Montag, 25. April 2022

Andi weint



Ich räume meine Bilderkiste auf, finde ein Foto von einer Siebenjährigen, aus der Zeit meiner Kinderforschung. Ich lese meine Aufzeichnungen (von vor fast 50 Jahren) durch und erinnere mich genau:

Andi (7) weint. Wir sind in einem Zeltlager, ich bin zu Besuch. Ich kenne sie erst ein paar Stunden. Die anderen sind gerade nicht da. Ich knie mich vor sie hin, sie steht drei Schritte weg. Sie hält die Arme vors Gesicht, sieht ab und zu her und weint. Ich bin ganz konzentriert und mache mich auf. Ich höre ihr zu und ich habe Raum in mir für ihre Tränen.

Ich sage mit meinen Augen: „Hallo Andi, ich höre Dir zu und habe Platz für Deine Tränen. Du kannst mir Dein Leid erzählen.“ Sie kommt langsam auf mich zu, bleibt stehen, sieht her und weint weiter. „Du kannst kommen und Dich in den Arm nehmen lassen. Du kannst aber auch dort bleiben und mich zuhören lassen“, sage ich ihr mit meinen Augen und mit meinen Gefühlen aus dem Bauch.

Ich beginne, mich weiter zu ihr fallen zu lassen, sie beginnt, weiter auf mich zuzugehen. Plötzlich kommt ihre Gruppenleiterin – Glas zerbricht, eine Kreissäge kreischt, Singvögel fallen zu Boden. „Wer wird denn weinen“, sie nimmt Andis Hand und zieht sie ins Zelt. Ich bleibe voll Schmerz zurück, bin ohne Vorwurf. Voll Schmerz über diesen Erwachsenen.


*

Wir sind es gewohnt, große emotionale Geschehnisse bei den anderen nicht mit Ruhe ansehen zu können. Wenn der andere sehr heftig reagiert, eilen wir herbei, um ihn zu beruhigen, etwa wenn er weint. Oder wir beginnen ihn zu trösten oder von den Dingen zu reden, die Tränen eigentlich nicht nötig sein lassen.

In Wirklichkeit geschieht dann, dass wir uns selbst beschwichtigen und trösten. Dieses Beschwichtigungs- und Trostverhalten haben wir der Erwachsenenwelt abgesehen, als wir Kinder waren. Wenn wir als junge Menschen weinten, stürzten die anderen herbei und nahmen sich unseres Schmerzes an. Was aber bedeutet: Sie nahmen uns die Oberhoheit über unseren Schmerz. Anscheinend konnten sie nicht ertragen, dass unsere Tränen flossen, und sie mussten etwas dagegen unternehmen.

Unsere Tränen gehörten nicht uns. Sie waren etwas Beängstigendes für die anderen. Und wenn wir verzweifelt waren, wurde alles mögliche in Szene gesetzt, damit wir wieder froh wurden. Unsere Verzweiflung wurde nicht als Realität akzeptiert, sondern sie wurde wie ein Schmutzfleck weggeputzt.

Wir wussten um den Wert der Tränen und Verzweiflung von damals. Sie waren offene Tore zu uns, Rufe, uns selbst, so wie wir wirklich waren, zu erkennen. Sie waren keine Aufforderung, herbeizustürzen und von unserer Wirklichkeit, die sich energievoll Bahn brach, abzulenken. Doch im Ablenken waren unsere Erwachsenen geübt, denn sie kannten dies ja aus ihrer eigenen Kindheit: dass ihre Erwachsenen lamentierten, aggressiv reagierten, daherkamen mit gutgemeintem „armes Kind“, listigen Beruhigungsmanövern, „ist doch nicht so schlimm“.

Es ging darum, ihre Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Unsere Tränen waren letzte Versuche, in das Chaos der Erwachsenenwelt die Wahrheit und Weisheit unserer Ordnung zu tragen, die von der Einmaligkeit und Würde der Person kündet.


*

Wenn jemand – sei es ein junger oder erwachsener Mensch – in meiner Gegenwart weint, bin ich nicht aufgeschreckt in hilfloser Dramatik. Ich kann mit Ruhe, Konzentration, Wärme, ohne Worte, still und energievoll einfach da sein. „Ich bin da. Ich stehe auf Deiner Seite. Ich mag mich – selbst. Ich mag auch Dich. Ich habe Kraft, Dir zuzuhören. Deine Tränen verletzen und beunruhigen mich nicht. Ich kann sie Dir lassen. Nichts muss zerstört werden. Ich höre Dich aus der Tiefe in mir. Ich bin Dir nah.“

Meine Reaktion auf die großen Emotionen der anderen sind geöffnete Tore auch bei mir, ich kann mir selbst begegnen. Die Nähe des Weinenden zu sich und die Nähe des Zuhörenden zu sich sind für uns beide hilfreich: Wir spüren, dass wir jetzt einander sehr nah sind, dass unser jeweiliges Selbst viel intensiver in Erscheinung tritt als sonst. Und von dieser intensiven Basis aus sehen wir in unsere Herzen.




