Montag, 18. März 2019

Ich bin Dein und Du bist mein







Mit einer guten Freundin komme ich tief in der Nacht ins Gespräch über Beziehungen, Beziehungen in der Partnerschaft. Wir sind beide erstaunt, in welch unterschiedlichen Räumen wir da in unseren Grundpositionen unterwegs sind. Klar doch, jeder hat seine eigenen Vorstellungen. Es fällt uns nicht leicht, einander zuzuhören, nicht ins Wort zu fallen, nicht die eigene Sicht gleich einzubringen. Wir merken, wie unterschiedlich wir sind und hören uns dann zu. Hier nun mein Beziehungsrahmen - so wünsche ich mir meine  Beziehung, mein Wir.

Wir gehen miteinander. Sind ein Herz und eine Seele. Gehören einander. Ich bin Dein und Du bist mein. Dir gehören mein Herz, meine Hände, meine Lippen, mein Sex. Und mir gehören Dein Herz, Deine Hände, Deine Lippen, Dein Sex. Wir sind ein Team im Bergsteigen des Lebens, wir hängen an einem Seil, wir verlassen uns aufeinander. Ich seh zu Dir und auf Deine Gefahren, Du siehst auf mich und meine Gefahren. "Bis dass der Tod Euch scheidet" nehmen wir ernst. "Ja, ich will" nehmen wir ernst. All das erfüllt mich, all das erfüllt Dich.

Meine Freundin ist sprachlos bis entsetzt. Für sie ist das alles völlig verdreht, alles Herrschaft. Totale Selbstaufgabe. Würdelos. Völlig unrealistisch. Es gibt für sie keine solche Verbindlichkeiten. Es ist für sie so, dass Gemeinsames und Zusagen unter einem ständigen Auflösungsvorbehalt stehen. Jederzeit kann alles widerrufen werden. So etwas darf man sich nicht nehmen lassen. "Liebeszusagen sind nicht einklagbar. Da gibt es doch keine Bringschuld."

Ihre Beziehung ist für mich viel zu locker, herzensunverbindlich, körperunverbindlich. Hat sie Beziehungsangst, ist sie beziehungsscheu? Das trifft es aber nicht. Sie hat ja gerne eine Beziehung. Sie hat da nur eben so ganz andere Vorstellungen. Meine machen ihr Angst, findet sie zerstörerisch. Ihre finde ich auf Sand gebaut, substanzlos. Diese Flüchtigkeit - das ist nichts für mich. Bringschuld? Ja, eine des Herzens und eine des Körpers - finde ich gut. "Geht ja gar nicht", sagt sie.

Wir kommen ausführlich auch auf das Sexthema in der Beziehung zu sprechen. Sie: "Ich muss jederzeit meinem Partner einen Wunsch auf Sex abschlagen können. Ich bin doch nicht seine Sexsklavin." Na ja, diese Position ist mir natürlich bekannt. Der Freiheitsimpuls "mein Körper gehört mir" wird da für meine Wahrnehmung nur dermaßen betont, dass das aus der Balance rutscht. Ist doch klar, dass jeder sich selbst gehört, das Credo der Amication (diese Philosophie teilt sie übrigens). Nur: Wenn ich zu meiner Partnerin sage "Ich bin Dein" und sie sagt zu mir auch  "Ich bin Dein" - dann hat eine solche Liebesmagie doch nichts mit Aufgabe des Selbst und Versklavung von Herz und Körper zu tun. Und das gilt für mich auch beim Sex. Aber: das sieht meine Freundin eben anders. So ein Liebesschwur würde ihr nie über die Lippen kommen, erst recht nicht so ein Sexschwur. Sie gerät in Empörung: "Willst Du etwa beim Sex Bringschuld?" "Ja", sage ich, "aber nicht so, wie Du das sagst." Ich fühle mich völlig unverstanden und monsterhaft gesehen: uns trennen Welten!

