unseres haben, und sie sagte, das machte nichts, wenn du da mit drauf wärst, Großvater."

Ihr seid im Theater gewesen? Und habt einer fremden Schauspielerin mein Bild versprochen?“ fragte Großvater entsetzt.

Nee, nicht deines, unseres! Aber es mache nichts, dass du da mit drauf wärst, verstehst du wohl?“ sagte Petra, ohne sich anfechten zu lassen.

Großvater aber schüttelte den Kopf und fasste in seinem Innerem den Beschluss, dass aus dem Fotografieren „mit ihm da drauf“ nichts werden sollte...



* Barbara Ring, "Petras Reise. Stuttgart 1939. S. 58ff.

 

 

 




 

Montag, 26. September 2022

Amication erklären - in zehn Minuten

 

 

Werner habe ich ewig nicht gesehen. Schließlich kommen wir auf die Amication. Ich soll erklären. Aber in zehn Minuten muss er weg. Zehn Minuten, um zu erklären, was Amication ist? 

Ich fange also an:

Ich habe Lehramt studiert. Da ging es auch um Erziehung. Und ich habe gemerkt, dass ich das total falsch fand, jemanden zu erziehen. Das bedeutet doch, dass er, der Mensch vor mir, also das Kind, noch nicht richtig ist. Dass er verbessert werden muss. Und dass ich derjenige bin, der weiß, wo es langgeht.

Zumindest sollte ich das wissen. Das stünde alles in den Büchern und das könnte ich an der Uni lernen. Was Kinder brauchen und wie man dafür sorgt, dass sie sich richtig entwickeln, körperlich und seelisch und geistig und überhaupt. "Ich weiß, was für Dich gut ist" und bei Widerspruch "Ich weiß es besser als Du". Weil Kinder eben unmündig sind und erst vollwertige Menschen werden müssen. Weil sie eben noch nicht für sich verantwortlich sein können.

Und dem bin ich nicht gefolgt. An einer ganz speziellen Stelle bin ich da nicht mitgegangen. Kümmern, sorgen, helfen, trösten, erklären, beistehen, abgrenzen, durchsetzen, nachgeben, "versuch doch mal","gib nicht auf", "nicht so schlimm", "komm mit", "mach doch", "egal", "so nicht", "lass das", "wenn Du willst", "klar doch", "ok"... der ganze Kram: Ja, das ist für mich in Ordnung. Aber den Menschen vor mir als irgendwie unfertig ansehen?

Irgendwie unfertig: Da schwingt etwas mit, was mit mir nicht geht. Einerseits gibt es immer Veränderung, Wachsen, nichts ist wirklich fertig. Andererseits gibt es Unveränderlichkeiten. Festen Grund. Der erst mal gilt. Und eine dieser Unveränderlichkeiten ist für mich, dass Menschen von Anfang an eine innere Souveränität haben, dass sie spüren, was gut für sie ist. Achtung: Ich meine nicht, dass die Kinder dasselbe spüren müssen, was Erwachsene spüren, dass es gut für sie sei. Sie - Kinder wie Erwachsene - haben oft ganz andere Vorstellungen vom "Guten, Richtigen, Angemessenen". Das ist schon klar.

Nur: Mit meiner Sicht vom Richtigen - "an der Wand da ist eine gefährliche Steckdose" - stehe ich nicht über der Kindersicht vom Richtigen - "an der Wand da ist eine interessante Schweineschauze". Klar bin ich von meiner Sicht überzeugt und ich handle auch danach und halte das Kind von der Steckdose fern. Aber ich beanspruche dabei nicht, dass das Kind seine Sicht geringer einstuft als meine Sicht. Ich verlange keine innere Unterwerfung. Auch nicht begründet mit "es ist zu Deinem Besten", "ich habe recht", "das kannst Du noch nicht überblicken", "sieh das ein". Das geht für mich nicht. Und genau das, was da für mich nicht geht, halte ich für das Kernelement der Erziehung, jeder Erziehung. Was immer sonst noch alles bei Erziehung dabei ist.