 

Montag, 18. April 2022

Amication: Veras Weg

 


Vor etwa zwei Jahren hörte ich von der Amication. Hier traf ich auf Menschen, von denen ich mich angenommen und verstanden fühlte, die mich nicht beredeten mit Aussagen wie: »Du hast doch alles, gesunde Kinder und materielle Absicherung, was willst Du denn?« Ich musste nichts erklären und bekam auch nichts erklärt. Mit der Zeit traute ich mich immer mehr an mich selbst heran, an meine Gedanken und meine Gefühle. Oft zu meinem eigenen Erschrecken stellte ich fest, dass ich etwas ganz anderes sagte oder tat, als ich wirklich meinte. So nach und nach merkte ich, wie ich mich vor mir und den anderen versteckt habe. Vieles habe ich so getan, wie es meiner Meinung nach von mir erwartet wurde. 

Wenn ich so zurückdenke, habe ich mir nie richtig Ruhe gegönnt. Mich einfach hinsetzen, abschalten. Die Zeit verstreichen lassen, ohne etwas vorzuweisen, das gab es nicht. Da kamen so Sprüche in mir hoch wie »Müßiggang ist aller Laster Anfang« und »Lass Dich nicht hängen«. Es zählt nur, wer arbeitet, wer etwas für andere sichtbar leistet. 

Viele Jahre habe ich gemacht, geschafft über meine Kräfte hinaus und habe nicht gemerkt, wie ich gegen mich selbst gearbeitet habe. Alle äußeren Gelegenheiten habe ich dafür verantwortlich gemacht, dass ich mich selbst jage. Mein Körper hat mit Krankheit reagiert, aber dafür gab es ja Medizin. So langsam spüre ich meinen Körper wieder, merke, was in mir vorgeht, und reagiere darauf. Mit der Zeit kann ich mich immer besser einschätzen, ich lerne mich kennen. Heute muß ich nicht mehr weiterlaufen, um zu gewinnen, wenn ich nicht mehr laufen kann. Ich bleibe stehen, und es ist gut so. Stückchen für Stückchen kann ich mich so nehmen, wie ich bin. 

So wie ich mich auf mich selbst einlassen kann, so kann ich mich auch inzwischen auf meine beiden Kinder einlassen. Immer wieder habe ich ihnen meine Maßstäbe und Erwartungen aufgedrückt und habe Wege gesucht, das einzelne Kind dahin zu bringen, wohin ich es haben wollte. Es ist nicht bewusst geschehen - ich habe es nur gut gemeint. 

Ein Beispiel zeigt, wie sehr ich mich dann an dem, was die Kinder taten, orientierte. Meine damals fast fünfjährige Tochter fing an, irgendwelche kleinen Gegenstände wegzunehmen. Zunächst versuchte ich sie mit Zureden, dann mit Strafen, ja sogar mit Erpressung davon abzubringen. Erst viel später, als alle meine Überredungskünste fehlschlugen, fing ich an, die Sache zu hinterfragen. Warum hatte es meine Tochter nötig, kleine Dinge zu entwenden?

Der Gedanke »Ich muss das verhindern, was soll sonst daraus werden?«, also meine eigene Angst, verschwand ganz. Bald war mir klar, dass das ein Kampfmittel war. Hier konnte sie mich treffen. Aber warum musste sie mich bekämpfen? Selbst Druck und Strafe konnten sie nicht daran hindern, überall etwas mitzunehmen. Es geschah nur immer heimlicher, und sie fing an, zusätzlich noch zu leugnen. Nun war ich genau da hineingerutscht, wo ich nicht hinein wollte. 

Verbote, Strafe, Druck, alles das wollte ich nicht. Bei mir spürte ich Hilflosigkeit und Traurigkeit. Davon konnte ich meiner Tochter erzählen. Immer stärker spürte ich, was das, was sie tat, bei mir auslöste. Nun war ich unfähig, sie dafür zu bestrafen oder auch nur Strafe anzudrohen. Ich habe von mir erzählt und geweint, ohne sie dafür verantwortlich zu machen. Es waren meine Gefühle. Bei mir verlor die Sache dann mehr und mehr an Bedeutung, irgendwann fiel mir auf, dass meine Tochter nichts mehr mitnahm. Es hat sich alles wie von selbst erledigt.