Abschlagen, verweigern: Wenn mir meine Partnerin einen Sexwunsch abschlägt, ist das für mich schwierig, aber ok, und ich nehm sie in den Arm. Wenn sie meinen In-den-Arm-Nehmen-Wunsch abschlägt, beginnt für mich Befremdliches. Wenn sie mir einen Kuss verweigert, wird es komisch. Wenn sie einen Gedankenaustausch nicht will, weiss ich nicht, was das soll. Ist Kommunikation nicht die Grundlage? Wenn sie so weit geht, dass sie keine Kommunikation mehr will - ja, dann ist sie dabei, von mir zu gehen, oder sie ist schon gegangen. Und ich habe es noch nicht gemerkt. Oder ich merke es dann.

Das Abschlagen von den großen Wünschen in der Partnerschaft ist in meinem Beziehungsrahmen die Ausnahme, die große Ausnahme. So was ist möglich, und so was geht dann wieder weg. Meine Freundin sieht das anders: Da gehört das jederzeit mögliche Abschlagen von großen Wünschen des Partners zur Grundlage ihrer Beziehung. Bei mir die Ausnahme, bei ihr Standard, diese jederzeitige Möglichkeit. Hätte sie diese Möglichkeit eines jederzeitigen Neins nicht, fühlte sie sich unfrei, gefangen, unterdrückt.

Meine Partnerin kann auch jederzeit Nein sagen. In den kleinen Dingen des Alltags wie in den großen Dingen der Liebe. Aber der ganze Background ist ein anderer als bei meiner Freundin. Für mich fühlt sich das Nein meiner Partnerin in der Erfüllung großer Wünsche so an, dass unser Vertrauensfels nicht gesprengt wird. Es ist eine Ausnahme, und sie zerstört nichts. Bei meiner Freundin gibt es diese Felsengrundlage "Wir gehören einander" erst gar nicht. Und von daher ist ein Wunscherfüllungsnein bei ihr von anderer Qualität.

Mit einem jederzeitigen Nein in den kleinen Dingen des Alltags rechnet in ihrer und in meiner Partnerschaft jeder, das gehört einfach dazu. "Willst Du noch ein Brot?" "Nein." Es geht heut Nacht aber um die großen Dinge. Wann fangen die an? Schwierig, fließend. Aber sie sind da. Sicher gehören ein Kuß und Sex dazu. Da tut mir ein Nein weh, das Nein ist nicht selbstverständlich, gehört aber auch dazu und heilt wieder.

"Die Beziehung, die Du Dir vorstellst, wär für mich zu kalt und herzschwach", sage ich zu ihr. "Was Du willst, fühlt sich für mich völlig unfrei an", sagt sie zu mir. Wir beide würden nie im Leben ein Paar abgeben. Wir brauchen die Partner, die zu uns passen. Das ist banal. Aber heute im Gespräch mit meiner Frendin erhält dieser Satz eine besondere Tiefgründigkeit. Wir mögen uns schon - aber wir würden nicht miteinander gehen können.

Mir fällt im Nachdenken über unser Gespräch das Statement einer Frau ein, die viele Affären hatte und dann zu ihrem Partner fand. Als ich das vor Zeiten las, fühlte ich mich wohl. Ihre Position wird in einem Buch berichtet*, deswegen die indirekte Rede im Zitat:

Dann habe sie ihren Mann kennengerlernt und sich eines Tagers entschieden, mit ihm ihr Leben zu teilen. Irgendwann sei sie mit ihm vor den Traualtar getreten und habe gesagt: "Ja, ich will!" Bis heute betrachte sie diesen Satz als ihre Lebensaufgabe: "Ja - ich habe mich für Dich entschieden. Ja, ich will! - Ich will lernen, Dich zu lieben!"

Genau so will ich es und genau so soll es für mich sein.




 * Eva-Maria Zurhorst, Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest, München 2004, S. 371f.






Kommentare:

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  2. JA ... ich bin bereit (m/dich) zu lieben !

    JA ... ich will ! ...

    und alles "fällt an seinen platz" ... wie auch immer das dann ist ...

    in jedem fall ein zufall !!! ;-)

    JA ... da stimme ich zu ! genauso war es .. ist es ... wird es (für m/dich) sein !

    JA ... wer/wie immer du/ich auch bist/bin !

