Montag, 22. Februar 2021

Naturdoping



Heute waren wir zum Geocachen unterwegs (Geocachen: Verstecke in der Natur nach Vorgaben aus dem Internet suchen.) Diese Mischung von virtueller und realer Welt hat was. Eigentlich bin ich ja nur in der Natur unterwegs, ohne Handy und Co. Immer schon, und das ist mein Elixier. Aber die Kinder leben eben auch sehr intensiv in der virtuellen Welt, und wieviel Stunden sie tatsächlich mit ihrem Handy/Smartfon/Tablet verbringen, will ich gar nicht so genau wissen.

Doch beim Geocachen entsteht eine gute Harmonie dieser beiden Welten. Die Aufgaben werden im Internet ausgesucht und dann mit den Möglichkeiten des Handys draußen gefunden. Draußen! Die Kinder werden also von ihrem virtuellen Spielzeug nach draußen gelockt und sind dann 1, 2 oder auch 3 Stunden mit mir in der Natur. Naturdoping pur.

"Na gut", sagt die Natur, "dann bringt Euer Handy halt mit". Da gibt es keine Eifersüchtelei und keinen Streit. Und die Sorge, dass sie nur mit dem Kopf über dem Apparat hängen, und nichts mehr vom Rausch der Sinne, der Sinfonie der Natur mitbekommen, ist unbegründet. Klar, sie sehen immer wieder auf dem Handy nach, ob der Kurs stimmt. Und lösen so auch immer wieder mal Aufgaben, um zum Ziel zu kommen. Aber die Dynamik des Draußen fängt sie machtvoll ein, und sie lassen sich einfangen und strecken und recken sich im Wind, der Sonne, den vielen Düften, Klängen, Farben.

Das alles geht aber nur gut, wenn man seinen Frieden mit diesem elektronischen Teufelszeug gemacht hat, dieser unheimlichen Faszination, die sich der Seele der Kinder bemächtigt. Oder sind die Kinder etwa diejenigen, die sich souverän der elektronischen Droge bedienen? Warum sollte es nicht so sein? Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut sie mit diesem neumodischen Spielzeug klarkommen. Dann kann ich mich zurücklehnen und sie machen lassen. Und freu mich einfach, wenn sie mit mir draußen sind.
 




Montag, 15. Februar 2021

Ich glaube an Dich


 

Es ist nachts, ich sehe einen Film. „Ich glaube an Dich“, sagt sie zu ihm. Ich halte an. Meine Aufmerksamkeit verlässt den Film. Was ist mit den beiden?

Ich übersetze die Szene aus der Film- und Drehbuchwelt ins Leben, nehme es jetzt für bare Münze und höre in die Wahrheit eines solchen Satzes. Einer solchen Botschaft. Sie liebt ihn - und glaubt an ihn. Das hat nichts mit irgendwelchem Kirchenglauben zu tun. Das ist von Mensch zu Mensch, von Person zu Person. Das kommt von ganz innen. Vertrauen, Mich-Trauen. Der Rest der Welt wird unwichtig. Nur wir beide: Ich und Du, Du und Ich. 

Kann man an andere Menschen glauben? Ist das eine verrutschte Wahrnehmung? Gehört Glauben nicht zu Kirche und Religion? Kann Glauben ein Menschending sein, etwas, das unter Menschen richtig ist? Glaube ich an mein Kind? Wieso denn nicht? An mein Auto? Daneben? An den Lauf der Erde um die Sonne? An mich? An ein gutes Ende? An Konstruktivität und Liebe als Grund aller Dinge?

Mein Nachdenken ufert aus und läuft etwas aus dem Ruder. Es ist ja auch egal, an wen ich glaube. Wen geht das etwas an? Warum sollte ich nicht an die Menschen glauben, die ich liebe? „Glaube“ hat einen sehr eindeutigen Geschmack. Aber in ihrem „Ich glaube an Dich“ steckt viel: die Tiefe, die Wahrheit, das Öffnen, die Zuversicht, die Sicherheit, die Freude, das Glück. Ich habe ihren Satz gehört. Wem habe ich das jemals gesagt? Wenn mir jemand sagte „Ich glaube an Dich“ - das wäre ein fremdvertrauter Gruß, schnörkellose Urkraft,  endlose Verlässlichkeit, Einverständnis im Unendlichen. 

