Eine Mutter berichtet,
dass ihr Sohn seinen Kleinen Führerschein machen will. Er musste zum
Sehtest, und es wurde eine starke Sehschwäche festgestellt. Jetzt
muss er eine Brille tragen, eine starke, und kann gut sehen. Ihr Sohn
ist 15 Jahre alt – und sieht zum ersten Mal in seinem Leben die Welt
so, wie sie ist. So wie wir sie sehen, klar und deutlich. Er ist
fasziniert und überwältigt.
Mich hat das richtig angefasst.
Da ist ein Kind – und seine Eltern bekommen nicht mit, dass er die
Welt nur verschwommen wahrnimmt. Klar, er hat dadurch eine
ganz andere Welt erlebt, was auch seinen Wert hat. Aber
bitteschön: das kann es doch nicht sein! Und nur durch so einen
äußeren Umstand kommt es, dass er richtig sieht.
Es passiert
immer wieder, dass wir nicht bemerken, was mit den anderen ist. Dass
etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ich denke nicht schlecht über
seine Mutter, aber ein „Wie kann denn so etwas passieren?“ ist
schon da. Nur: Wie viele Beschwer meiner Kinder habe ich nicht
bemerkt? Keine Ahnung. Ich wünsche mir aber, dass ich sie alle
bemerkt hätte und noch bemerken werde und dafür sorgen kann, dass
sie gehen, diese Beschwernisse.
Und wenn ein Beschwer direkt
mit mir zu tun hat? Wenn die Menschen um mich herum beschwert sind
durch etwas, das von mir verursacht wird? Nicht von einem Augenfehler
oder anderem Umstand, sondern von mir, meiner Art, meinem Tun, einem
Wort oder Satz? Dann wünsche ich auch, dass ich sie auflösen kann –
die Beschwernisse und das
Leid, das sie enthalten.
Aber wie schwer wird das dann für
mich? Kann ich meine Art ändern, damit andere nicht von mir
beschwert sind? Meine Worte anders wählen? Sätze anders sagen?
Dieses unterlassen, anderes tun?
Wie viel soll/will/werde ich
von mir aufgeben, damit es den anderen gutgeht? Wenn sie durch mich
trüb werden, wieviel operiere ich da von mir weg, damit sie
wieder hell werden? Ich bin kein fehlerhaftes Auge, das zu
operieren oder zu brillisieren ist. Ich bin ein Ebenbild Gottes und
ich liebe mich. Dennoch aber kann und wird es sein, dass andere an
mir leiden.
Muss ich mich ändern für das Glück der anderen?
Oder ist es besser, ihnen zu helfen, mich anders zu sehen, auf dass
sie nicht mehr an mir leiden? Woher kommt ihre trübe Sicht auf mich?
Kann man mich nicht dauernd hellsehen? Hat ihr trüber Sinn mit mir
oder mit ihnen selbst zu tun?
Ich werde rasch zum beflissenen
Selbstveränderer, wenn an mich heranschwappt „Wegen Dir geht es
mir schlecht!“. Aber das ist nur die erste Reaktion. Dann besinne
ich mich darauf, dass ich wie jeder Mensch Liebe bin und dass von mir
kein wirkliches Leid ausgehen kann. Sondern dass das Leiden an mir
die Erfahrung der anderen ist.
Es ist ja nicht so, dass ich
solche Beschwernisse nicht zu würdigen weiß. Und ich kann – kann
– auch helfen, dass sie sich auflösen und
die Leidwunden heilen. Nur: nicht über die Maßen. Nicht so, dass
mein Würdegefühl dabei weniger wird. Ich stehe zu mir, meinen Taten
und Worten, und schau mal, ob ich helfen kann. Ob ich die Sehhilfe
für den anderen finde, mit der er mich wieder lieben kann. Oder ob
ich mich ändere – weil ich das so will und es dem anderen dann gut
geht und mich sein Lächeln glücklich macht.

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