Natürlich sagt Werner, dass es ohne Erziehung nicht gehe. Und dass die Kinder eben noch nicht wüssten, was für sie gut ist und dass sie das im Laufe ihrer Kindheit lernen müssten. Wo denn mein Problem mit der Erziehung sei?

Na ja, sage ich, ich höre in mir eine sehr deutliche Botschaft der Kinder, irgendwie eine Resonanz aus meiner eigenen Kindheit. Nicht objektiv richtig, aber für mich gültig: "Liebe mich, aber erziehe mich nicht. Nimm Beziehung zu mir auf, aber lass es, mich zu einem richtigen Menschen zu machen, ich bin ein richtiger Mensch. Lass das Erziehen".

Werner muss gehen, er sieht nachdenklich aus. "Du bist da wirklich von überzeugt. Du gehst einen anderen Weg zu den Kindern, einen, den ich nicht kenne. Interessant, gibst Du mir etwas zum Lesen?"









 

 

Montag, 19. September 2022

Liebe reicht. Nicht.



Mitten im Vortrag unterbricht mich eine Teilnehmerin: „Sie reden und reden... Ich versteh das nicht. Es reicht doch völlig, ein Kind in den Arm zu nehmen. Oder es zu trösten, wenn es traurig ist. Was soll da Ihre ganze Philosophie?“

Tja. Es reicht völlig, ein Kind zu lieben. Mehr ist nicht nötig. Ist es so? Da geht mir das Herz auf bei so einem Urbild: Die Mutter, der Vater, die Oma, der Opa, die/der wer auch immer nimmt das Kind in den Arm, hält es und die Liebe flutet. Was soll da mein ganzes Gerede von Souveränität und Selbstverantwortung, Königskrone und Würde, Adultismus und Erwachsenen-Chauvinismus? Was sollen da all meine Bilder von Schweineschnauze, Büffel, Schokohasen, Gesundkraut, Amazonas, Bahnhofsweg und Co? Liebe reicht.

Ja, wenn es denn so wäre. Die so wachgerufene Liebe, die von der Mutter vor mir in den Raum geholt wird, überdeckt alles. Wir sind gefangen und erfüllt von so einem Bild. Nur, dass ich dabei nicht vergesse, übersehe, wegdrücke, dass auch die Liebe, die lebt, geschenkt wird, erlebt wird, ja nicht im luftleeren Raum daherkommt, sondern eingebettet ist oder hervorgebracht wird in historischem und gesellschaftlichem Zusammenhang. Und auf der Zusammenhangs-Spurensuche und Zusammenhangs-Entdeckungsreise bin ich bei einem solchen Vortragsabend unterwegs. „Kinder sind wunderbar! Unterstützen statt erziehen“ ist er überschrieben.

Ich rede nicht zum Thema „Liebe reicht“ oder „Wie sich Kinder lieben lassen“. Ich rede nicht zum Thema Liebe. Jedenfalls nicht direkt. Dass alles, was ich an so einem Abend auffalte, mit Liebe zu tun hat, ist schon klar. Aber ich bin untergründlicher, hintergründlicher als das, was die Teilnehmerin da im Sinn und in ihrer Assoziation hat.

Die weiße australische Krankenschwester nimmt das Aboriginebaby liebevoll in den Arm. Das Kind, das den Eltern weggenommen wird, damit es „zivilisiert“ aufwächst. Die Mutter in Gambia nimmt ihre Tochter liebevoll in den Arm, deren Klitoris gerade beschnitten wurde, damit sie integriert in ihrem Dorf aufwachsen kann. Der KZ-Aufseher nimmt sein eigenes Kind abends liebevoll in den Arm, nachdem er den ganzen Tag lang die jüdischen Kinder in die Gaskammer geschickt hat. Diese Grusel lassen sich fortsetzen, lange fortsetzen. Liebe reicht eben nicht.

Es geht mir nicht darum, wie man richtig liebt. Es geht mir darum, was für ein Umfeld um die Liebe herum existiert. Und da habe ich entdeckt, dass – bei aller aller Liebe – Demütigung, Herabsetzung, Unliebe gang und gäbe ist in unserer Kultur. Nicht weit weg, damals in Australien oder im KZ oder fern in Gambia. Sondern nah und heute, hier bei uns. In Deutschland, Europa, der westlichen Welt, der Welt schlechthin, überall.

