Sonntag, 23. April 2017

Schultrauma, II

      

Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird?


Fortsetzung des Posts vom 22.4.
Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

*

Zu den selbst erlittenen Herabsetzungen kommt das Miterleben der Demütigungen der Alterskameraden, Mitschüler, Freunde – in der Zusammenzählung eine unvorstellbare Menge an durchlittenem und angeschautem Leid. Die Menge dieses Leids wird zur Norm, zur Selbstverständlichkeit, zur erlebten Erfahrung und zum Wissen: »Schule ist eben so.« Ohne Alternative. Und das Gefühl dafür, wie es hätte sein können, sein müssen, wenn Menschen miteinander in gegenseitiger Achtung, Freundlichkeit und Offenheit umgehen, stumpft ab, wird dünner und zerbricht schließlich: »Schule ist eben so.«

Wenn es einem selbst passiert – das ist dann irgendwie normal, es passiert allen, jeden Tag, »und wenn es mich trifft, was ist dabei?« Was ist dabei? Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird? Wenn er sich nicht mehr selbst gehört? Wenn seine Würde zertreten und sein Wert verhöhnt werden? Wenn sich der Schmerz nicht mehr artikuliert, wenn er nicht einmal mehr als Grenzüberschreitung empfunden wird? »Schule ist eben so.« Welche Seele entwickelt sich dann? Wie tief wachsen solche Verletzungen nach innen? Wie wirken sich diese Verwachsungen später aus, in aktuellen Leidsituationen? In denen, die man selbst erfährt, und in denen, die man miterlebt? Und in denen, die man selbst hervorruft? Wie schultraumatisiert sind wir alle – wie schultraumatisiert ist die Gesellschaft – wie schultraumatisiert ist die heutige Zivilisation?

Demütigungen in der Schule unterscheiden sich erheblich von denen, die in der Familie erlebt werden. Eine Herabsetzung durch den Vater oder die Mutter ist stets nur eine persönliche Angelegenheit zwischen diesem Erwachsenen und diesem Kind. In der Schule ist die Herabsetzung durch den Lehrer Meier und die Lehrerin Müller zwar auch etwas Persönliches, das sie mit diesem Kind austragen, aber darüber hinaus geschieht diese Herabsetzung öffentlich, viele sehen zu, der Verlust des Gesichts ist unabwendbar und stets. Die Demütigung erfolgt durch einen Repräsentanten der Öffentlichkeit, der öffentlichen Macht, der Gesellschaft. Der Stachel der Erniedrigung und Beschämung sitzt tief in der Seele durch die öffentliche Schande, die das Schulkind erlebt
.
Das Überschreiten der psychischen Schamgrenze, an sich selbst erlebt oder bei anderen mit angesehen und mit erlitten, lässt Kinder zurück, die nicht nur in ihrem Selbstwertgefühl immer wieder demontiert werden, sondern die nach und nach das verlieren, was man Weltvertrauen nennt. Zu den bekannten Mechanismen, um solche Erlebnisse zu überstehen, gehört es, nicht den Angreifer, sondern sich selbst als Verursacher und Schuldigen für das Vorgefallene zu erleben. Die Kinder werden durch das Leid, das die Schule ihnen zufügt, in tiefe Schuldgefühle verstrickt. Sie geraten in das doppelte Unglück, einerseits Opfer zu sein mit all den abscheulichen Wirkungen – und andererseits sich selbst für diese ganze Peinlichkeit verantwortlich zu machen. Die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter verwischt, das Leid kann nicht mehr benannt werden, Sprachlosigkeit macht das Leid steinern und lastet schwer auf der Seele der Kinder.

Die Folgen sind für den einzelnen schwerwiegend genug und dauerhaft, da es weder in der Schulzeit noch in der späteren Erwachsenenzeit eine Aufarbeitung dieser Traumatisierung gibt. Doch sind diese Verletzungen nicht nur für den jeweils gedemütigten Menschen wirksam, sondern darüber hinaus auch dann, wenn den eigenen Kindern derartiges in ihrer Schulzeit widerfährt. Die aktuellen Schuldemütigungen der eigenen Kinder erinnern an die früher als Kind selbst erlittenen Erniedrigungen, die nicht geheilt sind und nun wachgerufen werden. Verschlossen geglaubte Türen zum eigenen Leid werden geöffnet, und der damals erlernte Mechanismus der Doppelbindung lebt auf. Die selbst erlebte Vermischung von Täter und Opfer wird wachgerufen und den eigenen Kindern vorgesetzt: »Geschieht dir recht!« oder »Daran wirst du nicht unschuldig sein!« Oder der Erwachsene empfindet ganz einfach Genugtuung, dass auch anderen – den eigenen Kindern – dieses widerfährt. Reaktionen, die den heutigen Kindern zur eigenen Last zusätzlich die Last ihrer Eltern aufbürden.

