Donnerstag, 26. Januar 2017

Offener Brief zum Thema Schule von Rosi, sechzehn Jahre, I


"Ich will heute nicht zur Schule!" Ich bekomme mit, wie ein
Siebenjähriger morgens das nicht will. Ich weiß, dass er sich seit
einiger Zeit, zunehmend, unwohl in der Schule fühlt. Ich denke
an meine vielen Texte über die Schule. Und mir fällt Rosi ein,
ihr "Offener Brief zum Thema Schule". "Jugendgefährdend"
war der Titel eines rororo-Taschenbuchs aus dem Jahr 1982. 
Rosi war damals eine sechzehnjährige Schülerin, ich hatte
sie gefragt, ob sie für dieses Buch etwas zur Schule schreiben
könnte. Was sie dann auch gern tat.

*

Offener Brief zum Thema Schule
von Rosi, sechzehn Jahre

Teil I

Die Schule ist ein ziemlich verwickeltes Thema. Jeder weiß
(oder glaubt zu wissen), was das ist. Ihr wisst das wohl am
besten. Aber wisst ihr auch, was da wirklich so abläuft, wie
die Schule sich auf euch auswirken kann? Sicher habt ihr euch
schon mal Gedanken darüber gemacht und euch schon oft
ungerecht behandelt gefühlt oder unter Druck gesetzt ge-
fühlt. Wozu ist die Schule eigentlich da? Sicher, jeder muss
später einen Arbeitsplatz finden, um ein „geregeltes“ Leben
zu führen. Jeder Mensch muss lernen, damit später aus ihm
„etwas wird“. Bin ich jetzt noch nichts wert?

Muss man erst in der Schule lernen zu lernen? Ich finde, die
Schule sollte dazu da sein, einfach Wissen zu vermitteln, wo
man denkt, es zu brauchen. Und nicht dazu da sein, einem alles
mögliche zwangsweise beizubringen - woran man das Inter-
esse von vornherein verliert, eben weil es keine Auswahl gibt.
Man bekommt einige Fächer vorgesetzt, die man eben lernen
muss. Die Druckmittel, von denen die Lehrer Gebrauch ma-
chen, wenn man sich weigert, das zu tun, kennt ihr ja.

Also will man gar nichts „für das Leben“ lernen? Natürlich
will man das. Jeder Mensch von klein auf lernt Sachen, die er
im Leben braucht. Die Babys lernen stehen, laufen, spre-
chen, spielen, weil sie es einfach wollen. Sie lernen es einfach
von allein, dann, wenn sie denken, sie könnten es ja mal ver-
suchen. Wenn sie Glück haben, haben sie noch nette Eltern,
die sie nicht drängeln, sondern einfach dabei unterstützen,
wenn sie es wollen.

Dann kommt die Zeit, wo sie lesen, schreiben und rechnen
lernen wollen. Sie sind richtig wild darauf, in die Schule zu
gehen, um alles zu lernen. Dann endlich sind sie soweit. Sie
„dürfen“ in die Schule. (Ein großer Irrtum: sie müssen.) Alles
ist neu, schön oder beängstigend, je nachdem. Die meisten
gehen sehr gern in die Schule. Vielleicht merken sie nach ein
paar Tagen oder Wochen, dass das alles nicht so ganz nach
ihren Vorstellungen läuft. Ihre Hoffnungen sind aber noch
lange nicht weg. Schließlich sind da ja ein paar Sachen, die sie
vielleicht mögen.

Aber wie ist das jetzt bei euch? Geht ihr immer noch so gern
in die Schule? Freut ihr euch noch jeden Morgen darauf,
etwas zu lernen, was ihr als sinnvoll anseht? Und auf die
netten Lehrer?

Na ja, ich jedenfalls schon lange nicht mehr. Aber ich weiß
noch genau, damals, vor vielen Jahren, wie ich mich wirklich
auf die Schule gefreut habe. Warum jetzt nicht mehr? Irgend-
etwas muss doch da mal schiefgelaufen sein. Die meisten
Erwachsenen haben einfache Erklärungen dafür: Faulheit,
Mangel an Intelligenz, Trotz. Warum und was läuft da total
verkehrt? Ich finde, dass das ganze Schulsystem total geändert
werden müsste. Man muss nur mal einen Tagesablauf in einer
Schule richtig mitkriegen.

Morgens komme ich in die Klasse, die Lehrerin (oder der
Lehrer) ist auch schon da oder kommt später, je nachdem.
Also. Alle sitzen artig auf ihren Plätzen, der Lehrer wartet,
bis Ruhe ist, oder brüllt gegen die Menge an. Dann beginnt er
mit dem Unterricht, den er schon vorher fein säuberlich
vorbereitet hat. Nichts passiert wirklich. Keiner hat Spaß,
alle sitzen da und hören sich an, was der Lehrer da so erzählt.
Der Dompteur und seine Sklaven.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die sich so toll
vorkommen, wie sie tun. Ich würde mir wie der letzte Dreck
vorkommen, wenn ich auf einen Schlag über dreißig
Menschen nur auf Grund ihres Alters (sie sind ja noch so klein
und dumm) unterbuttern müsste. Und da sagen die Lehrer:
Es ist ungerecht, Leute zu unterdrücken wegen ihrer .
Hautfarbe, es ist ungerecht, Leute zu unterdrücken wegen
des Geschlechts, es ist ungerecht, Leute zu unterdrücken
wegen ihrer Religion. Ganz selten sagen sie, dass es ungerecht
sei, Leute wegen ihres Alters zu unterdrücken. Aber da
meinen sie die Rentner.

Und an die Kinder und Jugendlichen, die seit der Geburt
unterdrückt werden, nur weil sie ein paar Zentimeter kleiner
sind, die dann gezwungenermaßen den Druck weitergeben
müssen, und daran, dass sie (die Lehrer) Tag für Tag dabei
kräftig mitmischen, daran wollen sie nicht denken. Sie sollen
mal richtig daran denken, wie das war, als sie in unserem Alter
waren, sich das mal richtig reinziehen. Ihre Stelle aufgeben
und ihren Frust am Psychiater oder sonstwo auslassen (das
tun viele schon, aber offensichtlich nicht genug), aber nicht .
an uns. Nicht den Druck weitergeben an uns, bis wir nicht
mehr können und den Druck dann an anderen auslassen und
die dann an wieder anderen und die anderen an der nächsten
Generation usw. . . . So hört dieser ganze Scheißkram nie auf.

Teil II folgt.

1 Kommentar:

  1. Moin, Hubertus!

    Zitat:
    "Und mir fällt Rosi ein,
    ihr "Offener Brief zum Thema Schule". "Jugendgefährdend"
    war der Titel eines rororo-Taschenbuchs aus dem Jahr 1982. " Zitatende

    Sehr vage erinnerte ich mich vorhin, dass ich mir das betreffende Buch damals mal gekauft hatte. Habe dann auch gleich in meinem Archiv nach diesem Buch gesucht ..... und es mit Mühe gefunden.
    Aber im Inhaltsverzeichnis fand ich keinen Hinweis auf Rosi' "Offener Brief ...".
    Nach mehreren Such-Versuchen habe ich Rosi' "Offener Brief ..." dann doch gefunden (werde ihn mir später mal durchlesen).

    Dass du in diesem Buch als einer von vielen Co-Autoren fungiert hast, wusste ich nicht mehr. ;-)

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