Da nämlich, wo Kinder noch nicht als ganz richtige, vollwertige Menschen gesehen, bedacht, gehändelt, gebüchert, gewissenschaft werden. Wo die Weltformel von der Erziehung gilt. Adultismus nennt sich das. Oder spitzer: Erwachsenen-Chauvinismus.

„Sieh ein, ich habe recht“ und „Ich will doch nur Dein Bestes“ sind Statements, die diese Erwachsene-Oben-Kinder-Unten-Grundhaltung zum Ausdruck bringen. Das thematisiert mein Abend. Diese Hintergründlichkeit mache ich bewusst, erzähle davon, lade ein, dort einmal hinzusehen. Dort einmal in sich hineinzuhorchen.

„Mama hat Dich lieb“ ist eine Supersache. „Aber musst Du Dich dabei so betonselbstverständlich über mich setzen? Musst Du mich bei all Deiner so unendlich willkommenen Liebe so chauvinistisch über mich emporschwingen? Meine Souveränität: Nicht einmal bemerken? Musst Du mich denn wirklich erst zu einem Menschen machen, mit Deinem missionarischen Erziehungsanspruch? Deine Liebe tut gut, aber sie ist auch so giftig. Sie hält mich fest im Unten, im Untermenschen. Der – welche Gnade – ja durch Deine Hilfe, die Du 'Erziehung' nennst, zu einem richtigen Menschen werden kann. Kannst Du mich nicht lieben ohne dieses Zeug? Versuch es – Du schaffst das!“

Ich zeige den Besuchern meiner Vorträge diesen Zusammenhang, mit vielen Bildern, behutsam, nehme sie mit, lade sie ein. Es erfüllt mich, wie es immer wieder geschieht, dass sie angerührt sind, den Pfad der oben-unten-freien Liebe erkennen und sich dieser Liebe zuwenden. Sie bedanken sich nach dem Vortrag mit Handschlag, sie ahnen. Und Ihre eigenen Kindverletzungen beginnen zu heilen.

Doch wenn jemand auf meinem Abend dies nicht mitbekommt, wenn ich ihn nicht erreichen kann, wenn er gar empört dreinfährt „Liebe reicht doch“ – was soll ich dann tun? Ich finde keinen Weg zu so jemandem. Diese Mutter ist sehr unzufrieden gegangen. Aber: es sind ja die anderen Teilnehmer da. Sie begleiten mich, meine Bilder, sehen mein Tor zu den Kindern und finden Zugang zu der Liebe, die ich ihnen zeige.


 

Montag, 11. Juli 2022

Sommerferien



 Ich bin in den Sommerferien, der nächste Post kommt Mitte September. Habt alle eine schöne Zeit! 

Montag, 4. Juli 2022

Wenn Du lügst...

 

                        
"Wie oft lügst Du am Tag?" Mich hat die Frage überrascht. Nicht wegen des Fragers, sondern wegen der Frage. Man lügt doch überhaupt nicht oft. Und schon gar nicht mehrmals am Tag - was so eine Frage ja impliziert. Jedenfalls dachte ich das. Dass nur selten gelogen wird. Aber der Frager hat ja wohl was anderes vor Augen.

"Überhaupt nicht", sage ich. "Vielleicht einmal in 10 Jahren". Oder auch öfter? Ich denke nach, finde aber nichts. Na ja, vielleicht blende ich da ja auch was aus. Egal. Aber ich nehme die Frage auf und sinn drüber nach. Wie ist das mit der Lügerei?

Wer das tut, tun will, tun muss - sein Ding. Sogar sein gutes Recht. Gehört jemand die Wahrheit? Wir gehören uns selbst, und damit ist es auch unser Ding, wie wir mit der Wahrheit umgehen wollen. Und da gibt es eben Kleinlüger, Großlüger, Seltenlüger, Viellüger, Lügenbolde. Da ist nichts zu verurteilen. Sowas findet statt. Es will natürlich damit umgegangen sein.