Natürlich doch - wir können uns einander hingeben und aneinander glauben. Das ist einfach beseelend und machtvoll. Mehr muss es nicht sein ... Ich wache aus meiner Nähe zu mir selbst auf und der Film kommt wieder bei mir an. „Ich glaube an Dich“ gehört zu den Edelsteinen aus der Liebesschatztruhe. Ich bin berührt von dieser Schlichtheit und Klarheit: In der Liebe glauben die Menschen aneinander.


 


Montag, 8. Februar 2021

Einmischen?

 


Eine Mutter erzählte mir: „Mein Sohn (8) war allein unterwegs und hatte Krach mit einem Erwachsenen, einem Freund der Familie. Hätte ich mich einmischen sollen?“

Die Kinder geraten immer wieder mal in unangenehme oder auch gefährliche Situationen. So etwas bricht über sie herein, oder sie haben ihren Anteil daran. In diesem Fall hatte der Sohn den Freund der Familie durch sein Verhalten verärgert, er wurde schließlich angefaucht. Und kam empört zu seiner Mutter.

Wenn die Kinder mit anderen unterwegs sind, ist das schön, aber auch voller Risiken. Das Balancieren über das Brückengeländer ist voll prickelndem Reiz, aber auch voll Risiko. Wenn der Junge dabei ins Wasser fällt, helfen Eltern ihm heraus, keine Frage. Aber hier? Soll sie zu dem Freund hingehen und die Wogen glätten? Oder kann das Kind allein herauskommen, wenn es in so ein Beziehungsgewässer gefallen ist?

Falsch machen geht nicht. Die Mutter kann intervenieren oder die Sache bei ihrem Sohn lassen. Es kommt wie immer darauf an, was man will. Sie erzählte, dass sie gespürt hat, das Ganze ihrem Kind zu überlassen. Ihr Sohn war angefasst und kam zu ihr. Beschwerde. Ein Eingreifen lag in der Luft. Aber sie hat es eben anders gemacht. Sie hat das Herauskommen aus dem Wasser ihm überlassen. War eigentlich seine Sache. Einmischen fühlte sich übergriffig an. „Es gehört ihm und er schafft das schon.“ Und so kam es auch. Ihr Sohn kam wieder runter, und nach einer Weile ging er zu dem Erwachsenen zurück „um das mit ihm zu besprechen“.

Fand ich beeindruckend. Von der Mutter: nicht hinstürzen, sondern erst mal schauen, was wirklich Sache ist. Was Sache ist bei ihr und ihren Mutterhelfegefühlen und bei ihm und seinem „Kann ich selbst hinkriegen“. Das feine Hinhören fand ich beeindruckend. Das Zuwarten. Das Offenhalten einer Tür. Es wäre nichts dabei gewesen, sofort zu intervenieren – wenn ihr Gefühl so ist. Aber sie hat eben den anderen Weg genommen.

Ich habe dann überlegt, dass wir Eltern oft, ganz oft, ich sage: viel zu oft anspringen, wenn die Kinder mit einem Beschwer daherkommen. Dann verpassen wir, dass die Beschwernisse der Kinder eben auch ihnen gehören. Ich bin dann schon in Hab-Acht-Position. Aber ich muss meinem Kind sein Beschwer nicht sofort, auf der Stelle aus der Hand nehmen (auf dass es ihm besser gehen möge).  

Ich kann in gewissen Respekt vor dem Beschwer sein – dem kaputten Knie, dem Wasserfall, dem Anfauchen. Ich meine, es sind Geschehnisse aus der Welt meines Kindes. Sie gehören ihm. Ich nehme sie nicht fort aus seiner Welt, ziehe sie nicht rüber in meinen Bereich, ich vereinnahme sie nicht. Weiter: Ich vereinnahme mein Kind nicht. Wiewohl die Gelegenheit günstig ist und der Reiz groß.