Aber wie sollten diese Eltern ihren Kindern auch helfen können? Gefangen im eigenen Leid haben die Eltern eigentlich keine wirkliche Möglichkeit, für ihre Kinder etwas zu tun. Die konkreten Demütigungen, die auch heute Tag für Tag von konkreten Personen in der Schule ausgehen, von Herrn Meier und von Frau Müller, lassen sich nicht vermeiden. Lehrer haben eine pädagogische Grundhaltung, im pädagogischen Bezug steht der Erwachsene als Zivilisationsbeauftragter oben, das Kind als zu zivilisierender Nachwuchs unten. Lehrer haben einen Auftrag – aus Kindern vollwertige Menschen zu machen –, und den müssen sie erfüllen. Und da »Lehrer auch Menschen sind«, werden sie sowohl ihre individuellen Charaktereigenschaften ausleben – und zwar auch die destruktiven – als auch in Belastungssituationen dafür sorgen, dass sie selbst nicht untergehen: und hierzu setzen sie letztlich Herrschaftsverhalten ein.

Es ist völlig illusorisch, sich dafür zu engagieren, dass die Demütigung des Kindes in der Schule verringert wird oder aufhört. Etwa indem man versucht, in konkreten Situationen Einfluss auf bestimmte Lehrer zu nehmen, oder indem die Lehrer in ihrer Ausbildung und Weiterbildung entsprechend sensibilisiert werden. Solange die Schule eine pädagogische Institution ist, enthält sie die strukturelle Herabsetzung des Kindes, und die in ihr arbeitenden Erwachsenen werden um ihrer eigenen Sicherheit willen die ihnen untergebenen Kinder immer wieder auch demütigen, demütigen müssen. Was aber lässt sich tun, wenn die Demütigungen der Kinder unabwendbar zum Alltag der Schule gehören? Wenn sich das Leid nicht verhindern lässt?

Fortsetzung folgt.
 


Kommentare:

  1. Hallo, Hubertus!

    Zitat:
    "Was aber lässt sich tun, wenn die Demütigungen der Kinder unabwendbar zum Alltag der Schule gehören? Wenn sich das Leid nicht verhindern lässt?"
    Zitat-Ende

    Nun, diese beiden "Was lässt sich tun?"-Fragen hatte ich mir vor langer Zeit auch gestellt und nach einer langen Suche nach Antworten für mich dann so beantwortet:
    Kein Kind aus dem Paradies holen = kein Kind zeugen.
    LG HaJo51

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  2. und was die schon ins irdische leben " geholten " kinder betrifft ???

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    1. Gucken wie es den kindern denn geht damit, wenn man es wissen möchte..und sich illusorischer weise engagieren_für sich selbst, wenn man es denn will und kann..in jeweils für einen selbst machbaren sinnvollen Rahmen..so mach ich es.. mit vielleicht dem Nebeneffekt, dass mein kind mitkriegt, dass in der Schule stattfindende Sachen nichts sind, was irgendwas tatsächliches aussagen oder eine tatsächliche Wichtigkeit besitzen. Darüber hinaus bevorzuge ich selbst es, ihn nicht permanent mit meinen angst_es_passiert_schlimmes ideen zu konfrontieren.. kann man auch alles ganz anders machen..und verändert sich bei mir auch immer mal wieder.

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    2. Servus, christa!

      Zitat:
      "und was die schon ins irdische leben " geholten " kinder betrifft ???"
      Zitat-Ende

      Wegen meiner körperlichen Handicaps (zunemende Seh- u. Hör-Behinderung; Bandscheiben kaputt) habe ich nur noch sehr selten Kontakt mit jungen Menschen.

