Dienstag, 28. Februar 2017

Unter meinem Schutz


Mit welchen Ohren bin ich unterwegs? Kann ich die amicative Welt halten im pädagogischem Getöse? Das gelingt ja nicht immer, aber oft eben doch.

Wir sind zu Besuch, es gibt hier den üblichen gutmeinenden pädagogischen Ton. Jetzt ist es spät geworden, die Kinder sollen endlich ins Bett gehen. Ich sage „ab ins Bett“, merke aber, dass das so nicht klappt. Merke, dass ich noch Zeit geben kann, wäre aber auch zufrieden, wenn sie endlich abziehen. Kilian (10) hat's gehört, aber er liest ungerührt sein Buch weiter. Es wird angespannt. Schließlich wird er vom Gastgeber verärgert aus dem Wohnzimmer geschickt: „...und dann gehst Du endlich ins Bett.“ Ich kommentiere das nicht, aber mir ist unwohl. Die Töne, mit denen er „gebeten“ wird, tun nicht gut. Mir nicht, und ihm auch nicht, wie ich sehe. Er stürzt aus dem Zimmer, flüchtet auf die Treppe, ganz nach oben, liest dort weiter. Ich gehe in den Flur und sehe ihn sitzen und lesen. Bett ist das nicht.

Aber ich habe gehört. Diese Töne. Diese Töne, die das „Durchsetzen“ begleiten. Gar nicht gut, nicht für meine Ohren, nicht für mein Herz. Aber die Treppe ist nicht das Bett! Und? Es geht jetzt nicht um die Treppe oder das Bett, sondern um Würde. Um Kilians Würde. Und um die Verletzung, die diese Töne (weniger die Worte, die waren „angemessen“) verursacht haben. „Dann lies, ich bin im Schlafzimmer und bringe Corbinian (8) ins Bett.“ Mir ist klar, dass ihm klar ist, was Sache ist. Kilian ist 10, er kennt die Uhr und die Lage. Nur: ich will diese Töne nicht in unser beider Welt. „Sieh das ein / Ich habe recht / Du bist ungezogen / Wie kannst Du nur“ - nein. Dann warte ich lieber, es geht ja auch nicht um wirklich Wichtiges. Vielleicht um eine Viertelstunde. Aber er war nicht mehr willkommen in diesen „zusätzlichen“ 15 Minuten.

Ich mag das nicht, jemandem, den Kindern, Kilian das „Willkommen“ zu entziehen. Obwohl ich das ja auch immer wieder mache. Aber ich mag das eben nicht, überhaupt nicht, und auch jetzt nicht. „Dann lies halt da oben“ - ich lass ihn wissen, dass er willkommen ist und willkommen bleibt. Ob er nun kommt oder nicht. Schutz eben. Es ist, wie es immer ist, wenn ich die Ohren so geöffnet habe. Wenn ich mich in den Klang meiner Harmonie fallen lasse und mich dort halten kann. Wenn ich dem schrillen Mißklang der pädagogischen Begleitmusik des „Durchsetzens“ keinen Raum gebe. Meine Haltung läßt das aufgewühlte Kind rasch zur Ruhe kommen. Kilian trudelt nach ein paar Minuten ins Schlafzimmer. „Na, da bist Du ja“. „Ja, Papa“.


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