Wie geht der Lügende damit um? Schlechtes Gewissen? Gutes Gewissen? Aus der Not heraus. Aus der Bestimmerei heraus. Wegen des Vorteils. Wegen der Beschämung. Wegen der Angst. Wegen der Verachtung. Wegen des Schmerzes. Wegen der Sehnsucht. Wegen der Liebe. Wegen viel. Die Wegens können edel, weniger edel oder gar nicht edel sein.

Ich mag hier im Nachdenken das Wort Lügner nicht, es ist so ungut besetzt, und ich bin nicht im Unguten, wenn ich über jemanden nachdenke, der lügt. Deswegen sage ich "Lügender". Ich schwinge nicht ins Verurteilen, ich schwinge ins Verständnishaben. Nicht, weil ich viel lüge, tu ich nicht. Sondern weil ich das für angemessen halte. Wer lügt, zettelt etwas Gutes an - klar, für sich. Die Lüge ist ein Geschöpf des Guten, der Liebe. Die man sich selbst gibt. Die einem zusteht.

Dass dies Leid und Ungutes bewirken kann, eher: wird, bleibt mir ja dabei nicht verborgen. Ich vergesse aber nicht die Quelle der Lüge. So wie mir auch das Leid der Kuh nicht verborgen bleibt, die ich töte, um zu essen. Ich töte wegen meines Vorteils, ich lüge wegen meines Vorteils. Durchs Leben gehen und meine Vorteile realisieren, finde ich richtig, und anders geht es nicht. Geht es doch? Ohne Töten kein Leben. Ohne Lügen kein - ja was? Ohne Lügen kein Leben. Lässt sich das vergleichen, übertragen?

Mit Lügen kein Leid - auf meiner Seite. Wohl Leid auf Deiner Seite. Ist das einfach nur dem Egoismus das Wort geredet? Egoismus passt beim Töten der Kuh nicht, da gilt so etwas wie unabdingbar, nötig, wenn ich nicht esse, sterbe ich. Beim Lügen gilt anderes? Seh ich nicht so. Wenn die Lüge nicht unabdingbar, nötig wäre, würde sie ja nicht kommen. Dann wird die Wahrheit gesagt. So einfach ist das!

Und wie geht es mir, wenn ich herausfinde, dass ich angelogen wurde? Ganz klar: Ich gehe nicht durch das Verurteilungs-Tor und tummele mich nicht auf dem dunklen Feld dahinter mit all den zugehörigen Seltsamkeiten: Schuldzuweisung, Empörung, Beleidigtsein, Runterputzen, Enttäuschung, Ärger, Groll, Wut, Hass, ach was weiß ich. Tore, die ins Dunkle führen, mag ich sowieso nicht, und sie liegen mir nicht.

Also: was ist, wenn ich angelogen wurde? Da bleib ich cool. Erst mal "nehm ich zur Kenntnis" (wie das so schön neutral heißt), dass es anders ist als bis grad noch gedacht. Ich korrigiere meine Wirklichkeit, sortier das um. Mir ist sofort klar, dass die Lügerei nicht grundlos stattgefunden hat, dazu fließt ein Nachsehen (seh Dir das nach). Und eine Freundlichkeit, weil ich denke, dass es dem Lügenden nicht gut geht. Wenn es ihm bei seiner Lügerei gut geht: auch gut. Mich regt das alles jedenfalls nicht auf. Ich frag mich zügig, wie es weitergeht. Mit der neuen Information, die jetzt als neue Wahrheit neben die alte Wahrheit tritt, die ja eine Nicht-Wahrheit sein soll, Lüge eben.

Will ich weiter mit dem Menschen zu tun haben, der mich angelogen hat? Das will gut bedacht sein. Ich mache ja keinen Vorwurf, nur die Verlässlichkeit ist angekratzt oder weg. Mein Vertrauen, von Dir die Wahrheit zu bekommen, ist beschädigt. Es kommt ganz drauf an, wie meine Beziehung zu Dir überhaupt ist. Wie viel mich Deine Unwahrheit nervt, Du mich nervst. Vielleicht instrumentalisiere ich Deine Lüge (nicht bewusst, aber passiert): sie kommt mir recht, weil ich meine Beziehung zu Dir eh runterfahren will. Da ist dann kein Ärger, sondern Abwendung, keine Lust auf sowas, keine Lust auf Lügenmärchen.