 

Montag, 11. April 2022

Der erste Atemzug

 


Selbstverantwortlich – ab wann? Von Anfang an! Auf dem Vortrag neulich kamen wir auf die Selbstverantwortung der Babys, ja der Neugeborenen zu sprechen. Es ging konkret um den ersten Atemzug. Wer ist dafür verantwortlich, dass er gelingt?

Unmittelbar nach der Geburt muss sich das Neugeborene den lebensnotwendigen Sauerstoff aus der Luft besorgen – durch das Atmen. Die neun Monate vorher nehmen sich die Embryos den Sauerstoff aus dem Blut der Mutter, das durch die Nabelschnur zu ihnen gelangt. 

Traditionellerweise fühlen sich Erwachsene für Kinder verantwortlich, und so sind auch Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Denn sie meinen, dass Babys dies nicht von sich aus können. Sie klemmen deswegen die Nabelschnur ab, machen einen Knoten und schneiden sie durch, kaum dass das Kind da ist. Und veranlassen es so zum ersten Atemzug, zur Luftatmung. 

Weil durch das Abklemmen der Sauerstoff ausbleibt, geraten die Babys in Lebensangst, reißen den Mund auf und stürzen mit dem ersten Atemzug eine Riesenmenge Luft in die noch zusammengefaltete Lunge, die sich plötzlich mit einem großen Ruck entfaltet - wie Feuer fährt es in den kleinen Körper, ein schrecklicher Schmerz! Er entlädt sich in wildem Schrei, dem ersten Schrei...

Doch keinem Baby muss aus Sorge und Verantwortungsgefühl Schmerz und Leid bei der Geburt zugefügt werden. Denn auch hier greift die Selbstverantwortung: Jeder neugeborene Mensch kann diese Umstellung selbst regeln, niemand muss dazu durch Abklemmen und Durchschneiden veranlasst, gar gezwungen werden. Es geht so:

Unmittelbar nach dem Geborensein wird das Baby auf den Bauch und die Brust der Mutter gelegt, nahe an ihrem Herzen. Die Nabelschnur wird jetzt nicht abgeklemmt und durchschnitten, das Kind somit nicht zur Luftatmung veranlasst, gezwungen. Denn auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur von der Plazenta zum Kind und bringt wie alle Monate vorher mit jedem Herzschlag den benötigten Sauerstoff. 

Langsam, in eigener Regie, mit kleinen Atemzügen, kann sich das Neugeborene parallel zur Blut-Sauerstoffversorgung auf die Luft-Sauerstoffversorgung, die Atmung umstellen. Das Blut in der Nabelschnur wird dabei vom Körper des Kindes nach und nach vollständig aufgenommen, es wird zur behutsamen Entfaltung der Lunge und für den Lungenkreislauf benötigt. Die Nabelschnur wird schließlich leer und milchglasig und wird erst dann verknotet und durchtrennt. 

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen, biochemischen Möglichkeiten und vielen anderen vom kindlichen Organismus selbst gesteuerten Prozessen regeln die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf, ihren Schlaf, ihre gesamte Entwicklung. Immer wieder entscheiden sie selbst, unendlich viele große und kleine Dinge in ihrem beginnenden Leben. 

Wann soll zum Beispiel die erste Bewegung erfolgen, mit dem Finger, der Hand, dem Arm, dem Bein, dem Kopf, dem Rumpf, dem Körper ... Und schließlich sind sie es, die ihre Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze: Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jedes Ungeborene selbst, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist, und der Embyo gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter, um damit die Wehentätigkeit auszulösen. 

Alle Kinder kommen als hochwertig ausgebildete und trainierte Selbstverantworter auf die Welt, mit Selbstverantwortung ausgerüstet für ein gazes langes Leben. Sie rufen den Erwachsenen zu Beginn  zu: „Ich bin für mich selbst verantwortlich! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es!“



Montag, 4. April 2022

Nicht bemühen ...



Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir etwas dafür tun. So etwas will im rechten Verhältnis sein: Geben und Nehmen, Bemühen und Erhalten. Das ist eins von vielen Grundmustern des Lebens. Wie soll auch geschehen, was ich will, wenn ich mich nicht dafür einsetze und etwas dafür tue? 

