„Du bist nicht allein!
Du bist nicht allein! Du bist nicht allein!“ Als die jungen Leute
rechts und links zu skandieren anfingen, wurde es doch noch einmal
anders, erreichte einen anderen Level. Ich hatte in der Nähe zu tun
und wollte einen Abstecher zum Ort des Geschehens machen. Dem Ort,
der in den Nachrichten war und mit dem ich mich verbunden fühlte.
Dem Dannenröder Forst. Bäume fällen für die nächste Autorase?
Find ich heutzutage unpassend. „Muss ja nicht durch den Wald gehen,
wenn es denn sein muss – wenn
es denn sein muss“, so war ich unterwegs. Jedenfalls wollte ich mal
ein bisschen Solidarität zeigen, mich wenigstens mal blicken lassen. Samstag Spätnachmittag
vor dem großen Aktionstag morgen, am Sonntag, dem 29. November, an der geplanten A 49 bei Gießen.
Dann waren da drei große
Zeltlager auf den Weiden, sicher 1000 Personen. Fand ich viel. Alle
liefen mit Maske rum. Fand ich überraschend und überzeugend.
Friedensvoll das Ganze. Auf dem Weg durch den Wald nach vorn war dann
Sägegrusel zu hören. Gar nicht schön. Der Zaun mit Natodraht oben drauf: Noch
weniger schön. Das sicherte die Maschinen, die Logistik, Polizeifahrzeuge und den Wasserwerfer ab. Wie
will man da noch was verhindern? Ich schnappte mir einen grünen
großen Nadelzweig – jetzt hängt er im Ekeldraht. Mein kleines
Zeichen.
Links gings zur Aktion. Es
war schon ziemlich dunkel, ungefähr 50 Leute waren unterwegs.
Wollten wie ich einfach mal schauen, bevor es morgen zur Sache geht.
Nach 3 Minuten an Zaun lang kam – nur ein rotweißes
Absperrband, das übliche, von Baum zu Baum gezogen. Vor mir, das
heißt auf der anderen Seite des Bands: große freie Fläche, genug
Platz für die Autobahn, vollendete Tatsache. Doch weiter linkslinks,
da war Aktion: in 200 Meter Entfernung Maschinen, Säge, Rufe,
Fallgeräusch der grünen Nadelriesen. Gar nicht schön. Gruselig. Ging ans Herz.
Auf der anderen Seite des
Bands, 10 Meter vor mir, stand eine Handvoll Polizisten, in
Kampfmontur. Lässig. Unsereins war ja auch brav, irgendwie
touristisch unterwegs. Jedenfalls heute. Musterung, Auge in Auge.
Schweigen. Aber dann: einer, ein Mach-Ich-Nicht-Mit, brach durch,
rannte zu den Waldriesen. Die Polizisten vor mir hinterher. Er wurde
auf den Boden geworfen, Handschellen, abgeführt. Wir, diesseits, im
Herzen jenseits, überrascht, reglos, überwältigt. Wie der Mensch,
der jetzt von anderen Menschen abgeführt wurde. Dann kam es das erste Mal:
„Du bis nicht allein“, leise, dann mehr und dann richtig laut.
Die drei verblieben Polizisten vor uns strafften sich, einer hielt
den Schlagstock in der Hand.
Und schon wieder gab es
Alarm, vorn bei den Maschinen sprintete der Nächste
Mach-Ich-Nicht-Mit zu den Bäumen hin, auch er wurde gefasst und
abgeführt. „Du bis nicht allein, Du bis nicht allein, Du bist
nicht allein.“ Robust und laut.
Was ist schon ein Band aus
Plastik? Das ist nichts. Aber es war alles. Es sagte klar und
deutlich, nicht misszuverstehen: bis hier hin und nicht weiter! Und
wenn ich da einfach...Ja, was dann? Hinrennen? Mir nicht gefallen
lassen, was mir nicht gefällt? Den ganzen Kladderadatsch, der dann
unweigerlich kommen würde, über mich ergehen lassen? Tja, ich hab
drüber nachgedacht, in Erwägung gezogen, es bleiben lassen. Aber
zwiespältig. Wer will ich sein? Wer bin ich? Die Bäume, jeder
einzelne schöne Riese, sollen stehen bleiben, wachsen und leben! Die
Autos können auch woanders lang fahren, durch Wiesen und
Felder...auch nicht schön, aber besser, als Baum tot und Wald weg!
Der bin ich. Der will ich sein.
Das "Da kannst Du nichts
machen“ war nicht da. Klar kann ich was machen. Wie die beiden
eben. Nur: das bringt nicht die Baumrettung. Es bringt für mich aber
was: das gute und tiefe Gefühl, mir nicht alles bieten zu lassen.
Schon klar, aber der Preis war mir dann zu hoch. Gebrochene Knochen,
Verfahren am Hals. Feige? Einsicht? Abwägen? Ich hab es halt
gelassen. Und die anderen rechts und links neben mir auch. Aber ich
versteh sie, die oben auf den Bäumen trotzen und für den Wald
und ihr Selbst einstehen: Du bist nicht allein.
Hat mich aufgewühlt, das
„Du bis nicht allein“. Wenigstens das wurde den beiden Aktivisten
mitgegeben. Wenig. Aber mehr als Null. Wie mein Besuch vor Ort:
wenig, aber mehr als Null. Und ich habe wieder einmal gemerkt: Mit
mir ist zu rechnen. Alles geht mir nicht durch... Es kommt drauf an,
um was es geht, aber ich steh parat. Und werde dann nicht allein
sein.