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  3. bringschuld ? oder geschenk des mich hingebens ? das eine schmeckt wirklich wirklich anders als das andere für mich ... sogar schon die worte ! ich wähle die hingabe !

    ausnahme oder standard ? was für seltsame fragen ? standard in der liebe ? klingt und fühlt sich in mir vielleicht bequem aber nicht wirklich lebendig an ...
    ein beständiges von augenblick zu augenblick fliessendes : es ist wie s und das ist gut so ! das ist meine antwort ... und das nicht nur in der liebe zwischen mann und frau sondern überhaupt ...

    und dieses : wir gehören einander hat für mich nichts mit besitz und ansprüchen zu tun sondern mit der bereitschaft einander zu hören ! und zu erkennen !

    manche menschen nennen das LIEBE .. ich zum beispiel ;-)

    wie verschieden wir doch sind ... und entspringen doch der einen quelle ...

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  4. hallo ihr das lesende !

    Ich schau ja zur zeit jeden tag in den blog .. zitternden herzens !!!! … ob und wenn ja welche reaktionen es auf meine letzten .. " ich bin dein und du bist mein ! - kommentare " gibt …
    bis jetzt : nichts !!! .. zumindestens nichts schriftliches was mit mir geteilt werden will ...
    Das ist nicht neu für mich .. und doch berührt mich dieses „nichts“ immer wieder .. immer noch ... zutiefst ..
    nachdem ich meinen kommentar gelöscht hatte wollte ich zumindestens hubi ein mail schreiben .. um ihm zu erklären wie diese liebeserklärung von mir in diesem kommentar gemeint war … doch dann fühlte ich dass da tief in mir drinnen eine qualität der verbundenheit ruht die keiner worte bedarf .. hubertus sieht mich ! meine essenz ! die geheimnisvolle qualität von verbundenheit und einseins jenseits von worten .. zeit und raum … also wird er meine worte als das erkennen was sie sind ! was sie für mich sind ...
    Und ihr da draussen ? wie ergehts euch mit mir und diesen worten die ich da schreibe ???
    Denn meine worte sind ja auch an euch gerichtet !

    Ist bedingungslose erwartungslose LIEBE zum leben und auch zu menschen für euch eine unrealitische romantische verblendung und/oder sogar symptom eines pathologischen zustandsbildes ?
    oder .. so wie für mich.. eine verheissung des lebens die in erfüllung gehen und wirklich wirklich sein und werden kann ? ...
    ein mysterium .. ein phänomen das ich freien herzens bejahen oder .. warum auch immer .. ablehnen kann .. wenn ich will ?
    Ich danke ANONYM für ihre/seine klare stellungnahme wie ich von ihm/ihr erlebt werde ! und auch ebenfalls unbekannterweise ein wertschätzendes danke an hubi s freundin .. von der er oben berichtet .. dafür dass ich fühlen konnte was ihre haltung bei mir ausgelöst hat ... verständnis ja! übereinstimmung nein ! für mich liegt die freiheit nicht im unverbindlichen freien ausagieren ... sondern im bewussten bereitsein und mich öffnen für ein paradoxerscheinendes bejahen der in der verbundenheit existierenden halbdurchlässigen grenzen ...

    Damit geht s mir besser als mit einem eisigkalt scheinenden schweigenden nix !

    Allerdings … nix is fix !

    es gibt ja sowas wie " beredtes schweigen! " ... findet für mich ganz offensichtlich hier im blog grad statt ;-) .. eine nicht ganz-dichte art der kommunikation ...

    alles liebe christa
    Alles liebe
    Christa

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  5. warum alles liebe zweimal steht weiss ich nicht ... na ja doppelt hält ja angeblich besser ;-) .. ein zuviel an liebe gibt s für mich ja sowieso nicht ...

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  6. Hab geschrieben und alles wieder gelöscht.
    Liebe Grüße
    Carola

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    1. hallo carola .. kann ich gut nachvollziehen :-) alles liebe christa

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  7. Hallo, Hubertus!

    Nun habe ich gerade auch wieder das Bedürfnis, hier einen Text zum Lesen anzubieten.

    Zitat:
    "Bringschuld? Ja, eine des Herzens und eine des Körpers - finde ich gut. "Geht ja gar nicht", sagt sie."
    Zitat-Ende

    Auf welche Person bezieht sich deine (auf eine Bringschuld bezogene) Meinung?

    Ich für meinen Teil beziehe eine solche Bringschuld bestenfalls nur auf mich selbst (also nur auf mein Herz und meinen Körper).

    Gruß von HaJo51

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