Ja, oder es macht mir eben nichts aus, ich seh Deine Not oder Unverfrohrenheit, Deine Sorge, dass ich Dirs übelnehme und weggehe. Wenn ich Dich genug mag, lass ich mich von Deinen Lügenmärchen nicht wegspülen. So bist Du halt. Jetzt grad mal. Oder auch öfter. Es ist schon mein Job, auf Deine Lüge zu reagieren, den mach ich dann auch. Ich freu mich über Dich, auch über Deine Lügenmärchen: so kanns schon kommen. Wenn es nicht überhand nimmt und die Frage hervorbringt: "Wie oft am Tag...

Montag, 27. Juni 2022

Amication leben, Rita


 

Ich lebe bewusster als je zuvor im Jetzt und Heute und der Umgang mit anderen Menschen fällt mir leichter. Ich kann klarer „meine Sachen“ sehen und sagen. Ich weiß, was ich möchte und kann es sagen ohne schlechtes Gefühl (Gewissen). Wenn andere dann Schwierigkeiten mit mir haben, kann ich es schon ertragen und sie trotzdem akzeptieren. 

Ich sehe jetzt deutlicher als früher, dass ein „Misserfolg“ ganz alleine von mir beurteilt werden kann und es alleine an mir liegt, alles zu revidieren. Dies nimmt mir die Angst vor neuen Situationen, vor dem Umgang mit neuen, fremden Menschen (hoffentlich sage ich nichts falsch). Es nimmt mir auch die Angst vor meiner eigenen Spontaneität. Ich mag es, wenn sich jemand mit meinen Problemen anzufreunden versucht, auseinandersetzt und eventuell eine Idee hat, die mir eine Entscheidung erleichtern könnte. Entscheidend bin jedoch immer ich selbst. Das ist mir im Laufe der letzten Zeit bewusst geworden.

Miriam, meine älteste Tochter, ist 4 Jahre alt. Miriam ist der Meinung, dass ich ihren Vorstellungen entsprechend ihre Sachen regeln kann. Früher war ich oft sauer und gekränkt, wenn ich alles tat, was ich konnte, und sie schimpfte und tobte. Heute versuche ich ihr zu helfen, solange ich mag und kann. Ich rede nicht mehr auf sie ein und versuche nicht mehr, ihr die Unmöglichkeit der Durchführung ihrer Vorhaben zu erläutern. Miriam ist, wie sie ist, und ich will sie nicht mehr ändern.

Denke ich an den täglichen Umgang mit meinen beiden Kindern, ist mir klar, meine pädagogischen Vorkenntnisse (Erzieherin und Lehrerin) waren eher hinderlich als förderlich im aktiven, spontanen Zusammensein. Da kamen Vergleiche wie „Mutter = Autorität", „Mutter = Vorbild“, „Mutter = immer für die Kinder da“, und ich verschwendete noch viel Zeit mit dem „Was wird wenn?“ Heute kommen mir nur in extremen Situationen solche Gedanken; ich kann meist über sie lächeln und sie vergessen.

 

Montag, 20. Juni 2022

Amication leben, Jutta

 

 

Als ich zum ersten Mal von Amication hörte, war ich 42 Jahre alt und lebte in einer kritischen Lebensphase. Voll Unsicherheit und Zweifel war mein Leben. Meine 22 Jahre andauernde Ehe drohte kaputt zu gehen, die ersten 3 Kinder waren bereits aus dem Haus – nach anstrengenden Auseinandersetzungen während ihrer Pubertätsjahre –, mein jüngster Sohn, der noch zu Hause lebte, war schwierig und verschlossen. Ich war damals auf der Suche nach Sicherheit für mich.

Ich erzählte auf einem Amications-Seminar von den Schwierigkeiten, die ich mit einem meiner Söhne hatte, und von meinen Schuldgefühlen und von dem Vorwurf an mich, vieles an der Erziehung dieses Sohnes falsch gemacht zu haben. Als Antwort bekam ich sinngemäß, dass ich gar nichts falsch oder richtig gemacht haben könnte, sondern sicher das getan habe, was in meiner Macht stand, dass ich das gemacht habe, was ich machen konnte. Diese Botschaft saß bei mir! Die tiefe Erkenntnis erreichte meine Gefühle – die Last der Schuld wich plötzlich von mir ab. Ich hatte ja wirklich immer nur das getan, von dem ich annahm, dass es richtig wäre.

