Montag, 13. Mai 2019

Barbie-Krone







"Meine Tochter ist drei, und sie will partout nicht ihre Barbie-Puppe abends wegräumen. Ich habe es mit allem Möglichen versucht, aber sie tuts einfach nicht. Wie kann ich es schaffen, dass sie die Puppe wegräumt?"

Ein Alltagsproblem, Standard. Das Kind tut nicht, was die Mutter will. Ich sehe die Mutter an und nehm die Problematik grundsätzlich auf. Nicht auf der Ebene, dass man die Kinder zwingt, etwas zu tun. Obwohl das ja auch interessant genug ist. Wie zwinge ich einen anderen Menschen, das zu tun, was ich will? Die guten Worte und Kompromisse, klar, werden erst versucht. Aber wenn das Gute/Freundliche/Sanfte/Rücksichtsnehmige/Usw nichts bringt: Dann kann ich verzichten oder eben "mich durchsetzen", wie das so schön heißt. Mit den Mitteln und Mittelchen, die mir dazu einfallen.

Mir geht es jetzt aber nicht um die Äußere Welt, also die Handlungsebene, wo man "sich durchsetzt", sondern um die Innere Welt, die Seelenebene. Denn dort ist die Mutter unterwegs und weiß nicht weiter, hat sich verkämpft. "Das kann doch nicht so schwer sein, eben die Puppe ins Regal zu stellen" - tausend gute Worte, tausend böse Worte: nichts hilft. Ich soll helfen. "Was soll ich tun, damit sie wegräumt, Herr von Schoenebeck?"

Innere Welt: Jeder gehört sich da selbst, auch ein Kind, auch diese Tochter. Das kann man anders sehen, und es wird ja auch im - pädagogischen - Umgang mit Kindern anders gesehen. Da sollen die Kinder innerlich, seelenmäßig so sein, wie die Erwachsenen das gern hätten: einsichtig, innerlich folgsam (damit sich daraus dann die Handlungsfolgsamkeit ergibt), brav nennt man das. Wenn ein Kind sich da querlegt, nennt man das ungezogen. Was ja gar nicht geht, Trotz heißt und ausgetrieben werden muss. Die Mutter ist bei ihrer Teufelsaustreiberei gescheitert: Das Mädel denkt - denkt! seelenmäßig - gar nicht daran, die Puppe wegzuräumen. Sie hat ihre eigene Denke, eigene Sicht von den Dingen, und die heißt: Ichräumnichtweg.

Die Mutter will, dass ich ihr den Zauberspruch verrate, mit dem sie ihr Kind vom Trotzdämon befreien kann. Auf dass ihre Tochter wieder lieb ist. Und dann tut, was doch so einfach ist: die Barbie ins Regal stellen. Liebe Leute! Diese ganze Teufelsaustreiberei ist zwar das Grundelement des traditionellen (pädagogischen) Umgangs mit den Kindern. Und da gibts Pülverchen und Mittelchen und Tipps und Bücher und Seminare und Experten. Aber von der Art bin ich eben nicht. Dafür hält die Mutter mich aber, und deswegen erwartet sie auch einen entsprechenden Pülverchenrat.

Ich mach nun keine große Theorie mit ihr. Ich sage ihr einfach, was ich davon halte, und denk, da wird schon was überkommen. "Lassen Sie das Kind in Ruhe, Ihre Tochter will halt nicht. Was wollen Sie? Schon klar, Sie wollen, dass die Puppe ins Regal kommt. Wo ist das Problem? Sie machen den kleinen Handgriff einfach selbst." Ich krieg schon mit, dass die Mutter jetzt das Abendland den Bach runtergehen sieht. "Aber..." Bevor ich sie weiterreden lasse, was heißt: die pädagogische Anderswelt sich ausbreiten lasse, zeig ich ihr etwas von meiner Welt:

"Sie lieben doch ihre Tochter. Sie ist grad nicht im Club der Barbiewegräumerinnen. Heute nicht, mal sehen, was morgen ist. Wenn Sie darangehen, dass sie sich ändern soll, und zwar innerlich ändern soll, was einsehen soll, dann wischen Sie Ihrer Tochter die Königskrone vom Kopf. Denn so, wie das Mädel grade ist, lieben Sie es nicht mehr, Sie sind im Groll mit ihr. Das ist doch ein viel zu hoher Preis. Ja, Sie sind nicht begeistert, aber machen Sie nicht so ein großes Fass auf. Sie müssen die Seele Ihrer Tochter nicht retten, die ist nicht in Gefahr. Ihr Kind will nur, nur! grad mal einen anderen Weg gehen als Sie. Ich finde es nicht richtig, den Willen von Kindern zu brechen, auch nicht auf die ausgeklüngelte "einfühlsame und achtsame" Art. Das ist doch einfach unwürdig. Tun Sie, was Sie tun müssen, auch stinkautoritär wenns nicht anders geht, aber lassen Sie das innere Königtum Ihrer Tochter dabei in Ruhe."

Und weil sie das nicht versteht, was ich da meine, erklär ich das mit den zwei Ebenen und komme zum Indianer und dem Büffel: Er wird getötet - aber mit Achtung. Der Büffel stirbt nicht würdelos. "Ich kann mein Kind also zwingen, wenn es sein muss - aber es darf seinen Willen behalten?" "Ja", sage ich, "lassen Sie sich nichts bieten. Aber lassen Sie die Seele Ihrer Tochter dabei in Ruhe." Die Mutter sieht mich nachdenklich an.

Ich bin inzwischen schon weitergewandert, sehe Partnerschaftsprobleme, politische Probleme, ach, all die ganzen Weltprobleme vor mir: Handeln, ja klar, dann verliert die eine Seite. Einer setzt sich durch. Herabsetzen dabei? Ganz sicher nicht. Gilt für alles, vom Klima über Atom über Ausbeutung über Mord und Totschlag: Ich weiß, was ich will und setze mich ein und setze mich durch (wenns denn klappt) - aber die Krone wische ich dem anderen dabei nicht vom Kopf. Auch keinem Barbiepuppenkind.


Kommentare:

  1. Moin, Hubertus!

    Zitat:
    "Und weil sie das nicht versteht, was ich da meine, erklär ich das mit den zwei Ebenen und komme zum Indianer und dem Büffel: Er wird getötet - aber mit Achtung. Der Büffel stirbt nicht würdelos. "Ich kann mein Kind also zwingen, wenn es sein muss - aber es darf seinen Willen behalten?" "Ja", sage ich, "lassen Sie sich nichts bieten. Aber lassen Sie die Seele Ihrer Tochter dabei in Ruhe." Die Mutter sieht mich nachdenklich an."
    Zitat-Ende

    Auch ich verstehe deine "Indianer und Büffel"-Erklärung immer noch nicht.
    Zumal mir deine "Er wird getötet - aber mit Achtung"-Denke auch viel zu abstrus ist.

    Aus meiner Sicht kann ein Mensch ein anderes Lebewesen (z. B. einen Büffel) nicht achtungsvoll töten. Denn durch das Töten an sich wird die vermeintliche Seele des getöteten Lebewesens nicht in Ruhe gelassen, sondern wird (z. B. vom Indianer) missachtet.

    Gruß von HaJo51

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  2. Lieber HaJo51, der Dank für das, was wir essen - mithin das, was wir vorher getötet haben, also zum Beispiel den Büffel - gehört zu der (guten) Tradition, um die es mir hier geht. "Ich danke Dir für Dein Fleisch", sagt der Indianer. Das ist keine Missachtung und kein Zynismus. Was ja auch ganz anders sein könnte: "Was ist schon ein Tier..." Die Achtung vor dem, was wir zum Essen töten, ist ja auch kultureller Standard. Vielleicht kennst Du den Aphorismus von Christian Morgenstern, der von vielen Familien vor Tisch gesprochen wird: "Erde, die uns dies gebracht, Sonne, die es reif gemacht: Liebe Sonne, liebe Erde, euer nie vergessen werde!" Abstrus ist das nicht.

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    1. Hallo, amicationtoday!

      Vorweg: Ist 'amicationtoday' nun dein (neuer) Benutzername hier im Blog, Hubertus?