Wie viel achtungsvolle Distanz haben wir unseren Kindern und ihrer Welt gegenüber? Kann man da sensibel sein? Lässt sich erkennen, was mein und was dein ist? Wie viel Verstrickung ist gesponnen, wie viel lässt sich überhaupt bemerken? (Was ja auch unter Partnern und Freunden ein großes Thema ist.)

Ich habe das Gefühl, dass die Mutter eine gute Botschaft gesendet hat. „Okay, ich hör Dir zu und ich bin da.“ Sie hat noch nicht einmal mitgesendet „Brauchst Du mich?“ Sie hat einfach nur schwingen lassen, dass sie da ist, dass er nicht allein ist, dass er sich auf sie verlassen kann. Was ihm offensichtlich gereicht hat. Was ihn nicht weggekippt hat aus seiner Sphäre, verlockt hat, den schlappmachenden Süßeweg in ihre Arme zu nehmen. Den alle Kinder kennen, gut kennen. Der oftundoft nötig aber eben auch so süchtevoll ist.

Der Junge konnte bei sich und seiner Power bleiben. Er trug sich nach einer Verschnaufzeit zurück ins Getümmel. In die Welt der Beziehungen, ins wilde Leben.

 

Montag, 1. Februar 2021

Unterstützen statt erziehen - warum?

 

   

 Unterstützen statt erziehen - warum? Vier Fragen und meine Antworten. 

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Warum ist Ihrer Meinung nach „Unterstützen statt erziehen“ die richtige Methode im Umgang mit dem eigenen Kind?

Niemand, auch ein Kind nicht, hat es gern mit jemandem zu tun, der einem belehrend, missionarisch oder erzieherisch daherkommt. Und das ist auch gar nicht nötig. Man kann als Vater oder Mutter den Kindern ohne erzieherischen Anspruch sagen, was zu sagen ist. Kinder orientieren sich an solchen authentischen Botschaften, setzen sich damit auseinander und wachsen daran. Erziehung wirkt viel zu aufgesetzt und wird von den Kindern nicht wirklich ernst genommen. Man läuft dann gegen eine Wand stiller oder lauter Ablehnung. Mit dem Modell „Unterstützen statt erziehen“ vermeidet man dieses ungute Theater und bringt Leichtigkeit ins Spiel. Man kann hier eine neuartige Verantwortung den Kindern gegenüber übernehmen und einfach viel Erfolg haben.

Können Sie Beispiele für Situationen nennen, in denen Eltern ihren Kindern besser auf gleicher Augenhöhe begegnen?

Dass man sich bei aller Überlegenheit nicht über den anderen emporschwingt, ist immer möglich. Das gilt für den Arzt oder Werkstattmeister ebenso wie für Eltern. Patienten, Kunden oder Kinder reagieren auf diese Gleichwertigkeit trotz Überlegenheit positiv, sie fühlen sich geachtet und können dann auch Ratschlägen leicht folgen. Die Oben-Unten-Ausstrahlung, wie sie in der traditionellen Erziehung in bester Absicht gang und gäbe ist, kann man ablegen. Das ist kein Verlust an Autorität, sondern eine neuartige Autorität, die in der Würde aller Beteiligten gründet. Und gilt für alle Situationen des Alltags mit Kindern.

Wo liegen die Grenzen dieser Methode und besteht nicht die Gefahr, dass die Kinder sie zu ihren Gunsten ausnutzen?

Es geht nicht um antiautoritäres Zurückweichen. Vater und Mutter stehen zu ihren Werten und Grenzen und setzen sie durch, ohne Zimperlichkeiten. Ein Nein ist ein Nein. Man muss den Kindern dabei aber nicht mit oder ohne Worten vermitteln, dass man dann der bessere Mensch ist. „Sieh ein, ich habe recht!“ bedeutet einen seelischen Übergriff auf das Kind. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ ist kraftvoll und ohne eine solche Verletzung. „Unterstützen statt erziehen“ geht in jeder Lebenslage, niemand lässt sich dabei ausnutzen.

Warum denken Sie, dass sich die Liebe zu seinem Kind nur wirklich entfalten kann, wenn man sich selbst so liebt, wie man ist?