Heute will ich nachts in den Wald zum Meditieren. Was ich dafür tun muss: nun, ich mache mich auf den Weg, schaffe den Weg, komme an. Den Weg zurücklegen ist der Einsatz, um in den Wald zu kommen. Hab ich ja auch gut erledigt. Ich bin angekommen und beginne mit dem Nachsinnen.

„Du musst Dich nicht bemühen.“ Sanft und langsam, ein Hauch. Wortlos noch, kein Satz. Aber es formt sich. Ich erkenne dann mit Worten, was sich mir mitteilt. Es ist der Wald, die Nacht, der Zauber der Stille, das Wesen der Ruhe. Was auch immer es ist: es ist nicht zu überhören. Und es spricht mich an. Und ich lasse mich ansprechen und höre zu.

Es ist eine sehr gewisse, machtvolle und ruhige Botschaft. Sie will nicht gehört werden: sie ist da und kann gehört werden. Sie ist fest verankert in der Energie der Konstruktivität. Sie ist Vertrauen. Alles steht mir zu, alles wird mir zufließen, alles wird mich tragen. Es ist etwas Freundlich-Schelmisches dabei, etwas Verschmitztes. Weil es so selbstverständlich ist und weil es so schwer zu merken ist. 

Wenn ich mich bemühe, entferne ich mich. Ich bin dann nicht dort, wo ich sein will, sondern ich bin im Dorthin-Eilen. In der Mühe eben. Es ist so ungewohnt: Alles fließt mir zu? Das stimmt doch gar nicht. Ich will so vieles erreichen und bemühe mich unentwegt. „Musst Du nicht tun. Lass Dich in Ruhe. Du liebst Dich doch. Dann tu es einfach. In allem und jedem. Vertrau dieser Kraft. Mehr ist nicht zu tun.“ 

Es ist eine seltsame Botschaft heute Nacht. Gegen alle Logik und Lebenserfahrung. Erkennbar paradox. Wirklich? Ich habe auf einmal Zugang zu dieser Widersprüchlichkeit, sehe ihre Harmonie und fühle mich wohl und willkommen in dieser Zauberei. In dieser Realität der Liebe. Ja, ich habe vom WU WEI von Lao Tse gehört. Ist es das? Ist im Bemühen zu viel Misstrauen, ganz grundsätzlicher Art? 

„Du musst Dich nicht bemühen“ kommt aus tiefer Liebe zu mir selbst, aus dem Vertrauen in das Leben und den Sinn. Dem ich nachgeben kann, hier im Dunkel der Nacht, in der Konzentration der Stille und dem Atem des Waldes. Es ist ein Raum, der ja auch da ist, und in den ich gehen kann, wenn ich das will. Ich entscheide, wie immer, welchen Weg. 

„Es erfüllt sich. Es wird schon. Es kommt so, wie es richtig ist. Es geht gar nicht anders. Dein Bemühen hält das Fließen nur auf. Lass es geschehen.“ Alles sehr fremd. Alles sehr vertraut. Eine Gewissheit jenseits der Erklärung. Alltagstauglich? Auf dem Rückweg lasse ich dieses Befragen. Ich lasse es einfach gelten und zu mir gehören. Ich habe verstanden: Ich muss mich auch nicht bemühen, das alles zu verstehen. Wahrheit kommt auf vielen Pfaden.


 

Montag, 28. März 2022

Feuerwerk und Wassereimer


 

 

Wissen Kinder, was für sie gut ist? Sie wissen es entsprechend ihrem Erfahrungs- und Bewertungshorizont, wie das bei jedem Menschen der Fall ist. Beispiel Kind: Es will einen Weihnachtsbaum anzünden, um sich an der erhofften Wirkung (Feuerwerk) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Wassereimer).

Beispiel Erwachsener: Er will ein Atomkraftwerk bauen, um sich an der erhofften Wirkung (Energiegewinn) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Katastrophenplan).

Aus ihrer Sicht wissen sie, was für sie gut ist. Ich bin da oft ganz anderer Meinung, aus meiner Erfahrung und Bewertung heraus. Ihr subjektives Wissen ist meinem subjektiven Wissen jedoch stets gleichrangig – denn objektives Wissen existiert überhaupt nicht.

Dem zuzustimmen – dass es keine Objektivität der Erkenntnis gibt – ist natürlich nicht jedermanns Sache. Es ist jedoch meine Überzeugung, sie gründet in dem postmodernen Paradigma der Gleichwertigkeit. Und wenn ich auch allemal meinem Wissen verpflichtet bin und dies notfalls durchsetze – so steht es mithin nicht über dem Wissen eines Kindes und verdrängt nicht meinen Respekt davor, dass jedes Kind wie jeder Mensch sehr wohl weiß, was für es gut ist.

