Montag, 8. Juli 2019

"Damit niemand ihn leugnen kann" - Von Himmler zu Gauland







Ich lese in der Zeitung, dass wieder eine Zeitzeugin gestorben ist, die 101jährige Holocaust-Überlebende Henriette Cohen aus Frankreich. Der Tagesspiegel (27.6.): "Sie berichtete Jugendlichen von ihren Erfahrungen im Holocaust, 'damit niemand ihn leugnen kann.'"

Gaulands "Vogelschiss in der Geschichte" und der ganze braune AfD-Sumpf rumoren in mir. Mit den Kindern habe ich das Holocaust-Mahnmal in Berlin besucht. Auf einer Vortragsfahrt in Polen kam ich vor Jahren am Vernichtungslager Treblinka vorbei. Schindlers Liste. Klassenfahrt meines Sohns nach Auschwitz. Mein Großvater versteckte unter Lebensgefahr einen Juden in der Scheune, bekam für die Verweigerung des Hitlergrußes Gefängnis.

Will sagen: das alles ist ein Teil von mir, der durch Henriette Cohens Tod präsenter ist als sonst. Ich nehm mir Zeit, geh zum Bücherregal. "Der SS-Staat - Das System der Deutschen Konzentrationslager" von Eugen Kogon von 1946, ich schlage zufällig die Seite 159 auf:

   "Zum Abschluß dieses grauenvollen Kapitels sei noch das Bunker-Martyrium des Bekenntnispfarrers Schneider wiedergegeben, weil es die Zusammenarbeit Sommers (SS-Hauptscharführer) mit SS-Ärzten und die abgründige Heuchelei aufzeigt, die das System mit seiner Barbarei verband."

   "Im September 1937 wurde Pfarrer Schneider nach Buchenwald gebracht. Als er bei der damals eine Zeitlang üblichen Flaggenparade, das heißt dem täglichen Hissen der Nazifahne, nicht die Mütze abnahm, erhielt er sofort 25 Stockhiebe und wurde in den Bunker geworfen. Dort blieb er mehr als 18 Monate, bis er nach qualvollem Leiden endlich ermordet wurde... Bei jedem Öffnen von Sommer mit dem Ochsenziemer (Schlagwaffe, bis 100 cm lang und schwer) geschlagen wurde... Später war die Zelle ständig verdunkelt ... Am Boden stand das Wasser 5 cm hoch, die Wände waren völlig naß... Am ganzen Körper hatte er bis zu faustgroße Löcher von Schlägen. Die Wunden eiterten ständig, da er selbstverständlich kein Verbandszeug oder Ähnliches zum Behandeln erhielt. Es ist beinahe unfaßbar, daß ein Mensch ein derartiges Martyrium so lange aushalten konnte. Gerade das scheint Sommer  besonders gereizt zu haben. Er wollte ihn absolut nicht einfach töten, sondern einfach zu Tode quälen... Als es Sommer schließlich doch zu lange dauerte, gab er ihm eines Tages ein Herzlähmungsmittel in das Essen... wirke das Mittel nicht... Herzstärkungsmittel... gleichzeitig eiskalte Wickel, die so lange erneuert wurden, bis er einen Herzkollaps bekam und starb. Noch am Tage vor seinem Tod wurde er von Sommer mit dem Ochsenziemer geprügelt."

   "Pfarrer Schneiders Frau und Kinder baten die Kommandantur, ihren toten Mann und Vater noch einmal sehen zu dürfen, was von Koch (Lagerkommandant) aus Propagandagründen genehmigt wurde! Um die entsetzliche Entstellung der Leiche zu verdecken, wurde der tote Kamerad von einem SS-Friseur geschminkt und bekam eine Perücke aufgesetzt! Dann wurde er unter Blumenschmuck feierlich in der Truppengarage aufgebahrt. Nachderm die Familie unter Tränen von ihrem Vater Abschied genommen hatte, wurden die Angehörigen von Koch hinausgeleitet. Bei der Verabschiedung sagte er zu Frau Schneider: 'Ihr Mann war mein bester Häftling. Gerade, als ich ihm seine Entlassung mitteilen wollte, starb er an Herzschlag!'"

Das war konkret. Auf der Ideologieebene geht das so: Heinrich Himmler, Reichsführer der SS,  am 4. Oktober 1943 vor SS-Führern:

   "Es ist grundfalsch, wenn wir unsere ganze harmlose Seele mit Gemüt, wenn wir unsere Gutmütigkeit, unseren Idealismus, in fremde Völker hineintragen... Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Bluts zu sein und zu sonst niemandem. Wie es dem Russen geht, wie es dem Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker im Wohlstand leben oder sie verrecken in Hunger, das interessiert mich nur insoweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens zehntausend russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh oder herzlos sein, wo es nicht sein muß; das ist klar. Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen."