Wir haben damals als Kinder gelernt, dass wir erst zu richtigen Menschen erzogen werden müssten. Davon, dass wir uns selbst akzeptieren und lieben dürften, war nicht die Rede. Das war schlimm genug. Muss aber nicht das letzte Wort sein. Jeder kann und darf sich lieben, wie immer er ist und was immer er tut oder denkt! Das ist eine Grundentscheidung für das eigene Leben, und ich persönlich bin davon überzeugt, Liebe und Ebenbild Gottes zu sein. Diesen Glauben an sich selbst und seine Konstruktivität kann sich jeder zurückholen. Und dann sieht man kraftvoll, erfüllt und dankbar auf die Kinder, die einem anvertraut sind. Sie sind Teil der unendlichen Liebe wie wir selbst.


 

 

 

Montag, 25. Januar 2021

Von Matterhörnern und Sonnenstrahlen - wie sich Amication umsetzen lässt




Eine Mutter schrieb mir in einem Brief, dass sie sich über meine Bücher gefreut habe und nun versuche, so mit ihren Kindern zu leben. Und dann fragte sie nach der Umsetzung, und wie lange es wohl dauert. Die Umsetzung sei eine große Herausforderung. Tja - wie lässt sich die amicative Gedankenwelt in die Praxis umsetzen? Ich habe ihr dann freundlich geantwortet, auch gesagt, sie solle sich da keinen Stress machen. Und mich an einen Text erinnert, den ich vor einiger Zeit dazu geschrieben habe. Hier ist er.

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»Wie soll ich Amication in die Praxis umsetzen? « Das geht natürlich nicht! Nicht so, wie es in dieser Frage aufscheint. Als Anwendung. Als etwas, das gekonnt sein will. Das man lernen kann. So geht es eben nicht!
 
Wie aber dann? Nun – es passiert einfach. Beiläufig. Ohne Absicht. Als Geschenk. Einfach so. Aber: nicht jedem passiert es, und nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es braucht günstige Umstände. Gute Zeiten. Sonne am Himmel. Besser: Sonne im Herzen. Denn mit dem Herzen hat es zu tun. Amication ist ja auch eine Herzenssache. Und die kommt gleich nach der Verstandessache. Oder vorher. Mit dem Verstand könnt Ihr herausfinden, welche Gipfel der Erkenntnis überhaupt in Frage kommen. Welche Gipfel der Ethik und Moral, der Philosophie und der Lebensfreude Ihr denn überhaupt als die eigenen ansehen möchtet. Und welche Ihr dann besteigen wollt, die Gipfel, auf denen Ihr zu Hause seid, im Nachdenken, mit dem Verstand, mit der intellektuellen Identität.

»Zu mir gehört Amication«. So ein Satz ist eine klare Kopfposition. Und gleich danach und eigentlich ja davor kommt das Herz: »Das fühle ich, diese amicativen Matterhörner und Wasserfälle, Kuhglocken und Schneereste, Murmeltiere und Alpensegler, Enziane und Berghütten. Das alles fühle ich eben – die amicativen Sonnenstrahlen wärmen mein Herz, erfüllen mich und machen mich froh. Wenn Ihr das fühlt (wenn Ihr das fühlt), dann ist der Rest – der ganze Rest: die so genannte Umsetzung – eine Naturgewalt, die sich eben einfach ereignet. Die nicht inszeniert werden kann, sondern die sich ergibt. Als Ausdruck dieses amicativ schlagenden Herzens, dieses Gefühls: »So – genau so ist es für mich richtig. Alles – die Amication rauf und runter, alle zwölf Punkte der Grundlagen und zigtausend amicative Dinge mehr.«

»Das sagt mir was, die Amciation. Das ist mein Zuhause. Darin lebe ich. Das ist alles für mich so selbstverständlich.« Dann hat die Umsetzung längst begonnen. Euer Herz hat sich verwandelt, Ihr habt es umgesetzt in amicatives Land. Mehr ist nicht nötig, und mehr geht auch gar nicht. Nur so lässt sich Amication »umsetzen«.