Im übrigen ist das Wissen der Kinder ist nicht von der Art, wie wir Erwachsene etwas wissen. Es ist ein Gespür für das Angemessene, eine emotionale Sicherheit, die auf Selbstvertrauen und Ich-Sicherheit beruht. Dieses Wissen der Kinder ist ein Wissen, wie es ursprünglich aus uns kommt, es ist ein Wissen von innen.


 


Montag, 21. März 2022

Pause

 

 

In dieser Woche komme ich nicht dazu, einen Post zu schreiben. Nächste Woche geht es weiter!

Montag, 14. März 2022

Erinnerung


  

Die Befreiung vom pädagogischen Denken erfasst auch den Erwachsenen selbst. Auch Erwachsene mussten nicht erzogen werden, und auch Erwachsene müssen nicht mehr an sich arbeiten, um bessere Menschen zu werden. Erwachsene sind als Kinder vollwertige Menschen von Anfang an gewesen, und diese Vollwertigkeit gilt auch heute und für den Rest des Lebens. Ein jeder war und ist zu hundert Prozent ein vollwertiger Mensch, verantwortlich für sich selbst von Anfang an und kann sich lieben, so wie er ist.

Alles, was die Amication über Kinder sagt, gilt auch für Erwachsene. Amication ist für Erwachsene unmittelbar von Gewinn, nicht nur in ihren Beziehungen zu Kindern. Sie sind die Kinder, um die es ihr Leben lang in Wahrheit geht: "Ich bin für mich verantwortlich. Wie soll mein Leben aussehen? Meine nächsten drei Minuten? Meine nächsten drei Stunden? Meine nächsten drei Tage? Was will ich - was will dieses Kind, das ich bin - wirklich? Wie könnte ich es erreichen?"

Amication wird oft zunächst im Blick auf die heutigen Kinder erfasst. Aber es geht um alle Kinder, auch um die großgewordenen. Es ist, als ob ein junger Mensch zu den heutigen Erwachsenen tritt und ihnen etwas von ihrem verschütteten Wissen der eigenen Kindheit mitteilt. Dieses Kind erinnert die großgewordenen Kinder an die Wahrheiten ihrer Kindheit - Wahrheiten, die durch Erziehung und pädagogische Tradition verloren gingen:

Die Selbstliebe, die Vollwertigkeit, die Selbstverantwortung, die Souveränität, die Gleichwertigkeit, die Subjektivität, die Fehlerlosigkeit, die Sozialität, die Achtung vor der Inneren Welt, die Selbstbehauptung in der Äußeren Welt, die Empathie, die Erziehungsfreiheit. Der Erwachsene, der von diesen Dingen hört, wird stets direkt angesprochen. Und wenn er sich darin wiederfindet, dann setzt er den amicativen Impuls für das Kind um, das ihm zuallererst anvertraut ist: für sich selbst.

 

Montag, 7. März 2022

Wir hier - die Schule dort



Eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn (2. Klasse) im Schwimmunterricht mit einigen Mitschülern auf der Bank neben dem Becken warten muss, bis der Lehrer mit den anderen Kindern im Wasser fertig ist. Und sie dann wieder dran kommen und ins Wasser dürfen. Abwechselnd. Er muss also mit nasser Badehose draußen warten und friert. Das hat dazu geführt, dass er zweimal nicht zum Schwimmen mitgegangen ist. Erst jetzt hat er es seiner Mutter erzählt. Sie überlegt, ob sie den Lehrer zur Rede stellen oder es auf sich beruhen lassen soll. 

Das führt mich mal wieder zur Schule, und zwar grundsätzlich. Ich suche einen Text heraus meinem Buch "Schule mit menschlichem Antlitz", der dazu passt.*

* 

Die Schule ist eine Institution, die ganz und gar unabhängig von uns existiert. Wir sind immer konkrete Menschen, und das heißt für die Eltern und Kinder: dieser Vater, diese Mutter, diese Kinder. Und unabhängig von uns als Familie existiert viel in der Welt: die Kneipe nebenan, das Stadttheater, der Bundestag, und eben auch die Müller-Schule in der Meierstraße und die Meier-Schule in der Müllerstraße. Klar, das hat auch etwas mit uns zu tun, denn wir gehen ja in die Kneipe und ins Theater, wir wählen das Parlament und schicken die Kinder zur Schule. 