Damals wusste ich so genau noch nicht, was es bedeuten würde, von meinem alten Anspruch abzulassen, zu erziehen und für andere zu wissen, was gut für sie sei. Ich wusste nicht, wie schwer es ist, die alten Gewohnheiten abzulegen, wirklich zu akzeptieren, dass nur jeder selbst für sich weiß, was für ihn gut ist. Es begann also ein langer Prozess des Lernens und des Übens der neuen Beziehung ohne Erziehung.

Mir war intellektuell klar, dass ich nicht in anderer Leute Köpfe sehen kann, also keinesfalls für einen anderen Menschen entscheiden kann, auch nicht für meine Kinder. Von dieser Grundhaltung überzeugt fing ich an, mich in einer Gruppe von Gleichdenkenden mitzuteilen, von den Versuchen, Erfolgen und auch Misserfolgen im Umgang mit anderen Menschen zu reden.

So ganz allmählich wurde mir immer klarer, dass es hier nicht um eine „noch bessere, liebevollere Erziehung“, ein noch geschickteres Umgehen mit Kindern geht – also um etwas für andere Menschen –, sondern dass ich es bin, die hier in Beziehung zu jemandem steht, dass ich es bin mit meiner ganzen Person, mit meinem Fühlen und meinem Denken. Ich begriff, dass ich es bin, die hier im Mittelpunkt allen Geschehens steht. Ich fing an, mich erstmalig wahrzunehmen, mich ernst zu nehmen, zu merken, was mit mir geschieht. Zu merken, was passiert, wenn ich meine Interessen nicht richtig vertreten kann, zu merken, was ich mache, wenn ich mich durchsetze, zu merken, wie das ist, wenn ich wütend werde, mich freue ...

Ich begriff, dass es auch mit mir als „erzogenes Kind“ zu tun hat, mit meinen alten anerzogenen Mustern aus meiner Kindheit, meinen schmerzvollen Enttäuschungen, meinen Vorurteilen von dem, was sich gehört und was nicht, meinen Beschränkungen und auch mit meinen sinnvollen, alten Konditionierungen, die ich durch meine Eltern und Kulturbedingungen erfahren habe. Ich bekam Klarheit über das, was sich in mir abspielte.

Ich konnte mir nun mit diesen wahrnehmenden Kenntnissen über mich neu überlegen, was ich von den vielen anerzogenen Gesetzen, die mich leiteten, behalten wollte, weil sie sinnvoll und hilfreich für mich sind, und was ich an Gesetzen heute nicht mehr für mich will, weil sie mich behindern. Mir wurde klar, dass ich mich jederzeit neu entscheiden kann, das eine oder andere zu tun. Die Entscheidung liegt bei mir. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Sie gab mir das Wissen, dass ich einmalig und selbständig meine Dinge bestimmen kann, also meine Entscheidung habe, was ich tue, ob ich z.B. abhängig sein will oder nicht. Es war eine weit reichende Erkenntnis für mich, festzustellen, dass mich niemand wirklich zwingen kann und ich immer der Meister meiner Belange bin.

Ich übernehme die Verantwortung für mich. Das geht bis in alle Bereiche meines Lebens hinein. Es betrifft meinen Körper, meine Seele, meine politischen Auffassungen, überhaupt alles. Ich komme mir wie aufgeweckt vor. Ich bin von einer grauen Maus, die leidensfähig immer nur für andere sorgte, zu einer selbstbewussten, aktiven und munteren Frau geworden, die sich ihres Lebens freut, aufmerksam mit sich und anderen Menschen umgeht, die etwas über Körpersprache lernt, ein Gefühl für Energien bekommt, die Traurigkeit und große Freude erlebt, kurzum, die sich rundum wohl fühlt. Und das alles, obwohl meine Ehe inzwischen nicht mehr besteht, ich also alleine lebe.