»Kann man das nicht ein bisschen konkreter haben? So, dass man sich etwas unter amicativer Umsetzung vorstellen kann?« Bitte was? Wie soll man sich denn eine solche Herzumsetzung vorstellen? So etwas macht kein Arzt und keine Medizin, so etwas wächst. Von allein, oder eben nicht. Und je nach Umständen. Ja, natürlich, man muss dafür offen sein, ein bisschen jedenfalls. Ohne dieses bisschen mitgebrachte Offenheit geht es nicht. Und ob man so ein Stückchen Offenheit im Lebensrucksack hat oder nicht – das ist ein Geheimnis, das jeder in sich hat.


Montag, 18. Januar 2021

Mir zur Freude

 


Amication errichtet keine neue Norm, nach der man leben sollte. Es wird vielmehr eine Einladung ausgesprochen und eine Freude angeboten: Es gibt die Möglichkeit zur Selbstliebe. "Ich liebe mich so wie ich bin" ist eine Perspektive und enthält keinerlei Verpflichtung. Nichts spricht wirklich dagegen. Ein jeder kann sich lieben, so wie er ist. Man kann! Und Amication ist dann noch ein bisschen mehr, ohne jegliche Pflicht, ein "Mach doch - Komm mit - Du bist willkommen".

Selbstliebe wächst ohne Selbsterziehung, mit beiläufiger Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Und auch die pädagogischen Anteile des Ich müssen nicht verändert werden, sondern sind als Teil der eigenen Biografie geachtet. Alles hat seinen Platz in einem jedem Menschen - Vergangenes und Widersprüche ebenso wie Aufbruch und neuer Weg.

Selbstliebe ist ein buntes Mosaik mit vielen Elementen. Selbstliebe beginnt mit dem Vertrauen zu sich, flutet in alle Facetten des Selbst und endet im Unendlichen.

Ich traue mir.
Ich vertraue mir.
Ich lasse mich gewähren.
Ich stehe mir zur Seite.

Ich setze auf mich.
Ich bin mit mir im Einklang.
Ich trage Frieden in mir.
Ich bin wertvoll.

Ich gehöre mir selbst.
Ich bin mein eigener Souverän.
Ich gehe durch dieses mein Leben.
Ich lebe mir zur Freude.

Ich bin nur für mich verantwortlich.
Ich bin nicht für andere verantwortlich.
Ich halte nach anderen Ausschau.
Ich bin für andere da.

Ich mache alles und nichts.
Ich handle weder falsch noch richtig.
Ich bin Teil des unendlichen Sinns.
Ich bin und ich bin und ich bin.

Ich erfahre die Welt nur auf meine Weise.
Ich wache morgen früh wieder auf.
Ich vertraue mich meinem Tod an.
Ich bin der Mittelpunkt des Universums.

Ich liebe mich so wie ich bin.

Montag, 11. Januar 2021

Bist Du glücklich?

 


Glücklich sein? Mir geht durch den Kopf, dass es vielleicht etwas unverfroren ist, solche Gedanken heutzutage zu haben - angesichts des ganzen Chaos ringsum. Die Wichtigkeiten in meiner eigenen kleinen Welt wollen aber auch gesehen und gehegt und gepflegt werden, das übersehe ich nicht. Ich bin heute Nachmittag gejoggt, Wald, grauer Himmel, Nieselregen. War ich da glücklich? Bin ich es jetzt, hier beim Schreiben, mitten in der Nacht? Wenn ich so in die Tiefe gehe, kommt ein "schon, doch, klar". Kein Aber. Also: Frag ich mal nach.

"Bist Du glücklich?"

Einmal ganz abgesehen davon, was das denn sein soll: „glücklich sein“ – irgendetwas Sinnvolles wird da jeder parat haben. Aber die Frage! Sie trifft mich. Sie hält mich an. Sie geht in die Tiefe. Sie dringt vor zum anderen als Person. Wann fragen wir den anderen? Fragen wir unsere Kinder, ob sie glücklich sind? Kann man Kinder überhaupt so etwas fragen? Welche Antwort könnte es da schon geben? Es wird wahrscheinlich etwas seltsam werden, das Gespräch. Wichtiger ist, dass wir uns diese Frage an unsere Kinder selbst vorlegen, im Stillen fragen: Ist dieser Mensch da vor mir glücklich? Mit seinen 2, 4, 6, 8, 10 ... Jahren?