Aber es ist eben auch wahr, und das zu übersehen macht die Macht der Schule aus, dass diese Institution, die Schule, jede Schule zunächst einmal mit uns nichts, aber auch ganz und gar nichts zu tun hat. Die Schulgesetze: nicht von uns beschlossen. Die Lehrer: nicht von uns bestellt. Die Schulordnung: nicht von uns in Auftrag gegeben. Die Lehrpläne: nicht unsere Erfindung. Methodik, Didaktik, Motivation, Evaluation und das ganze weitere depersonalisierende Brimborium: weiß Gott nicht unsere Sache. Nichts, aber auch gar nichts ist von der Schule auf unser Konto zu buchen. Wir hier - die Schule dort.

So - und von dieser radikalen, grundsätzlichen und wesentlichen Unterscheidung aus sehe ich mir an, was das dort denn ist, die Schule, wie sie strukturiert ist, was sie will, was sie bewirkt. Und von daher kommt meine Entschlossenheit, für meine Kinder einzustehen und den Anforderungen der Schule immer wieder mit Verwunderung zu begegnen: "Tatsächlich – das hat der Lehrer gesagt? Was hat er sich eigentlich dabei gedacht?" Immer wieder. 

Und von daher kommen dann meine Reaktionen, mein Umgang mit dem Merkwürdigen da draußen – das Schule heißt und durch das ich selbst damals, zu meiner Zeit, durchwanderte, durchmusste. Exotisch schon damals, eine seltsame Erfindung, umgeben von der Aura des Absoluten, wie Sonne, Mond und Sterne. Nur: dass ich heute diese Fiktion sehe, als Erwachsener darum weiß, dass die Schule eben nicht als göttlich Ding vom Himmel auf die Erde gekommen ist, sondern ein ganz und gar menschlich Ding ist, ersonnen und gemacht von Menschen wie Du und ich, und dass man das alles gänzlich anders sehen kann. 

Ich lade also jeden ein, sich von der Schulideologie zu befreien. Big Brother, das Kuckucksnest, Trumans World zu verlassen, diese gläserne Glocke, die Kinder leibhaftig einfängt, niemals wirklich entlässt, sondern sie als großgewordene Kinder lebenslang gefangen hält. 

Schule muss nicht sein! Sollte sie sein? Jeder von uns gibt hier seine eigene Antwort. Ein Tipp für Unentschlossene: Fragen Sie die Kinder, ein halbes Jahr nach der Zuckertüte. Sie kennen noch den Zusammenhang, wissen noch um das, was möglich ist, sie haben es noch im Blick, was Leben ohne Schule heißt. Dies alles zu wissen macht sehr sicher, die eigenen, aus der familiären Situation kommenden Antworten zu finden. 

Keine Hausaufgaben gemacht? "Ran an die Arbeit" oder "Dann lass es eben". Ein Brief, dass mein Kind sich in der Schule nicht benimmt? Wozu sollte es sich benehmen? Und was heißt eigentlich "Benehmen" in der Schule? Schlägt es andere Kinder? Vielleicht war das wichtig und richtig. Redet es zu laut im Unterricht? Vielleicht war das wichtig und richtig. Tut es nicht, was der Lehrer will? Vielleicht war das wichtig und richtig. 

Jeder Mensch, auch jeder junge Mensch, auch jedes Kind in der Schule tut immer etwas Sinnvolles, mit Grund, aus seiner eigenen, individuellen Schlüssigkeit und Weltdeutung heraus. Das interessiert mich. Also: Warum keine Hausaufgaben? Was führte zur Schlägerei? Zu Gegenreden? Ich liebe mein Kind und ich freue mich, wenn ich es mehr und mehr immer wieder neu verstehen lerne. Soll ich mein Kind korrigieren um der Schule willen? Soll ich einen lebendigen Menschen korrigieren, weil Herr Meier das gern so von mir hätte? Wer bin ich denn?

*

Was also ist im Fall mit dem Schwimmunterricht zu tun? Ich habe gesagt, ein Gespräch mit dem Lehrer kann nicht schaden. Motto: Ich habe keine Lust, dass mein Kind sich erkältet. Aber das weiß er doch selbst. Er kann seinen Unterricht besser handhaben, wenn die einen Kinder im Wasser sind und die anderen auf der Bank. Erkältungsrisiko eingeschlossen. Wie immer hat auch dieser Lehrer sein eigenes System, mit den Kindern und seinem Lehrauftrag zurechtzukommen. Eltern stören da nur. Doch auch wenn das alles so ist: Ich bin nicht für die Schule und den Lehrer da, sondern für mein Kind. Und dann interveniere ich. "Ich möchte nicht, dass mein Kind mit nasser Badehose rumsitzt und sich erkältet."