      Ich resümiere dann mal für mich:
      Bezüglich dem Begriff 'Seele' haben wir beide offensichtlich unterschiedliche Auffassungen.

      Nein, den von dir erwähnten (von Christian Morgenstern stammenden) Aphorismus kannte ich bisher nicht.

      Gruß von HaJo51

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  3. " ... Aus meiner Sicht kann ein Mensch ein anderes Lebewesen (z. B. einen Büffel) nicht achtungsvoll töten..."

    für mich ist eine " es wird getötet - aber mit achtung - denke" eine "denke aus einer " anders-als-gewohnt-denke-welt" ) ...

    eine "denke" die m/eine haltung ausdrückt die von den wahrhaftigsten "quellen meiner seele" belebt wird ... und diese quellen entspringen wie s mir scheint einem "ort" jenseits des noch allgemeinüblichen "entweder-oder-denkens "


    und in dieser "qualität" ist mir töten mit ACHTUNG sehr wohl möglich hajo ... ACHTUNG als ausdruck bewussten an-erkennens der einzigartigkeit und freiheit anderer lebensformen und ihrer seinsweisen ... jenseits von moralisch-ethischen vorstellungen und/oder sonstigen entweder/oder beschränkungen ...

    be-ACHTUNG einer möglichen auch scheinbar paradoxen wirklichkeit ... will ich das ?

    JA

    und überhaupt : ich töte jeden augenblick hajo ... meist unbewusst ... sogar beim atmen :-) ... und/oder beim lesen eines buches ... ( mussten für das papier nicht auch lebende bäume getötet werden ? )

    zu leben ohne "die seele des lebens" in ihrer ruhe zu "stören" ... also "ohne-seelen-berührt-sein" zu leben ist mir nur mehr möglich wenn ich diese qualität meines daseins mehr oder weniger bewusst ausblende ..

    stört mich das ? find ichs schön ? stört mich dass ich was schön find das mich stört ? find ich schön dass mich was stört das ich schön finde ? stört mich dass mich was stört was mich stört ? ........

    was will ich wirklich wirklich ?

    bewusst SEIN oder nicht? LIEBE oder nicht ?

    IN lIEBE SEIN

    und töten ? ... sterben lassen ... ?

    JA .. auch das ist .. mir .. möglich





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  4. JA ... DANKBARKEIT ...

    DANKBARSEIN !

    danke hubi für s erinnern an diese qualität !!!

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  5. und DANKE hajo für deinen kommentar der mich fühlen liess was ich beim lesen und auch beim dir-antworten fühlte ...

    letztendlich liebevolle verbundenheit ..

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  6. Die Mutter möchte so wie ich es gelesen habe, nicht irgend eine innere Unterwerfung des kindes sondern nur, dass die barbie weggeräumt wird.. egal wie..grad wenn Eltern rummotzen u schimpfen ist es den Kindern übrigens viel häufiger möglich innerlich unbeschadet das zu machen was die blöden Eltern wollen..weil soe sich innerlich abgrenzen können.. ich hätte der Mutter geraten, wenn es ihr wichtig ist, dass sie barbie weggeräumt wird, sich so lange neben das kind zu stellen u es aufzufordern die barbie wegzuräumen bis es dad kind (genervt) macht.. oder sie keine Lust mehr dazu hat

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    1. Zitat:
      "ich hätte der Mutter geraten, (.....) oder sie keine Lust mehr dazu hat"
      Zitat-Ende

      Ich hätte der betreffenden Mutter überhaupt keinen Rat gegeben.

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    2. @ anonym

      " ..weil soe sich innerlich abgrenzen können.. "


      .. dass kinder sich innerlich abgrenzen können weisst du ?? ... weisst du das wirklich wirklich ? ...

      und wenn dem nicht so ist ?


      diese SELBSTverständlichkeit mit der du diese fähigkeit der kinder in den raum stellst und dadurch auch von dir erzählst berührt mich .. denn da schwingt für mich eine art urvertrauen in das leben mit .. eine seinsqualität die mir immer wieder mal entgleitet und manchmal sogar gänzlich verloren scheint ..