    "Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden... Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. "Das jüdische Volk wird ausgerottet", sagt ein jeder Parteigenosse, "ganz klar, steht in unserem Programm. Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir." Und dann kommen sie alle an, die braven achtzig Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

*

 ... "Sie berichtete Jugendlichen von ihren Erfahrungen im Holocaust, 'damit niemand ihn leugnen kann.'" ...










Kommentare:

  1. Hallo, Hubertus!

    Zitat:
    "rumoren in mir"
    Zitat-Ende

    In mir rumort dies:
    Dass in einem vom "Freundschaft-mit-Kindern-Förderkreis e.V." getragenen Blog die Meinungen eines damaligen NS-Schergen zitiert und somit eben auch propagiert werden.

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  2. ich habe mir überlegt ob ich etwas lesen will das für mich womöglich ein risiko darstellt dass mich das gelesene und mein erleben und meine interpretation des gelesenen derart anrührt bzw. mich ev. derart schmerzt und/oder verwirrt und/oder erzürnt oder .. oder .. oder .. derart zutiefst erschüttert dass ich mich letztendlich jenseits von gut und böse in einem vakuum gefüllt mit chaos aus mitgefühl und bedingungsloser LIEBE und/ oder schuldzuweisungen und/oder selbstmordgedanken bzw. bisher noch ungeahnt-schlimmerem wiederfinde ...

    JA ... ich wollte lesen UND bewusst erleben WIE ich das gelesene erlebe ...

    JA ... auch bei mir hatte es ein rumoren zur folge ... und ein tiefes hinter- bzw. untergründiges schaudern ob der für mich herzlosen perspektive und offensichtlich dennoch für wahr genommenen beschreibung eines geschehens durch den mitmenschen H H ... ebenfalls zeitzeuge ...

    ich habe einmal mehr erlebt dass die tatsache WIE ich diesen beitrag erlebe ... ob ich ihn überhaupt lese ... ob ich ihn fehl am platz erlebe ... und/oder als propaganda ... ob ich erschüttert bin dass ich ihn überhaupt gelesen habe und nicht wirklich weiss warum ... ob aus sensationslust ... aus lust am michvergleichen mit anderen menschen .. aus wissensdurst ... als herausforderung ... oder oder oder ...

    schlussendlich ist da die erkenntnis : auch die schönheit .. eines rumorens .. liegt für mich im auge des betrachters ! also in mir

    ein rumoren ist ein rumoren ist ein rumoren ...

    DANKE <3 .. dafür und überhaupt .....




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  3. Wer bin ich, wer will ich sein? Das sind amicative Grundfragen. Korrespondierend: Wer bin ich nicht, wer will ich nicht sein? Weiter: Mit wem oder was will ich nichts zu tun haben? Zu diesem Nein gehört für mich der ganze menschenverachtende braune Sumpf. Was mich da aktuell anlässlich Henriette Cohens Tod anspringt, habe ich in diesem Post gezeigt. Mir ist es wichtig, dabei das braune Gift deutlich zu machen und unmissverständlich vor Augen zu führen. Hinsehen, nicht wegdrücken. Ich bin da nah bei Cohens „damit niemand ihn leugnen kann“. Dass die Himmlers, Sommers und Gaulands Ebenbilder Gottes sind wie ein jeder Mensch und bei all ihren Schaurigkeiten auch ihre Würde zählt, ist amicatives Denken. Aber zur Amication gehören auch Abgrenzung und klare Kante. Hier: das Braune nicht mit mir, Schluss und Aus mit diesem Irrsinn. Was kann ich tun? In meinem Blog diese Gräuel des Handelns und Denkens vor Augen führen, unvergessen machen, damit niemand den braunen Sumpf leugnen, verharmlosen, wiederbeleben kann.


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    1. @amicationtoday (alias Hubertus von Schoenebeck)

      Wegen zu undeutlich kenntlich gemachten Fremdtexten empfinde ich diesen deinen Blog-Beitrag weiterhin als "Zu missverständlich".

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  4. Dank für die Anregung. Ich mache es mit Einrücken und Anführungszeichen deutlich.

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    1. @amicationtoday

      Durch Einrücken und Anführuingzeichen an den passenden Textstellen ist der vom Autor namens Eugen Kogon stammende Fremdtext und auch der von diesem Autor zitierte "H. H."-Fremdtext nun besser vom dir zuzuordnenden Text zu unterscheiden.
      ABER ...
      Ich finde es weiterhin unnötig, dass im Namen des Freundschaft-mit-Kindern-Förderkreis e.V. irgendein von einem damaligen Nazi-Scherge stammender Text zitiert und somit eben auch weiterverbreitet wird.
      Meine Begründung:
      Jeder zitierte und somit weiterverbreitete Nazi-Scherge-Text gibt den Neo-Nazis und deren Sympathisanten Anlass, sich auf ihre Gesinnung etwas einzubilden und sich womöglich sogar wegen der erlangten Aufmerksamkeit gebauchpinselt zu fühlen.

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