* Schule mit menschlichem Antlitz, 2001, S. 21 ff.



 

Montag, 28. Februar 2022

Niemals aber Erziehung!



Es gibt viele Konzeptionen für den Umgang mit Kindern. Die Palette reicht von autoritärer Erziehung über Gewähren-Lassen bis zu antiautoritärer Erziehung, und meist wird ein partnerschaftliches Verhältnis als erstrebenswert angesehen. Die Grundlage aller verschiedenen Methoden ist stets diese: „Kinder müssen erzogen werden.“ Es fragt sich nur, wie.

Amication fragt anders: Müssen Kinder wirklich erzogen werden? Vielleicht sind sie ja gar keine „Erziehungs-Menschen“, sondern ganz normale Leute? Vielleicht sind Kinder ja schon von Geburt an Menschen – vollwertige Menschen, und müssen nicht erst dazu gemacht werden, auch nicht auf die progressivste Art und Weise? 

Vielleicht ist die Idee, Erziehung müsse sein, eine falsche und gefährliche Sicht vom Menschen? Wem dient dies wirklich? Steht da nicht einer über dem anderen? Wird da nicht „zu deinem Besten“ geformt? Muss da nicht einer etwas einsehen? Hat da nicht einer immer recht?

Das alles erinnert an die Art, wie Europäer mit Afrikanern und Indianern, Männer mit Frauen, Kommunisten mit Bürgern umgingen. Es wird deutlich, dass das Oben-Unten-Denken im Umgang mit Kindern eine breite, historisch gewachsene und lange Zeit unbefragte Basis hat. 

Wobei die Mächtigen aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht von vornherein böse, sondern gut, liebevoll und verantwortungsbewusst sind, wie Eltern zu ihren Kindern: Europa missioniert den Rest der Welt, Männer enthalten Frauen das Wahlrecht vor, die Partei beschließt, was „objektiv“ gut ist. 

Amication verlässt diese Welt des „einer steht über dem anderen“, und das gilt auch gegenüber jungen Menschen. Die existentiellen Aussagen über Kinder werden auf neue Weise gedacht: 

Mach mich nicht zu einem Menschen, ich bin es von Anfang an. Sag mir Deine Erfahrungen, aber sag nicht, dass Du besser weißt als ich, was für mich gut ist, denn das spüre ich selbst am besten. Liebe mich, aber sei nicht für mich verantwortlich, denn das bin ich selbst. Ich brauche Deine Loyalität und Solidarität, Deine Unterstützung, und wenn Du nicht anders kannst, Dein ehrliches Nein – niemals aber Erziehung!“


 

Montag, 21. Februar 2022

Abgrenzung

 


Es kommen immer mal wieder irritierte Anfragen an mich. Dann kläre ich die Missverständnisse. Jetzt will ich auf unsere Website einen Abgrenzungstext zu den drei größten Problemen stellen. Hier ist er schon mal vorab.

 

*


Abgrenzung

Wer sich zum ersten Mal mit der Amication beschäftigt, kann in Assoziationsfelder geraten, die befremdlich, irritierend oder auch abstoßend sind. Drei solcher Missverständnisse sollen hier geklärt werden. Es geht um die Vermutungen, Amication hätte etwas mit Vernachlässigung von Kindern, mit Kinderrevolution und mit Pädophilie zu tun. 

 

Kinder werden nicht vernachlässigt.

In unseren Texten ist immer wieder die Rede davon, dass wir Kinder „nicht erziehen“. Wer einen solchen Satz liest, kann an Vernachlässigung und antiautoritären Umgang denken.

Doch unser „nicht erziehen“ bedeutet nicht, dass die Kinder sich selbst überlassen werden oder dass die Kinder tun können, was sie wollen. Wir haben mit antiautoritären Positionen nichts zu tun. Wie alle Eltern sind wir für unsere Kinder da und kümmern uns um sie, und ein Nein ist ein Nein. 

Bei dem „nicht erziehen“ der Amication geht es um eine spezifische, hoch ausdifferenzierte Beziehungsform für das Zusammenleben mit Kindern, fachlich gesprochen um Postpädagogik und die Rehumanisierung der Pädagogik. Es geht in der Amication um eine nicht-erzieherische Haltung. Diese amicative Haltung begründet eine neuartige Verantwortung, die Erwachsene übernehmen. 

Was das bedeutet, ist in den Texten, Wort- und Videobeiträgen der Website ausführlich in Theorie und Praxis dargestellt. 

