Donnerstag, 6. Juli 2017

Schulwahrheit, I, Gebäude des Schreckens



















Überall beginnen die Sommerferien, und viele Kinder werden aus
der Schule entlassen. Als ich Lehrer war, wurde ich einmal von
einer Klasse zur ihrer Abschlußfete eingeladen. Aus meinem Schul-
tagebuch:

*

Heute ist Abschlußfete der 9. Klasse, zu  der ich eingeladen bin.
Ein Picknickplatz im Wald. Es sind außer mir nur noch zwei Kol-
legen da, die anderen wollten nicht. Viel Reden, viel Kontakt, viel
"einfach so".

Nach drei Stunden, als alle im Kreis sitzen, fängt Mani an und
liest seine Abschlußrede vor, mit vielen Kommentaren und Zu-
rufen. Sie ist nicht für Eltern oder Lehrer gemacht, sondern für
seine Leute. Was ich höre, geht mir sehr nahe: Er sagt das, was
ich über die Situation der Kinder in der Schule herausgefunden
habe. Was aber nur verschwindend wenige von den Erwachs-
enen, die in der Schule arbeiten, als die Realität der Kinder be-
merken. Für die anderen ist eine solche Aussagen nur "dummes
Kindergerede".

Ich spüre, dass das, was so leicht dahergesagt wird, wirklich ihre
Erfahrung ist, ihre Wahrheit eben. Sie gehen alle mit der Rede
leicht um. Aber es wird deutlich, worum es geht. Um tiefes Ver-
letztsein. Umd um Betrogensein um die Jahre, die sie in der Schule
verbringen mussten. Die Rede ist die Wahrheit der Kinder.

Mani verbrennt seine Rede im Lagerfeuer. Ich bitte ihn dann, sie
noch einmal für mich aufzuschreiben. Er tut es gern, und die an-
deren helfen ihm dabei. Als ich von Veröffentlichung rede und
ihn frage, ob er einverstanden sei, ist das für ihn in Ordnung.
Aber ich merke auch, dass ihn das gar nicht mehr so interessiert.
Es ist doch alles so klar. Und: Sie stehen vor Neuem ...


                                 Die Abschlußrede

            Freunde, es ist geschafft.
            Neun lange Jahre sind vorbei.
            Mein herzlichstes Beileid möchte
            ich allerdings all denen wünschen, die
            noch länger in den sogenannten Schulen
            gefoltert werden.
            Die letzten neun Jahre waren die schlimmsten
            in unserem Leben.
            Und werden es wohl auch bleiben.
            Die Pauker haben uns dermaßen geschafft,
            dass manche einer sie gern vor ein Kriegsgericht
            stellen möchte.
            Ich bin auch dafür, dass die Schulen, die Gebäude
            des Schreckens -
            Schule, das Wort, das bei Kindern wie ein Brechmittel
            wirkt -
            abgeschafft werden.
            Aber nein, die Schulen werden noch von Staat
            unterstützt.
            Doch freut Euch, die Ihr es geschafft habt.
            In Zukunft dürft Ihr mit Euren Bossen über Lohn-
            erhöhungen und seine Tochter streiten.
            Freut Euch, es wird eine herrliche Zeit.
            Vergesst all das Böse, was Euch in der Schule geschah.
            Haltet die Ohren steif.
            Tschüs!
          

Fortsetztung folgt.
         




1 Kommentar:

  1. Hallo, Hubertus!

    Meine Schulzeit endete damals nach 8 Jahren Volksschule im März 1966
    (Abschlussklasse).
    An eine Abschlussfete – zusammen mit unserem Klassenlehrer – erinnere ich mich nicht. Aber einige Klassentreffen im Laufe der späteren Jahre gab es noch.
    Ich hatte die Schulzeit sehr stark vermisst, weil unsereins ja täglich am Nachmittag dann frei hatte. Und während meiner ersten Tage in der Ausbildung (ich machte eine Lehre im Handwerk-Beruf "Vulkaniseur") lief so manche Trauer-Träne über meine Wangen.

    Tja, meine Schulwahrheit beinhaltet nichts Böses, das mir in der Schule geschah.
    LG HaJo51

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