Ich kann „Ja“ sagen zum Leben, mit allem Rauf und Runter. Mein altes Kindheits-Ok-Gefühl habe ich wieder gefunden, nachdem ich so mancherlei Gerümpel, was durch Erziehung darüber lag, beiseite schaffen konnte. Ich kann mich so akzeptieren, wie ich gerade heute bin. Ich habe nicht mehr den Zwang, mich bessern zu müssen, dieser alte pädagogische Anspruch ist Gott sei Dank von mir gewichen. Wann immer ich mit Menschen zu tun habe – besonders mit jungen Menschen –, gehe ich von ihrer Souveränität aus, möchte ich sie sehen, wie sie sind, von ihnen lernen, mit ihnen leben, mit ihnen lieben.



 

Montag, 13. Juni 2022

Jenseits der Erziehung

 


 Fortsetzung vom vorigen Post


Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen?

Nun, ich fang das ein mit dem allbekannten Statement "Sieh ein, ich habe recht" - als objektive Aussage. Dabei lässt der, der das sagt, denkt, fühlt, die Sichtweise eines anderen - Kind oder Erwachsener - nicht (psychisch) gelten. Vorsicht: Wenn ich die Sicht des anderen gelten lasse – und dies ist das fundamental Andere: ich lasse seine Sicht (psychisch) gelten – so heißt das nicht, dass ich meine Sicht hintanstelle. Ich lasse die Gegensätze als gleichwertig nebeneinander bestehen. 

Ein Paradox? Nicht wirklich: Ich folge meiner Sicht, im (psychischen) Nachdenken und im (handlungsmäßigen) Tun. Aber ich stelle mich dabei (psychisch) nicht über die Sicht des anderen, zum einen, und schwinge mich - zum anderen - nicht dazu auf, ihm meine Sicht der Dinge per "Sieh das ein" (psychisch) verbindlich zu machen. Ich fasse das zusammen in dem Satz "Ich erziehe nicht." 

Steckdose oder Schweineschnauze? Atomkraftwerk oder Windkraft? Die Standardbeispiele dazu. Wer mit acht Monaten behauptet, eine Schweineschnauze vor sich zu haben (und keine Steckdose), der hat aus seiner (Kleinkind)Sicht recht. Wer mit 50 Jahren behauptet, Atomkraft sei der Windkraft vorzuziehen, der hat aus seiner (Erwachsenen)Sicht recht. Wenn man das so nicht gelten lassen kann, auf der psychischen Ebene des Erkennens und Bewertens, setzt man den anderen herab - nicht mein Ding. 

Achtung aber: auf der Handlungsebene des konkreten Tuns lasse ich oft nicht gelten, dass geschieht, was der andere will. Kein Kind fasst mir in die Steckdose. Nur – bei allem Durchsetzen in der äußeren Welt – mache ich dem anderen nicht noch obendrein seine für ihn gültige Sicht schlecht, Motto „Sieh das ein, ich habe recht“. Auf der psychischen Ebene lasse ich hingegen uneingeschränkt die Sicht das anderen gelten. 

Ich wiederhole: Wer aber daran geht, nicht nur für die eigene Sicht zu werben, sie verständlich und nachvollziehbar zu machen, sondern sie mit "Sieh das ein" dem anderen (psychisch) verbindlich zu machen - der: ja was? Der missioniert, der "erzieht". So nenne ich das. Er trägt den missionarischen, den erzieherischen Virus, Impuls aufgrund seiner Einstellung in sich. Den gefährlichen Keim.  

Der wirkt in tausenderlei Nuancen. In Gesprächen, Liedern, Büchern, Zeitschriften, Internetforen, Wissenschaften, Examensarbeiten, Vereinen, Gesetzen, Richtersprüchen, Kinderzimmern, Klassenzimmern, Schullandheimen, Gefängnissen, Zoos, Kirchen, Kreuzfahrtschiffen, Flugzeugen, Arztpraxen, Kneipen, am Nord- und Südpol, weltweit und immerdar. Es gibt keinen weißen Fleck. Fast keinen. Denn da gibt es ja doch dieses unbeugsame amicative Dorf...

