Montag, 12. Januar 2026

Ob ich die Sehhilfe für den anderen finde

 


Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn seinen Kleinen Führerschein machen will. Er musste zum Sehtest, und es wurde eine starke Sehschwäche festgestellt. Jetzt muss er eine Brille tragen, eine starke, und kann gut sehen. Ihr Sohn ist 15 Jahre alt – und sieht zum ersten Mal in seinem Leben die Welt so, wie sie ist. So wie wir sie sehen, klar und deutlich. Er ist fasziniert und überwältigt.

Mich hat das richtig angefasst. Da ist ein Kind – und seine Eltern bekommen nicht mit, dass er die Welt nur verschwommen wahrnimmt. Klar, er hat dadurch eine ganz andere Welt erlebt, was auch seinen Wert hat. Aber bitteschön: das kann es doch nicht sein! Und nur durch so einen äußeren Umstand kommt es, dass er richtig sieht.

Es passiert immer wieder, dass wir nicht bemerken, was mit den anderen ist. Dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Ich denke nicht schlecht über seine Mutter, aber ein „Wie kann denn so etwas passieren?“ ist schon da. Nur: Wie viele Beschwer meiner Kinder habe ich nicht bemerkt? Keine Ahnung. Ich wünsche mir aber, dass ich sie alle bemerkt hätte und noch bemerken werde und dafür sorgen kann, dass sie gehen, diese Beschwernisse.

Und wenn ein Beschwer direkt mit mir zu tun hat? Wenn die Menschen um mich herum beschwert sind durch etwas, das von mir verursacht wird? Nicht von einem Augenfehler oder anderem Umstand, sondern von mir, meiner Art, meinem Tun, einem Wort oder Satz? Dann wünsche ich auch, dass ich sie auflösen kann – die Beschwernisse und das Leid, das sie enthalten.

Aber wie schwer wird das dann für mich? Kann ich meine Art ändern, damit andere nicht von mir beschwert sind? Meine Worte anders wählen? Sätze anders sagen? Dieses unterlassen, anderes tun?

Wie viel soll/will/werde ich von mir aufgeben, damit es den anderen gutgeht? Wenn sie durch mich trüb werden, wieviel operiere ich da von mir weg, damit sie wieder hell werden? Ich bin kein fehlerhaftes Auge, das zu operieren oder zu brillisieren ist. Ich bin ein Ebenbild Gottes und ich liebe mich. Dennoch aber kann und wird es sein, dass andere an mir leiden.

Muss ich mich ändern für das Glück der anderen? Oder ist es besser, ihnen zu helfen, mich anders zu sehen, auf dass sie nicht mehr an mir leiden? Woher kommt ihre trübe Sicht auf mich? Kann man mich nicht dauernd hellsehen? Hat ihr trüber Sinn mit mir oder mit ihnen selbst zu tun?

Ich werde rasch zum beflissenen Selbstveränderer, wenn an mich heranschwappt „Wegen Dir geht es mir schlecht!“. Aber das ist nur die erste Reaktion. Dann besinne ich mich darauf, dass ich wie jeder Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches Leid ausgehen kann. Sondern dass das Leiden an mir die Erfahrung der anderen ist.

Es ist ja nicht so, dass ich solche Beschwernisse nicht zu würdigen weiß. Und ich kann – k
ann – auch helfen, dass sie sich auflösen und die Leidwunden heilen. Nur: nicht über die Maßen. Nicht so, dass mein Würdegefühl dabei weniger wird. Ich stehe zu mir, meinen Taten und Worten, und schau mal, ob ich helfen kann. Ob ich die Sehhilfe für den anderen finde, mit der er mich wieder lieben kann. Oder ob ich mich ändere – weil ich das so will und es dem anderen dann gut geht und mich sein Lächeln glücklich macht.

 

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