      JA .. das kind das ich einmal war konnte sich innerlich abgrenzen .. und hat es auch getan .. zuviel ? zuwenig ? goldrichtig ? garnicht ?
      das individuelle mass dieser art abgrenzung zu bestimmen war und ist immer noch meine verANTWORTung .. und mit zunehmendem alter nutze ich diese gabe immer bewusster ... und erlebe grad sehr herausfordernde zeiten des innerlichen klärens und mich in meinem äusseren handeln bzw. nichthandeln und kompromisslos der "welt" zumuten bzw. von der welt abschotten ..

      DANKE anonym für diese gelegenheit mich zu erinnern und auch im aussen zu zeigen .. als die die ich bin und sein will .. jetzt ... ;-)

      alles liebe

      christa

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  7. Wenn ich, Hubertus, etwas kommentiere, wird das jetzt mit "amicationtoday" ausgewiesen.

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  8. Hubertus von Schoenebeck15. Mai 2019 um 01:42

    Ich versuch mal, ob ich mit meinem Namen ausgewiesen werde.

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  9. Hubertus von Schoenebeck15. Mai 2019 um 01:44

    Es klappt, ich muss jetzt jedesmal meinen Namen neu eingeben, aber kein Problem

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  10. schade dass es kein verständigtwerden in diesem blog gibt wenn eine antwort auf einen kommentar gepostet wurde :-( ... oder gibt es das doch ?
    andrerseits ist das gleich wieder eine möglichkeit zu vertrauen dass die antworten die mich finden die antworten sind die für mich bestimmt und bedeutsam sind .. und die welche von mir übersehen werden eben nicht ;-)

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  11. Hubertus von Schoenebeck17. Mai 2019 um 13:17

    Der Mutter ging es eindeutig darum, dass ihre Tochter mitzieht/einsieht/ihr folgt. Diese Attacke hatte sie gefahren, kam nur nicht zum Ziel und fragte mich um Rat, wie sie das - die Einsicht, sprich die innere Folgsamkeit bis Unterwerfung - hinkriegen kann. Sie hatte es doch mit so viel Verständnis und angesagter Einfühlsamkeit versucht ...
    Was dem Kind der Angrtiff auf seine Innere Welt ausgemacht hat? Weiß ich natürlich nicht. Aber da gibt es etliche Möglichkeiten, von daran wachsen über unbeschadet bis fix und fertig und traumatisiert.
    Etwas von mir: Ich habe mich damals immer sehr! zurückgezogen (hinter die sieben Berge sozusagen), mich nicht mehr gezeigt und war allein. Da gibts entsprechende gruselige Kinderfotos von mir. Und lerne jetzt, im Alter, dass ich da auch anders = offensiv, widersprechend, not amused mit ungehen kann, wenn mir einer krumm kommt. Auch zunächst mal ein inneres "das will ich nicht, ich find das blöd, was mit mir da passiert" erst mal als legitim denken/fühlen, und nicht sofort in das "ich versteh Dich / jeder aus seiner Sicht" des Gutmeinenden sausen. "Der kommt mir krumm" will ja auch erst mal gedacht sein und nicht sofort akzeptierend gesehen werden. Ich lerne, übel zu nehmen und zu grollen...(Könntes Du ja mal weitersinnen auf das, was Dein Körper Dir serviert, Christa). Und es gibt für mich ja dann auch die gutmenschelnde Tür, dass ich mich zu gegebener Zeit wieder entgrollen und Verständnis bis Verzeihen für den aufbringen kann, der mir (von mir so erlebtes) Übles tut. Die Sonne scheint auch dem Grollenden...Ich schreib in nächsten Post was dazu.

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  12. " ... Könntes Du ja mal weitersinnen auf das, was Dein Körper Dir serviert, Christa..."

    JA .. danke hubertus .. mach ich ;-) ...

    allerdings leichter gesagt als getan .. m/ein körper der sich wie in der eisernen jungfrau anfühlt serviert zur zeit nur hilferufe und wehklagen ...

    na dann :

    " guten morgen ! .. und falls wir uns nicht mehr sehen : guten tag ! guten abend ! und gute nacht ! hahahahahaha ... " jim carrey in die truman-show ...

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