Mit einer solchen Bereitschaft zum anderen sehen, der stillen Frage nach seiner Zufriedenheit, seinem Wohlbefinden, seinem Glück. Die Verwobenheit mit dem Glück des anderen zerrinnt leicht, geht unter im Alltag. Man kann diese Frage aber immer mal wieder hervorzotteln, den Blick zum anderen auf einmal ganz konzentriert werden lassen, ihm nah sein und diese Frage an ihn in sich selbst spüren.

Bin ich glücklich? Die Frage nach dem Glücklichsein geht auch an mich. Selbstliebe läßt diese Frage zu und geht auf mich zu. „Bist Du glücklich?“ frage ich mich, und allein das Kümmern um mich selbst, das in dieser Frage lebt, ist Kraft und Wärme. Das Kümmern um mich selbst spüren und willkommen heißen. Und dabei wie durch Zauberei merken, dass diese Frage nach innen, an mich, auch nach außen geht, mich zu Dir hinsehen läßt und Dich fragen läßt: „Bist du glücklich?“








 

Montag, 4. Januar 2021

Meine Nähe zum Universum




Es ist Nacht. Ich bin draußen, in den Feldern. Ich liege auf meiner Isomatte und bin warm angezogen. Ich habe ein Kissen unter dem Kopf und sehe. Das Nachtdunkel, und darin die Sterne. Lichter, Punkte, größere, kleinere. Einige erkenne ich wieder, Orion, Plejaden, Wagen, Himmels-W. Jupiter ist nicht zu verfehlen. Halbmond. Von den Lichtpunkten über mir weiß ich, dass darunter unzählige Galaxien sind, die ich nur als Punkt wahrnehme. Milchstraßen, mit Übermillionen Sternen. Und dass es Übermillionen Milchstraßen gibt. Dann höre ich auf nachzudenken.

Ich lasse mich fallen in diese Dunkelheit mit den Lichtern. Wer bin ich – wer seid ihr? Was passiert in mir? Es ist eine grandiose Harmonie, die ich wahrnehme. Ich komme mehr und mehr zu mir. Meine Nähe zu mir ist meine Nähe zum Universum. Meine Nähe zu mir kommt als Selbstliebe daher, meine Nähe zum Universum als Vertrauen und Vertrautheit. Ich bin mit all diesem in Beziehung, Verbindung, Resonanz.

Es muß sich nichts ändern. Es kann sich alles ändern. Und es ändert sich ja auch immer wieder. Sterne vergehen und entstehen. Meine Wege lösen sich auf und beginnen neu. Meine Winzigkeit hier unten ist mein Universum, und ich nehme die Zuversicht der Sternenwelt gegen meine Verzagtheiten. Wo der Klang der Großen Liebe aus den unendlichen Tiefen des Kosmos meine Selbstliebe zum Schwingen bringt.

 

Montag, 28. Dezember 2020

Corona und der Mai 1945

 


 

In alten Unterlagen fand ich Aufzeichnungen meiner Großmutter aus der Zeit des Kriegsendes 1945. Ihr Haus in Berlin war von Bomben getroffen und in Flammen aufgegangen. Sie hatte neun damals shon erwachsene Kinder und mit einer ihrer Töchter und der zweijährigen Enkelin war sie bei Verwandten in der Nähe von Magdeburg untergekommen. Kurz vor dem 8. Mai, dem Kriegsende, hat sie ihre Aufzeichnungen fortgesetzt. Ich stelle davon etwas in den Blog.

Wir werden 75 Jahre später grade von Corona geplagt – aber wenn ich diese Briefe lese, ordne ich das mal anders ein. Coroa ist ja nicht harmlos, wirbelt alles durcheinander und tötet auch. Aber ich frage mich doch, ob wir nicht jammern auf hohem Nivau. Und die Aufzeichnungen meiner Großmutter sind ja nur ein kleines Fenster zum Blick auf das riesige, wirkliche und wahrhaftige Grauen damals. "Frau Baronin, Sie werden morgen verhaftet." Meine Urgroßmutter nahm sich vor Vertreibung und Enteignung das Leben... 60 Millionen Kriegstote. Corona? Ich bleib mal auf dem Boden.

