Sonntag, 8. Januar 2017

Die postmoderne Wahrheit


In meiner Schatzkiste habe ich einen Text entdeckt, den ich vor 20 Jahren publiziert habe. Es geht um Grundpositionen der Postmoderne. So etwas war ja umgeben von der Aura des Staunens und einer neugeborenen Gewißheit, die aber doch so vertraut und schon lange in mir zu Hause war. Ich finde die Aussagen von John Holt und Zygmunt Bauman, die ich damals vorgestellt habe, heute immer noch klar und erhellend. Also rein damit in meinen Blog!
PS: Ein aktuelles supergutes Interview mit Zygmunt Bauman zur Migrationskrise war im September im Spiegel (36/2016).

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Kommunikation, existentielle Begegnung: Hieraus entstehen Wahrheiten. Wahrheiten, die anders sind als so  genannte sachliche Wahrheiten. Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit, Subjektivität leuchten als Wahrheiten auf – Wahrheiten, die ohne den Wahrheitsanspruch der Moderne sind, nämlich objektiv, absolut, eindeutig, wirklich wahr zu sein. Ich stelle Euch zwei postmoderne Textstellen hierzu vor. John Holt ist Euch als Kinderrechtler aus den USA bekannt. Zygmunt Baumann ist ein renommierter Autor zu postmodernen Themen, er ist Professor im Ruhestand für Soziologie an der Universität Leeds in Großbritannien.

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John Holt in »Zum Teufel mit der Kindheit«, 1978 (USA 1974) S.16:
Wie viele andere Menschen auch pflegte ich zu glauben, dass der Mensch durch Argumente, durch Diskussionen – durch das, was manche einen »Dialog« nennen – zur Wahrheit gelangen würde. Dabei handelte es sich um eine Art Kampfgericht (trial by combat): jeder setzte sein Argument sozusagen auf ein Pferd und ließ es in vollem Galopp auf das Argument des anderen los. Wer den anderen vom Pferd stoßen konnte, der hatte gewonnen, und er andere musste zugeben: »Du hast gewonnen, also hast du recht.« Doch mit der Zeit und mit zunehmender Erfahrung wurde mir klar, dass Menschen nicht dadurch verändert oder besiegt werden, dass man sie dazu bringt, ihre Ideen als dumm, unlogisch oder zusammenhanglos zu erkennen. Heute habe ich eine Vision – von der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte – die ich jedem mitteile, der sie sich anschauen will. Ich vermag diese Vision nicht in sein Gehirn einzupflanzen; jeder macht sich sein eigenes Modell von der Wirklichkeit. Doch das Licht, das ich auf Erfahrung werfe, hilft vielleicht einigen von ihnen, die Dinge etwas anders zu betrachten und sich selber eine neue Vision aufzubauen.

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Zygmunt Bauman in »Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit«, 1995 (England 1991) S.127 f.:
* (Anmerkung: inhärent – innewohnend, anhaftend; polysem – mehrere Bedeutungen habend; monosem – nur eine Bedeutung habend)
Worauf sich die inhärent polyseme* und kontroverse Idee der Postmoderne am häufigsten bezieht (sei es auch nur stillschweigend), ist zuerst und vor allem ein Akzeptieren der unauslöschlichen Pluralität der Welt; eine Pluralität, die nicht eine Zwischenstation auf dem Weg zur noch nicht erreichten Vollkommenheit ist (Unvollkommenheiten gibt es viele und verschiedene; Vollkommenheit ist per definitionem immer nur eine), eine Station, die früher oder später zurückzubleiben hat – sondern eine konstitutive Qualität der Existenz. Ebenso bedeutet Postmoderne eine entschlossene Emanzipation von dem charakteristisch modernen Drang, die Ambivalenz zu überwinden und monoseme* Klarheit der Selbigkeit zu fördern. Ja, die Postmoderne dreht die Zeichen der Werte, die für die Moderne zentral sind, um, wie Gleichförmigkeit und Universalismus. Und sobald erst einmal wahrgenommen worden ist, dass die Vielfalt der Lebensformen unreduzierbar ist und es unwahrscheinlich ist, dass sie konvergieren, werden sie nicht nur widerstrebend akzeptiert, sondern in den Rang eines höchsten positiven Wertes erhoben, der weder in eine Lebensform aufzulösen ist, welche auf Universalität zielt, noch durch eine Form degradiert wird, die nach universaler Herrschaft strebt.
Wo die Absicht zu herrschen fehlt, beleidigt das Vorhandensein wechselseitig einander ausschließender Maßstäbe weder den Wunsch nach logischer Kongruenz noch löst es eine Heilungsaktion aus. Im Idealfall ist in der pluralen und pluralistischen Welt der Postmoderne jede Lebensform prinzipiell erlaubt oder, besser gesagt, es sind keinerlei allgemeine Prinzipien evident (oder unbestritten evident), die irgendeine Lebensform unzulässig machen würden. Sobald die Differenz aufhört, Druck auszuüben, und nicht als ein Problem konstruiert wird, das nach Handeln und Lösung ruft, wird die friedliche Koexistenz von verschiedenen Lebensformen in einem anderen Sinne als dem eines zeitweiligen Gleichgewichts feindlicher Mächte möglich. Das Prinzip der Koexistenz könnte (einfach nur: könnte) das Prinzip der Universalisierung ersetzen, während das Toleranzgebot an die Stelle der Konversion und der Subordination treten könnte (nur könnte). Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war der Schlachtruf der Moderne. Freiheit, Verschiedenheit, Toleranz ist die Waffenstillstandsformel der Postmoderne. Und wenn Toleranz in Solidarität umgewandelt wird, kann sich Waffenstillstand sogar in Frieden verwandeln.


1 Kommentar:

  1. Hallo, Hubertus!

    Von dem Herrn Zygmunt Bauman hatte ich bisher noch nie etwas gelesen.
    Und mein Bedarf nach Mehr von ihm ist meinerseits für lange Zeit gedeckt.
    Ich meine damit:
    Dieser Herr Zygmunt Bauman ist mir unsympathisch.
    Wenn ich nämlich lese, dass jemand als Professor Geld verdient, aber lediglich (nur) viele – mit Fremdwörtern verzierte – "Könnte" von sich gibt, dann wird mir wieder mal bewusst, dass ich "Im falschen Film" bin.

    John Holt finde ich okay für mich.

    LG HaJo51

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