 

Kinderrevolution wird nicht propagiert.

Der Gedanke politischer Emanzipation junger Menschen tauchte in den 1970er Jahren in der US-Literatur auf, und es entstand das „Children's Rights Movement“. Die dort geforderten Rechte für junge Mitbürger fußen auf den Gedanken von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung. 

Wir sahen damals die Parallele der von uns propagierten erziehungs-missionsfreien Eltern-Kind-Beziehung zum Children's Rights Movement. Unser Beziehungsaspekt wurde dort in eine politische Perspektive utopisch weitergedacht. 

1980 wurde dann dementsprechend das Deutsche Kindermanifest von uns proklamiert, in dem eine Ausgestaltung der Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und politischen Emanzipation des Kindes im Sinne vollwertiger Bürger- und Menschenrechte vorgenommen wird. 

In einer Präambel und 22 Artikeln werden Rechte aufgeführt, die Kindern zustehen sollten. Diese Rechte sind nicht hier und jetzt zu realisieren, und dies wird auch nicht gefordert. Die Rechte des Deutschen Kindermanifests können erst dann verwirklicht werden, wenn Kinder als gleichberechtigte Mitbürger angesehen werden. 

Im Deutschen Kindermanifest wird die Gleichberechtigung des Kindes als weite Perspektive gesehen. Es wird von einer Position der Zukunft her formuliert, was Kindern dann, wenn sie gleichberechtigt sein sollten, an Rechten zustehen würde. 

Doch einigen Rechten könnte man auch heute schon zustimmen. Zum Beispiel dem Recht des Artikels 14: „Kinder haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Es gibt keine Züchtigung.“ 

Amication propagiert mit dem Deutschen Kindermanifest keine Kinderrevolution, sondern es wird dazu beigetragen, über die rechtliche Position von Kindern nachzudenken. Dabei muss jedes Recht des Deutschen Kindermanifests – wenn es realisiert werden soll – vor Ausnutzung und Missbrauch geschützt werden. 

In diesem Zusammenhang wird an Artikel 9 Anstoß genommen: "Kinder haben das Recht, gegen Entgelt zu arbeiten." Oder an Artikel 18: „Kinder haben das Recht, ihr Sexualleben selbst zu bestimmen und Nachkommen zu zeugen.“ Auch diese Artikel sind aus der Sicht von Kindern als gleichberechtigten Mitbürgern her formuliert. Damit das Recht auf Arbeit und auf Sexualität keine destruktiven Tore für Erwachsene öffnen, sind sie gegen Ausnutzen und Missbrauch wirkungsvoll abzusichern. 

Ausführlich werden Hintergrund und Sinn des Deutschen Kindermanifests in unserer Schrift „Kinder in der Demokratie“ dargestellt (Website: Medien/Literatur). Auch Einwände und Kritik werden aufgegriffen und beantwortet. 

 

Verbindung zu Pädophilie besteht nicht. 

Als Eltern lieben wir unsere Kinder, und dabei gibt es keine Grenzüberschreitung. Alles, was in Sachen Pädophilie und sexuellem Missbrauch daherkommt, wird von uns nicht geduldet. 

Heute gibt es eine große Sensibilität hinsichtlich Kindesmissbrauch. Diese Sensibilität ist wichtig und richtig. Der Ausdruck „Freundschaft mit Kindern“ kann da irritieren. Was ist damit gemeint und wie kam es dazu? 

Vor über vierzig Jahren, 1978, im Jahr der Vereinsgründung, wollten wir unsere nicht-erzieherische Grundposition mit einem positiven Begriff versehen und suchten einen dazu passenden Namen. Den damals viel diskutierten Begriff „Antipädagogik“ fanden wir zu plakativ, nicht kommunikativ und zu verletzend für pädagogisch eingestellte Menschen. 

Die Werte Achtung, Respekt und Gleichwertigkeit charakterisieren unser Konzept der Eltern-Kind-Beziehung. Achtung, Respekt und Gleichwertigkeit sind auch die Grundlage jeder Freundschaft. Wegen dieser Werteübereinstimmung hielten wir es damals für sinnvoll, den positiven und konstruktiven Begriff „Freundschaft“ in unsere Texte und unseren Vereinsnamen einzubeziehen. 

Da wir an der Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehungen arbeiten wollten, nannten wir den Verein dann „Freundschaft mit Kindern – Förderkreis e.V.“. Unsere frühen Texte bekamen dementsprechend das Kennwort und die Überschrift „Freundschaft mit Kindern“.