Montag, 26. Januar 2026

Ein Baum macht so etwas nicht

 


Wir wohnten im Wald, bis ich zehn war. Zur Schule waren es etwa 45 Minuten zu Fuß, die erste Hälfte des Schulwegs ging durch den Wald. Ich war umgeben von Natur, Waldwesen. Mit meinen Geschwistern und meinen Freunden spielte ich dauernd im Wald. Er war unsere Welt, wir waren unter uns.

Der Wald – er findet statt. Alles dort ist voller Souveränität, und unsere Kinder-Souveränität war in direkter Resonanz. Bäume, Sträucher, Gräser, Blumen, Waldtiere haben keine pädagogische Haltung, sie erziehen nicht. Unsere Beziehungen Kind-Natur und Natur-Kind waren gleichwertig. Wenn wir uns beim Spielen weh taten, wenn ein Ast brach und wir runterfielen, dann gab es keinen Vorwurf und keine Schuldzuweisung. Kein »Kannst Du nicht aufpassen?!« – ein Baum macht so etwas nicht. Er nimmt mir nicht die Würde. 

 


Montag, 19. Januar 2026

Gehört zu den Edelsteinen

 

 

 

Es ist nachts, ich sehe einen Film. „Ich glaube an Dich“, sagt sie zu ihm. Ich halte an. Meine Aufmerksamkeit verlässt den Film. Was ist mit den beiden?

Ich übersetze die Szene aus der Film- und Drehbuchwelt ins Leben, nehme es jetzt für bare Münze und höre in die Wahrheit eines solchen Satzes. Einer solchen Botschaft. Sie liebt ihn – und glaubt an ihn. Das ist von Mensch zu Mensch, von Person zu Person. Das kommt von ganz innen. Vertrauen, Mich-Trauen. Der Rest der Welt wird unwichtig. Nur wir beide: Ich und Du, Du und Ich.

Kann man an andere Menschen glauben? Ist das eine verrutschte Wahrnehmung? Gehört Glauben nicht zu Kirche und Religion? Kann Glauben ein Menschending sein, etwas, das unter Menschen richtig ist? Glaube ich an mein Kind? Wieso denn nicht? An mein Auto? Daneben? An den Lauf der Erde um die Sonne? An mich? An ein gutes Ende? An Konstruktivität und Liebe als Grund aller Dinge?

Mein Nachdenken ufert aus und läuft etwas aus dem Ruder. Es ist ja auch egal, an wen ich glaube. Wen geht das etwas an? Warum sollte ich nicht an die Menschen glauben, die ich liebe? „Glaube“ hat einen sehr eindeutigen Geschmack. Aber in ihrem „Ich glaube an Dich“ steckt viel: die Tiefe, die Wahrheit, das Öffnen, die Zuversicht, die Sicherheit, die Freude, das Glück. Ich habe ihren Satz gehört. Wem habe ich das jemals gesagt? Wenn mir jemand sagen würde „Ich glaube an Dich“ – das wäre ein fremdvertrauter Gruß, schnörkellose Urkraft, endlose Verlässlichkeit, Einverständnis im Unendlichen.

Natürlich doch – wir können uns einander hingeben und aneinander glauben. Das ist einfach beseelend und machtvoll. Mehr muss es nicht sein ... Ich wache aus meiner Nähe zu mir selbst auf und der Film kommt wieder bei mir an. „Ich glaube an Dich“ gehört zu den Edelsteinen aus der Liebesschatztruhe. Ich bin berührt von dieser Schlichtheit und Klarheit: In der Liebe glauben die Menschen aneinander.



 


Montag, 12. Januar 2026

Ob ich die Sehhilfe für den anderen finde

 


Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn seinen Kleinen Führerschein machen will. Er musste zum Sehtest, und es wurde eine starke Sehschwäche festgestellt. Jetzt muss er eine Brille tragen, eine starke, und kann gut sehen. Ihr Sohn ist 15 Jahre alt – und sieht zum ersten Mal in seinem Leben die Welt so, wie sie ist. So wie wir sie sehen, klar und deutlich. Er ist fasziniert und überwältigt.

Mich hat das richtig angefasst. Da ist ein Kind – und seine Eltern bekommen nicht mit, dass er die Welt nur verschwommen wahrnimmt. Klar, er hat dadurch eine ganz andere Welt erlebt, was auch seinen Wert hat. Aber bitteschön: das kann es doch nicht sein! Und nur durch so einen äußeren Umstand kommt es, dass er richtig sieht.

Es passiert immer wieder, dass wir nicht bemerken, was mit den anderen ist. Dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ich denke nicht schlecht über seine Mutter, aber ein „Wie kann denn so etwas passieren?“ ist schon da. Nur: Wie viele Beschwer meiner Kinder habe ich nicht bemerkt? Keine Ahnung. Ich wünsche mir aber, dass ich sie alle bemerkt hätte und noch bemerken werde und dafür sorgen kann, dass sie gehen, diese Beschwernisse.

Und wenn ein Beschwer direkt mit mir zu tun hat? Wenn die Menschen um mich herum beschwert sind durch etwas, das von mir verursacht wird? Nicht von einem Augenfehler oder anderem Umstand, sondern von mir, meiner Art, meinem Tun, einem Wort oder Satz? Dann wünsche ich auch, dass ich sie auflösen kann – die Beschwernisse und das Leid, das sie enthalten.

Aber wie schwer wird das dann für mich? Kann ich meine Art ändern, damit andere nicht von mir beschwert sind? Meine Worte anders wählen? Sätze anders sagen? Dieses unterlassen, anderes tun?

Wie viel soll/will/werde ich von mir aufgeben, damit es den anderen gutgeht? Wenn sie durch mich trüb werden, wieviel operiere ich da von mir weg, damit sie wieder hell werden? Ich bin kein fehlerhaftes Auge, das zu operieren oder zu brillisieren ist. Ich bin ein Ebenbild Gottes und ich liebe mich. Dennoch aber kann und wird es sein, dass andere an mir leiden.

Muss ich mich ändern für das Glück der anderen? Oder ist es besser, ihnen zu helfen, mich anders zu sehen, auf dass sie nicht mehr an mir leiden? Woher kommt ihre trübe Sicht auf mich? Kann man mich nicht dauernd hellsehen? Hat ihr trüber Sinn mit mir oder mit ihnen selbst zu tun?

Ich werde rasch zum beflissenen Selbstveränderer, wenn an mich heranschwappt „Wegen Dir geht es mir schlecht!“. Aber das ist nur die erste Reaktion. Dann besinne ich mich darauf, dass ich wie jeder Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches Leid ausgehen kann. Sondern dass das Leiden an mir die Erfahrung der anderen ist.

Es ist ja nicht so, dass ich solche Beschwernisse nicht zu würdigen weiß. Und ich kann – k
ann – auch helfen, dass sie sich auflösen und die Leidwunden heilen. Nur: nicht über die Maßen. Nicht so, dass mein Würdegefühl dabei weniger wird. Ich stehe zu mir, meinen Taten und Worten, und schau mal, ob ich helfen kann. Ob ich die Sehhilfe für den anderen finde, mit der er mich wieder lieben kann. Oder ob ich mich ändere – weil ich das so will und es dem anderen dann gut geht und mich sein Lächeln glücklich macht.

 

Montag, 5. Januar 2026

Silvesterpause

 

 

Am Ende des alten und zu Beginn des neuen Jahres komme ich nicht dazu, etwas zu schreiben. Den nächsten Post gibt es wieder am 12. Januar. Habt alle ein wunderschönes neues Jahr!