 

*

Brief vom 6. Mai 1945

Liebe Kinder!

Der erste Sonntag nach all den Schrecken, all der Angst, den Sorgen. Wo mögt Ihr alle sein? Wie mag es Euch gehen? Wie mögt Ihr den Sonntag zubringen? Es gibt so viele Fragen so voll Angst, die ich an Euch stellen möchte, deren Beantwortung ich voll Angst erwarte! Ihr armen drei Berliner. Was mögt Ihr ausgestanden haben! Wie oft habe ich an Euch gedacht! Es ist schrecklich, so hier zu sitzen, zu warten, zu denken! Und wann werden wir endlich Botschaften von Euch Dreien und von Euch allen erhalten?! Und wie mag es Euch gehen? Von keinem weiß ich, wo er ist.

Nun will ich Euch so der Reihe nach erzählen. Von C.-J. kam das letzte: eine Karte, er kam von Meiningen mit dem letzten Zug. So hörten wir zuerst von dem Vordringen der Amerikaner – wir haben weder Radio noch Zeitung gehabt – waren ganz erschüttert. Und dann bangten wir um die Meininger: M. und die drei kleinen Kinder und Tante M. Wie haben wir uns den Kanonendonner entsetzlich, schrecklich vorgestellt, die armen verschüchterten Kleinen und die arme Mutter, immer dachten wir an sie, und dann wurde Mühlhausen genannt und die Amerikaner kamen näher nach Weimar! Unser Schrecken, unsere Angst nahm kein Ende! Die Russen näherten sich Meißen, die Amerikaner Leipzig! Ob E. dort blieb? Wir haben es uns so oft gefragt.

Und dann kamen die schrecklichen Tage, als der Kampf um Berlin losging! Wir hörten an unserem geflickten kleinen Radio Brandenburg, Potsdam nennen, Marienfelde, unser liebes Lichterfelde, Lankwitz, Friedenau, den Norden, wo F., auch R. stehen. Immer, immer waren wir in größter Sorge. So ging's weiter bis endlich zur – Kapitulation von Berlin! Ihr könnt Euch vorstellen, wie verzweifelt wir hier sitzen, wie wir Eure Ängste teilen, immer wieder das schreckliche Empfinden, nicht bei Euch zu sein, Euch nicht helfen zu können.

So waren wir voll Besorgnis. Nachts die Flieger machten uns zu schaffen, sie brummten so entsetzlich und waren nahe, die Fenster klapperten und die Türen rüttelten im Schloß. So nun nähert sich der Sonntag dem Ende, wie mag er gewesen sein?



 

Montag, 21. Dezember 2020

Im Dannenröder Forst - Du bist nicht allein!

 


 „Du bist nicht allein! Du bist nicht allein! Du bist nicht allein!“ Als die jungen Leute rechts und links zu skandieren anfingen, wurde es doch noch einmal anders, erreichte einen anderen Level. Ich hatte in der Nähe zu tun und wollte einen Abstecher zum Ort des Geschehens machen. Dem Ort, der in den Nachrichten war und mit dem ich mich verbunden fühlte. Dem Dannenröder Forst. Bäume fällen für die nächste Autorase? Find ich heutzutage unpassend. „Muss ja nicht durch den Wald gehen, wenn es denn sein muss – wenn es denn sein muss“, so war ich unterwegs. Jedenfalls wollte ich mal ein bisschen Solidarität zeigen, mich wenigstens mal blicken lassen. Samstag Spätnachmittag vor dem großen Aktionstag morgen, am Sonntag, dem 29. November, an der geplanten A 49 bei Gießen.

Dann waren da drei große Zeltlager auf den Weiden, sicher 1000 Personen. Fand ich viel. Alle liefen mit Maske rum. Fand ich überraschend und überzeugend. Friedensvoll das Ganze. Auf dem Weg durch den Wald nach vorn war dann Sägegrusel zu hören. Gar nicht schön. Der Zaun mit Natodraht oben drauf: Noch weniger schön. Das sicherte die Maschinen, die Logistik, Polizeifahrzeuge und den Wasserwerfer ab. Wie will man da noch was verhindern? Ich schnappte mir einen grünen großen Nadelzweig – jetzt hängt er im Ekeldraht. Mein kleines Zeichen.

