Montag, 11. April 2022

Der erste Atemzug

 


Selbstverantwortlich – ab wann? Von Anfang an! Auf dem Vortrag neulich kamen wir auf die Selbstverantwortung der Babys, ja der Neugeborenen zu sprechen. Es ging konkret um den ersten Atemzug. Wer ist dafür verantwortlich, dass er gelingt?

Unmittelbar nach der Geburt muss sich das Neugeborene den lebensnotwendigen Sauerstoff aus der Luft besorgen – durch das Atmen. Die neun Monate vorher nehmen sich die Embryos den Sauerstoff aus dem Blut der Mutter, das durch die Nabelschnur zu ihnen gelangt. 

Traditionellerweise fühlen sich Erwachsene für Kinder verantwortlich, und so sind auch Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Denn sie meinen, dass Babys dies nicht von sich aus können. Sie klemmen deswegen die Nabelschnur ab, machen einen Knoten und schneiden sie durch, kaum dass das Kind da ist. Und veranlassen es so zum ersten Atemzug, zur Luftatmung. 

Weil durch das Abklemmen der Sauerstoff ausbleibt, geraten die Babys in Lebensangst, reißen den Mund auf und stürzen mit dem ersten Atemzug eine Riesenmenge Luft in die noch zusammengefaltete Lunge, die sich plötzlich mit einem großen Ruck entfaltet - wie Feuer fährt es in den kleinen Körper, ein schrecklicher Schmerz! Er entlädt sich in wildem Schrei, dem ersten Schrei...

Doch keinem Baby muss aus Sorge und Verantwortungsgefühl Schmerz und Leid bei der Geburt zugefügt werden. Denn auch hier greift die Selbstverantwortung: Jeder neugeborene Mensch kann diese Umstellung selbst regeln, niemand muss dazu durch Abklemmen und Durchschneiden veranlasst, gar gezwungen werden. Es geht so:

Unmittelbar nach dem Geborensein wird das Baby auf den Bauch und die Brust der Mutter gelegt, nahe an ihrem Herzen. Die Nabelschnur wird jetzt nicht abgeklemmt und durchschnitten, das Kind somit nicht zur Luftatmung veranlasst, gezwungen. Denn auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur von der Plazenta zum Kind und bringt wie alle Monate vorher mit jedem Herzschlag den benötigten Sauerstoff. 

Langsam, in eigener Regie, mit kleinen Atemzügen, kann sich das Neugeborene parallel zur Blut-Sauerstoffversorgung auf die Luft-Sauerstoffversorgung, die Atmung umstellen. Das Blut in der Nabelschnur wird dabei vom Körper des Kindes nach und nach vollständig aufgenommen, es wird zur behutsamen Entfaltung der Lunge und für den Lungenkreislauf benötigt. Die Nabelschnur wird schließlich leer und milchglasig und wird erst dann verknotet und durchtrennt. 

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen, biochemischen Möglichkeiten und vielen anderen vom kindlichen Organismus selbst gesteuerten Prozessen regeln die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf, ihren Schlaf, ihre gesamte Entwicklung. Immer wieder entscheiden sie selbst, unendlich viele große und kleine Dinge in ihrem beginnenden Leben. 

Wann soll zum Beispiel die erste Bewegung erfolgen, mit dem Finger, der Hand, dem Arm, dem Bein, dem Kopf, dem Rumpf, dem Körper ... Und schließlich sind sie es, die ihre Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze: Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jedes Ungeborene selbst, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist, und der Embyo gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter, um damit die Wehentätigkeit auszulösen. 

Alle Kinder kommen als hochwertig ausgebildete und trainierte Selbstverantworter auf die Welt, mit Selbstverantwortung ausgerüstet für ein gazes langes Leben. Sie rufen den Erwachsenen zu Beginn  zu: „Ich bin für mich selbst verantwortlich! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es!“



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