Und das alles ist es, was mich stört. Wenn jemand unter Missionieren und Erziehen etwas anderes als diese gefährliche Keimerei versteht, stört es mich nicht. Aber nicht mogeln: Bist Du keimfrei? Wirklich? Oder meinst Du nicht doch, wirklich recht zu haben? Und der andere müsse aber doch einsehen .. insbesondere, wenn es ein Kind ist.

Montag, 6. Juni 2022

"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?"

 


"Was stört Sie eigentlich an der Erziehung?" Eine einfache und klare Frage. Wie ist es mit einer einfachen und klaren Antwort? Bei einer solchen Frage sehe ich mich sofort gefordert, die ganze erziehungsfreie Philosophie in einen Satz zu packen. Und weiß zugleich, dass ich das nicht kann. Das Verlassen, Überwinden der Erziehungssicht ist halt eine komplizierte Angelegenheit, und so ein Unternehmen in einem Satz zu fassen - geht eben nicht.

Also sage ich etwas, das sofort die nächste Frage zur Folge hat. Und dann beginnt ein Gespräch, das länger oder kürzer dauert und das die amicative Weltsicht vor Augen führt. Zum Beispiel sage ich: "Mich stört das Missionarische". Kurz und knapp. Aber klar? "Was meinen Sie damit?" Und schon geht es los. Vielleicht geht es nach Afrika zu Albert Schweitzer. Oder zum Klassenzimmer um die Ecke. Oder zum Selbstverständlichen "Sieh das ein", "Weil ich recht habe". Oder zum Fundamentalen "Weil ich Deine Mutter bin. Weil ich Dein Vater bin".

Ich mache schnell klar, was ich alles nicht meine, wenn ich gegen die Erziehung bin. Sonst wird das nichts, so ein Gespräch. "Ich kümmere mich um mein Kind. Ich bin da. Ich helfe, tröste, erkläre, spiele. Ich bin Orientierung. Überlasse mein Kind nicht sich selbst. Ich bin nicht antiautoritär." Ich mache deutlich, dass ich alles das mache, was ein normaler Vater auch macht, dass ich den Alltag mit den Kindern realistisch sehe und nicht irgendwie ideologisch verbräme. "Aber dann erziehen Sie doch." Schon wieder so eine klare Ansage.

"Es sieht so aus – aber es ist ganz anders." Mehr Verwirrung geht nicht. Was soll das heißen? Erziehen - und doch nicht erziehen, oder was? Jetzt wird es mühsam. Jetzt kommt die Sache mit den zwei Dimensionen. Dass wir – erstens – in der physikalischen Welt, der Welt des Anfassens und Handelns, der Welt der Dinge unterwegs sind. Und dass wir – zweitens – in der psychologischen Welt, der Welt des Unsichtbaren, des Bewertens und der Gefühle unterwegs sind, auch unterwegs sind. In beiden Welten gleichzeitig. Dass wir bei allem, was wir tun, immer auch etwas fühlen. 

Die Welt der Gefühle, Interpretationen, Einstellungen lebt in uns. Und dort, im Unsichtbaren, aber sehr wohl Vorhandenem, im real existierenden Unsichtbaren, da sind die Menschen entweder per Erziehung unterwegs oder eben nicht. Das unsichtbare Element der Erziehung muss man nicht in sich tragen. Ich jedenfalls habe es nicht in mir. Und ich rede davon, dass niemand das in sich haben muss. Und dass ich es für ungut und gefährlich halte. 

Und dass ich mich aufgerufen fühle, dieses erzieherische Element, dieses psychische gefährliche Elementarteilchen, in der Welt zu verringern. So wie Ärzte die Pockenviren bekämpfen, auf dass sie in keinem Menschen mehr leben und ihre destruktive Wirkung entfalten. Pocken ausrotten: ein großes Ziel, Mission accomplished (1980). Erziehung ausrotten: ein großes Ziel, Mission impossible (2022 ...). Aber: Ich arbeite dran.

Jetzt muss ich klarmachen, was ich denn für das - gefährliche - erzieherische Element halte. Ich lege los: Es geht um eine Haltung, Einstellung, Grundgefühl. Wie dies deutlich machen?


Fortsetzung im nächsten Post!