Freitag, 27. Januar 2017

Offener Brief zum Thema Schule von Rosi, sechzehn Jahre, II


Offener Brief zum Thema Schule
von Rosi, sechzehn Jahre

Teil II


Also, da sitzt er, unser Lehrer. Manchmal auf dem Pult (so
sieht er auch noch optisch größer aus) oder hinter dem Pult,
zur Sicherheit. Wenn er an sich zweifelt, lassen sich Pulte
wirklich gut als Mauer verwenden. Also er sitzt da auf dem
Pult. Er sieht in die Runde. Wie ein Radar. Alles ist ruhig
(Arbeit oder was abschreiben). Was passiert, wenn er
aufgeschreckt wird? Einen Laut wahrnimmt, der seiner
Meinung nach nicht hierher in diese Anpassungsanstalt passt?
Richtig: erste Verwarnung, vielleicht dann eine zweite, eine
Fünf oder, wenn's ganz schlimm kommt, blaue Briefe. Das
zieht natürlich. Klar. Was soll man denn dagegen machen,
wenn die Eltern so was auch noch gut finden, oder wenn man
selber nur das Gefühl hat, dass das Scheiße ist, es aber nicht
richtig sehen kann?

Kurz vor Ende der Stunde. Die große Unruhe entsteht. Der
Lehrer ermahnt. Er kommt nicht durch. Die Klasse ist zu
laut. Der Lehrer weiß nicht, was er tun soll, gegen so viele.
Es klingelt. Die Erlösung. Erst mal Pause. In der nächsten
Stunde das gleiche noch mal von vorn, bitte.

Du lernst doch für dich - warum merke ich nichts davon? Ein
Lehrer sagt zu mir: Du bist doch so intelligent, du bist nur
faul, mach gefälligst was. Bin ich wirklich so faul? Woher
nimmt sich dieser Arsch eigentlich das Recht, über mich zu
richten?
Dann auch noch diese Eltern „Ich will doch nur dein
Bestes.“ - „Ich weiß, was für dich gut ist.“ - „Siehste, hab ich
dir doch gleich gesagt, dass du das nicht bringst.“ Woher
kann ein Mensch für einen anderen wissen, was für ihn gut
ist? Jeder kann das nur für sich selbst wissen. Gerade das, was
man lernen möchte. Eigentlich möchte man erst mal alles
lernen. Wenn genügend Angebote da wären, könnte man
sich nach einiger Zeit oder sofort das raussuchen, woran man
am meisten Interesse hat.
Ich denke dabei an eine Schule, die total anders ist. Erst mal
sollte diese verdammte Schulpflicht abgeschafft werden.
Und damit müsste das ganze Schulsystem umgekrempelt
werden. Sonst hätte man ja gar keine Wahl mehr, man würde
einfach (logischerweise) nicht mehr hingehen. (Eltern?). Die
Schule sollte den ganzen Tag geöffnet sein. Wenn man am
liebsten etwas machen will, soll man hingehen können. Es
müsste unzählig viele Fächer geben. Erst mal die, die man
sowieso schon hat. Dann sollten noch ganz viele andere Sa-
chen angeboten werden. In allen Fächern oder Kursen sollte
es keine festen Klassen geben, sondern jeder geht dahin, wo
er hin will.

Im „Unterricht“ sollten die Schüler - auf keinen Fall der
Lehrer - bestimmen, was und wie was gerade gemacht
werden soll. Schließlich ist die Schule für die da, die was
lernen wollen, und nicht für die, die Wissen vermitteln
sollen!

Wenn man nur das wissen würde, was mir die Schule
beigebracht hat, wie könnte man damit leben? Also sollten so
Kurse und Fächer angeboten werden, wo man lernt, kritisch
zu denken, wo verschiedene Erziehungs- und
Umgangsmethoden behandelt werden. Man könnte sich
auch einfach so treffen und irgendwas losmachen, in ne
Kneipe oder Disco, schwimmen gehen, ins Kino, in den
Wald gehen usw. Ich finde, es sollte soviel wie nur möglich
angeboten werden, damit man wirklich das machen kann,
wozu man Lust hat.

Ich bin davon überzeugt, dass das alles viel mehr Spaß
machen würde, und dass da einem das Lernen nicht verlernt
wird, sondern dass man wirklich mit Laune an die Sachen
rangehen kann.

Um so eine Schule zu bauen, müssten natürlich noch I00 000
Einzelheiten durchdacht werden, die Eltern müssten
mitziehen und die Idee müsste vom lieben Staat unterstützt
werden. Na ja. Vielleicht gibt's so was ja mal irgendwann
wirklich. Aber bis dahin sind wir vielleicht schon alte Omas
und Opas. Oder schon lange tot.

Ich finde, so wie die Schule jetzt ist, kann man als einzelner so
gut wie nichts machen. Aber ich finde es schon wichtig, dass
man weiß, was da so passiert. Und warum? Damit man nicht
noch mehr von diesem Zeugs in sich reinwürgt.







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