Montag, 3. Februar 2020

Iris und die Selbstkraft







Auf dem Spielplatz habe ich sie vor Augen, die Kinder. Ich bin mit meinem Enkel (4) dort, eine ganze Weile. Die Kinder ringsum sind auch im Vorschulalter. Dann: Eine Mutter will nach Hause, aber ihre Tochter nicht, Iris (3). Sie hat neben uns mit Sandförmchen gespielt. Ich seh hin und ich hör hin.

Schon Iris erster Impuls auf die Botschaft ihrer Mutter war eine klare Ansage: Iris will weiter im Sand spielen. Sie hat nichts gesagt, nur kurz hoch und gleich wieder runtergeblickt. Wortlos dabei: "Ich will spielen, hier, mit dem Sand." Und: "Hier ist es richtig, hier will ich sein, hier tut es gut, hier bin ich eins mit mir und der Welt, hier ist meine Harmonie, hier bin ich, Iris, zeitlos." Ich sehe ihre Würde, ihre Selbstkraft: "Ich gehe diesen Weg, und ich will ihn gehen. Diesen Sandweg."

Sie wird ihn nicht gehen können. Die Ungeduld ihrer Mutter wächst, die Worte werden härter. Es braut sich Ungutes zusammen. Iris sagt noch immer nichts, aber sie klammert sich an den Sandkörnern fest und ruft sie um Hilfe. Sie ist sich ihres Weges sicher, sehr sicher, so sicher. Es rührt mich an.

Ich interveniere nicht, habe kein gutes Gefühl. Iris wird sich nicht mit mir gegen ihre Mutter wenden, das ist nicht vorgesehen, ja absurd. Und führt zu Eskalation mit Beschämung oder Demütigung von Iris. 

Ich sehe zu meinem Enkel. Auch er ist sich sicher, immer wieder sicher. Was seins ist. Wohin sein Weg geht, gehen soll. Auch er hat diese Selbstkraft. Alle Kinder haben diese Kraft. 

"Ich kann meinen ersten Atemzug selbst tun" - Leboyer hat diese Kraft erkannt. In der Amication habe ich das so ausgedrückt: "Menschen sind selbstverantwortlich von Anfang an" und " Jeder spürt selbst, was für ihn da Beste ist". Das aber übersetzen in Alltag - das wird unrealistisch. Man sieht sofort die Kinderfinger in der Streckdose. Ja schon, aber: Übersetzungsfehler! So ist das nicht zu lesen, dieses "Selbstverantwortlich von Anfang an".

Es ist immer die Schwierigkeit, diesen zentralen Punkt der Amication anderen Menschen nahezubringen. Die Steckdose aus der Assoziation herauszubekommen. Den Blick des Nachdenkens, den inneren Blick von der Alltagsmauer hin zur Innenwelt zu bekommen. Zu der Selbstkraft. Zu der überwältigenden Energie, die ein Lebewesen - jedes Lebewesen, Schmetterlinge, Tiger, Menschenkinder - in sich trägt: Ich bin. Ich gehe diesen Weg. Und ich will diesen Weg gehen.

Natürlich lassen sich Wege andersrichten, abbiegen, umkehren, auflösen. Die ganze Wegewelt ist zauberbar. Wobei klar ist: Ich - Schmetterling, Tiger, Menschenkind - entscheide, will entscheiden. Wegändern: jeder nimmt einen anderen Weg, wenn die Steine zu spitz sind. Und speziell Menschenkinder folgen durchaus auch Wegvorschlägen und Wegänderungen, die sich auftun, die an sie herangetragen werdern, um die sie gebeten werden. Die Selbstkraft - die Selbstverantwortung, das Ichgehöremir - ist ja nicht blöd!

Ich finde diese Kraft grandios, sie ist so einzigartig. Die Kinder sind dermaßen voll davon, dass es eine Wucht und Freude ist. Aber... und da beginnt das traurige Desaster: "Normale" Erwachsene (und wer ist das nicht?) haben keinen Freudekontakt, keinen Achtungskontakt zu dieser Kraft. Sondern einen Störkontakt. Dieser göttliche Funke wird in Steckdose und Co übersetzt, das klare Licht wird gebrochen (am Leid der eigenen Kindheit) und als Trotz und Ungehorsam gelesen.

Iris Mutter ist eine normale Mutter. Nach "achtsamen Eingehen" (Hinhocken, Augenhöhe) auf ihr Sandkind ist dann klar, wie es ausgeht. Iris stemmt sich gegen das Sandkastenbrett. Die Körpermacht ihrer Mutter legt sich dabei auch mit Iris Selbstkraft an. Da sind zwei nicht passende Dimensionen im Konflikt. Natürlich ist die Mutter stärker, sie hat Iris in den Kinderwagen "gesetzt". Auf der Selbstkraftebene dröhnt es heftig. Da ist Iris einfach nur "unkooperativ" bis" biestig".

Ich habe mitbekommen, dass Iris Mutter den Bruder vorn am Parkende, an der Straße treffen will. "Ich kann auf Iris aufpassen, bis Sie wieder da sind. Dann kann sie noch ein bisschen spielen. Ich bin mit meinem Enkel hier und habe Zeit, das wär kein Problem." Erwachsenenwelt, Erwachsenensprech. Ich blicke dabei die Mutter und dann auch Iris an. Ob das was wird? In der Erwachsenenwelt? In der Kinderwelt?

"Willst Du mit dem Opa noch hierbleiben?" (Opa - na danke!). Iris nickt, springt aus dem Kinderwagen und ihre Mutter lächelt mich erleichtert an.


 

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