»Mein Sohn will beim Fahrradfahren keinen Helm aufsetzen. Nach endlosem Gezerre fährt er jetzt ohne. Eigentlich will ich das nicht.«
Mir geht sofort durch den Kopf: Klare Kante zeigen, ohne Helm kein Rad, und Punkt. Wo ist da das Problem?
Strafen, Belohnungen: Es hat alles nichts genützt. Sie lässt ihn jetzt ohne Helm fahren. Mit unguten Gefühlen. »Da ist er für sich selbst verantwortlich.« Na ja, das ist er wirklich, wie jeder Mensch. Aber sie ist in Not, hat Angst, dass etwas passieren könnte, was mit Helm eben nicht passieren würde. Sie will ihm das Radfahren nicht verbieten. Alle seine Kumpel fahren ohne Helm. Helm ist bei diesen Zehnjährigen uncool. Sie ist nicht glücklich mit ihrem Kind.
Wie gehen wir mit der Sorge um den anderen um? So etwas nagt und soll verschwinden. Aber was kann helfen? Ich habe ihr gesagt, dass sie sich keine Vorwürfe machen muss, wenn etwas passiert. »Sie haben sich bemüht. Mehr geht grad nicht. Wir können nicht alles erreichen, was wir wollen. Auch nicht im Umgang mit den Kindern.«
Neu für sie ist, sich selbst dabei ohne Vorwurf, schlechtes Gewissen, Schuldgefühl zu sehen, sehen zu können, sehen zu dürfen. »Aber ich könnte ihm das Radfahren verbieten. Dann passiert doch auch nichts.« Klar, könnte sie. Theoretisch. Diese Mutter aber nicht, sonst würde sie es ja getan haben. Sie wünscht sich etwas, was es nicht gibt: ihren Sohn mit Fahrradhelm.
Wir haben immer wieder unrealistische Wünsche an die anderen, die uns drängen und aus unserer Not kommen. Und wenn sie nicht erfüllt werden, geht es uns nicht gut. Was kann man tun? Es ist oft wie ein Schmerz, der sich nicht vermeiden lässt. Wenn das Messer ausrutscht und mir in den Finger fährt. Es tut höllisch weh, aber ich mache mir keinen Vorwurf. Ich verlasse mich nicht, lasse mich nicht im Stich. Ich bin nicht schuld. Ich habe mich bemüht, aber es sollte nicht sein. Das Messer ist nicht meinen Weg gegangen.
Sie hat dieses Kind, und es tut ihr weh, wenn es ohne Helm fährt. Der Messerschmerz klingt nach und nach ab. Der Helmschmerz klingt auch ab? Ja, wenn sie ihn nicht immer wieder aufs Neue erlebte, bei jeder Radrunde. Wenn sie es schaffte, ihr helmloses Kind als ihre Realität wahrzunehmen. Wenn. »Er ist so jemand, helmlos glücklich«, sage ich. »Sie haben dieses Kind und kein anderes.« Ich erzähle ihr ihre Wirklichkeit.
Sie verkämpft sich, bleibt im Unfrieden, will etwas, was es nicht gibt. Das sage ich ihr. Sagt ihr das etwas? Ich merke, dass sie anfängt, entspannter über diese Helmerei nachzudenken. Sie macht andere Bemerkungen als eben. Sie sieht das Szenario von einer anderen Perspektive. Und ich sage ihr zum Schluss noch etwas Handfestes. Dass es auch Studien gibt, die gezeigt haben: Kinder mit Helm haben oft ein überzogenes Sicherheitsgefühl und sind entsprechend leichtsinniger unterwegs. Da lächelt sie.
Aus meinem Buch "Kinder sind wunderbar!", S. 182 f

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