Ich bin zu Besuch. Das Abendessen ist vorbei, Geschirr und Besteck sind in die Spüle geräumt. Johann (2 ½ ) nimmt sein Kinderstühlchen und rückt es vor der Spüle zurecht. Er stellt sich darauf und kann jetzt dort oben wirtschaften. Sein Vater stellt ihm das Wasser an.
Ich sitze am Küchentisch, vier Erwachsene und Johanns Bruder. Wir unterhalten uns, nur nebenbei sehe ich Johann vor mir an der Spüle. Dann geht ein Wahrnehmungs-Fenster auf, und ich sehe das Kind intensiv, bin konzentriert und schwinge ein: Johann nimmt den Lappen, wäscht hier etwas ab, stellt dort etwas um, Johann singt vor sich hin. Mir geht das Herz auf: dieser junge Mensch ist so ganz bei sich, in seiner Welt. Souverän, ohne Wenn und Aber: Johann wäscht ab.
Als ihm eine Tasse mit lautem Bums ins Becken fällt – da sehen alle kurz auf und sind dann wieder in ihrer Gesprächswelt – nicht in Johanns Welt. Da bin ich aber grade angekommen, und ich bin verblüfft, dass seine Mutter und sein Vaer ihn mit dem Wasser so rumhantieren lassen, die mögliche Überschwemmung lässt grüßen. Außerdem könnte die Tasse ja auch auf den Boden gefallen sein. Stress und Scherben am Abend.
Ich komme in unsere Erwachsenen-Gesprächswelt zurück: „Weiß Du eigentlich, was Johann grade macht?“ Ich will die Mutter behutsam auf das zu erwartende Ärgernis vorbereiten, sie sitzt mit dem Rücken zur Spüle. Aber sie sagt nur kurz und völlig selbstverständlich: „Der spielt." Da bin ich sprachlos und zum zweiten Mal heute Abend fasziniert: Ich dachte, die Mutter ist dankbar für meinen Hinweis, steht jetzt auf und kümmert sich um mögliche Scherben und Pfützen. Aber nein!
Sie hat ihr Kind nicht ausgeblendet, während wir reden. Sie weiß genau, wo er ist, was er macht und wie er unterwegs ist: „Der spielt.“ Aha – der spielt! Ja, klar doch, irgendwie völlig klar doch. Wasserpfützen, Scherben? Ganz verkehrte Welt! „Der spielt."

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