Links gings zur Aktion. Es war schon ziemlich dunkel, ungefähr 50 Leute waren unterwegs. Wollten wie ich einfach mal schauen, bevor es morgen zur Sache geht. Nach 3 Minuten an Zaun lang kam – nur ein rotweißes Absperrband, das übliche, von Baum zu Baum gezogen. Vor mir, das heißt auf der anderen Seite des Bands: große freie Fläche, genug Platz für die Autobahn, vollendete Tatsache. Doch weiter linkslinks, da war Aktion: in 200 Meter Entfernung Maschinen, Säge, Rufe, Fallgeräusch der grünen  Nadelriesen. Gar nicht schön. Gruselig. Ging ans Herz.

Auf der anderen Seite des Bands, 10 Meter vor mir, stand eine Handvoll Polizisten, in Kampfmontur. Lässig. Unsereins war ja auch brav, irgendwie touristisch unterwegs. Jedenfalls heute. Musterung, Auge in Auge. Schweigen. Aber dann: einer, ein Mach-Ich-Nicht-Mit, brach durch, rannte zu den Waldriesen. Die Polizisten vor mir hinterher. Er wurde auf den Boden geworfen, Handschellen, abgeführt. Wir, diesseits, im Herzen jenseits, überrascht, reglos, überwältigt. Wie der Mensch, der jetzt von anderen Menschen abgeführt wurde. Dann kam es das erste Mal: „Du bis nicht allein“, leise, dann mehr und dann richtig laut. Die drei verblieben Polizisten vor uns strafften sich, einer hielt den Schlagstock in der Hand.

Und schon wieder gab es Alarm, vorn bei den Maschinen sprintete der Nächste Mach-Ich-Nicht-Mit zu den Bäumen hin, auch er wurde gefasst und abgeführt. „Du bis nicht allein, Du bis nicht allein, Du bist nicht allein.“ Robust und laut.

Was ist schon ein Band aus Plastik? Das ist nichts. Aber es war alles. Es sagte klar und deutlich, nicht misszuverstehen: bis hier hin und nicht weiter! Und wenn ich da einfach...Ja, was dann? Hinrennen? Mir nicht gefallen lassen, was mir nicht gefällt? Den ganzen Kladderadatsch, der dann unweigerlich kommen würde, über mich ergehen lassen? Tja, ich hab drüber nachgedacht, in Erwägung gezogen, es bleiben lassen. Aber zwiespältig. Wer will ich sein? Wer bin ich? Die Bäume, jeder einzelne schöne Riese, sollen stehen bleiben, wachsen und leben! Die Autos können auch woanders lang fahren, durch Wiesen und Felder...auch nicht schön, aber besser, als Baum tot und Wald weg! Der bin ich. Der will ich sein.

Das "Da kannst Du nichts machen“ war nicht da. Klar kann ich was machen. Wie die beiden eben. Nur: das bringt nicht die Baumrettung. Es bringt für mich aber was: das gute und tiefe Gefühl, mir nicht alles bieten zu lassen. Schon klar, aber der Preis war mir dann zu hoch. Gebrochene Knochen, Verfahren am Hals. Feige? Einsicht? Abwägen? Ich hab es halt gelassen. Und die anderen rechts und links neben mir auch. Aber ich versteh sie, die oben auf den Bäumen trotzen und für den Wald und ihr Selbst einstehen: Du bist nicht allein.

Hat mich aufgewühlt, das „Du bis nicht allein“. Wenigstens das wurde den beiden Aktivisten mitgegeben. Wenig. Aber mehr als Null. Wie mein Besuch vor Ort: wenig, aber mehr als Null. Und ich habe wieder einmal gemerkt: Mit mir ist zu rechnen. Alles geht mir nicht durch... Es kommt drauf an, um was es geht, aber ich steh parat. Und werde dann nicht allein sein.