      Und wenn ich mal bei meiner (pädagogisch ambitionierten) Schwester zu Besuch bin und ihre Enkel sind da (und deren pädagogisch ambitionierte Mutter auch), dann bekomme ich stets Gelegenheiten, mir die Richtigkeit meiner "Keinen Mensch zeugen"-Entscheidung zu bestätigen.

      Ansonsten:
      Wenn irgendein junger Mensch mich als "Hilfe zur Selbsthilfe" benötigt, wird dieser mich wohl ansprechen, vermute ich mal.
      Und ich werde es ebenso machen.
      LG HaJo51

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    3. hi hajo ... ich würd mich ja wirklich gerne mit dir in einem hin und herfliessenden persönlichen gespräch austauschen ... um das gemeinsame zu erleben und hervorzuheben ... na ja schau ma moi ... ich halts mit james bond : sag niemals nie ;-) ... alles liebe christa

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    4. Servus, christa!

      Zitat:
      "hi hajo ... ich würd mich ja wirklich gerne mit dir in einem hin und herfliessenden persönlichen gespräch austauschen ..."
      Zitat-Ende

      Ich habe keine Ahnung, was du mit "hin und herfliessenden persönlichen gespräch" meinst.
      Denn mir ist nicht bekannt, dass bei einem persönlichen Gespräch (z. B. eines, dass während einer leibhaftigen Begegnung stattfindet) etwas hin und her fließt.
      Wenn dabei etwas fließt, dann wohl vermutlich etliche (von der einen Person ausgeatmete) Luft-Moleküle, die die andere Person dann beim nächsten Einatmen "aufschnappt"!?

      Zitat:
      "um das gemeinsame zu erleben und hervorzuheben ..."
      Zitat-Ende

      Gemeinsam von uns beiden Erlebtes (also während einer leibhaftigen Begegnung stattfindendes) wird es – bis auf Weiteres – nicht geben.
      Denn wegen meiner starken Seh-Behinderung ist mittlerweile meine Wahrnehmungsfähigkeit stark eingeschränkt und deswegen würde mir eine leibhaftige Begegnung mit dir zurzeit keinen Spaß machen.

      Thema 'James Bond':
      Die James Bond-Filme finde ich doof.
      Ich finde die damalige "Jerry Cotton"-TV-Serie besser ... weil Jerry Cotton ein schöneres Auto fuhr (Jaguar E-Type)! *schwärm*
      LG HaJo51

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    5. wie schön ... es gibt ja doch übereinstimmungen ... https://www.youtube.com/watch?v=91ei9VwN-4c ... da kommt freude auf auch in mir ;-) .. noch dazu in british racing green ...

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    6. Zitat (christa schrieb):
      "es gibt ja doch übereinstimmungen ... "
      Zitat-Ende

      Hmm, nicht ganz, christa! *flöt*
      Weil ...
      ich "fahr" mehr auf die Coupé- u. Hardtop-Variante in Rot-Metallic "ab". *ganzdollkopfnick*

      Den YT-Videoclip habe ich mir vorhin erstmal ohne Ton abspielen lassen, aber nachher schließe ich mal meine PC-Boxen an und dann ...
      LG HaJo51

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  3. danke mama mia ... da ich selbst keine enkerl habe und die grossneffen und nichten auch nur selten sehe sind meine erfahrungen ja " geschichte " ... ausser ich geh runter in den park vor dem heim ..

    ich fühle ja immer wieder diese resonanz mit dir und daher freu ich sehr dass du von dir berichtest ...

    dass du dir die freiheit zugestehst alles jederzeit auch wieder anders zu machen als bisher find ich wunderbar denn ... und nun kommt eine aussage die wirklich wirklich auf meiner erfahrung basiert : es passiert NICHTS wirklich wirklich schlimmes ! nicht einmals ein schlaganfall ein behindertes kind eine krebsdiagnose ... und und und ...
    ANGST ist die wirklich wirkliche illusion !
    für mich ist es genau SO einfach !
    allerdings ist es wirklich nicht immer leicht ;-) ... auch für mich ;-)

    alles liebe
    christa

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  4. ... wenn es allerdings geschieht dass ich die spielerische qualität in all meinen illusionen fühle dann ist s ... tja und jetzt hab ich wieder kein wort was das ausdrückt .. und daher würd ich dir gerne jetzt in die augen schauen können denn in unserer wechselseitigen widerspiegelung ist s sichtbar ... und daher wahr ...

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